5 Gieß-Mythen: Was ist dran?
Der Sommer in Berlin ist da und mit ihm die Gieß-Saison. In der heißen Jahreszeit brauchen die Bäume in der Stadt wieder Unterstützung bei der Wasserversorgung. Dabei können auch Künstliche Intelligenz und eine digital-vernetzte Community helfen:

Das Projekt „Quantified Trees” (kurz: QTrees) entwickelt u.a. ein durch KI gestütztes Vorhersagesystem, um die akut von Trockenheit gefährdeten Stadtbäume zu identifizieren und ihre Wasserversorgung zu optimieren. Unser Projekt Gieß den Kiez setzt auf das Engagement der Stadtcommunity und hat 2020 eine interaktive Plattform geschaffen, um Bürger:innen bei der Bewässerung der Bäume zu aktivieren und zu koordinieren. Trotz des unbestrittenen Mehrwerts beider Projekte – über Gieß den Kiez wurden bislang knapp 1,8 Mio. Liter Wasser gegossen (Stand: Juni 2023) – kursieren immer wieder Mythen und falsche Informationen rund um die Bewässerung von Bäumen. Wir haben mit unseren Expert:innen die Faktenlage gesichtet und räumen in diesem Beitrag mit fünf Mythen rund ums Gießen auf.
"Bei der aktuellen Trinkwasserknappheit bloß nicht gießen!"
Falsch – es sei denn, man verwendet Trinkwasser. Für das Gießen der Bäume empfehlen wir bei Gieß den Kiez grundsätzlich die Verwendung von Wasser, das aus den öffentlichen Schwengelpumpen kommt. Dieses Wasser ist Brauchwasser – nicht zum Trinken geeignet – und wird genau für diese Zwecke zur Verfügung gestellt. Damit Bürger:innen schnell die nächste funktionstüchtige Pumpe in ihrer Nähe finden, sind die Pumpen auf gießdenkiez.de vermerkt. Die Standorte der Pumpen in der Karte laden wir wöchentlich aus der Datenbank von Open Street Map. So ist die nächste Wasserstelle schnell gefunden, ohne auf Trinkwasser zurückgreifen zu müssen.
"So viel kann man gar nicht gießen wie ein Baum Wasser braucht"
Falsch. Es stimmt aber auch, dass richtig zu gießen eine durchaus komplexe Angelegenheit ist. Zum Glück gibt es einige Grundregeln, die, sofern man sie beachtet, jeder:jedem das optimale Bewässern leicht macht.
Angelehnt an das Berliner Handbuch Gute Pflege empfehlen unsere Expert:innen zudem: Lieber alle ein bis zwei Wochen ca. 100 bis 200 Liter Wasser gießen, anstatt häufig und mit nur kleinen Mengen zu wässern. So ist garantiert, dass das Wasser auch bis in die tiefen Bodenschichten zu den Baumwurzeln durchsickert und nicht nur anliegende Pflanzen versorgt werden. Wichtig ist außerdem, den ausgetrockneten Boden vor dem Gießen mit einem kleinen Schluck Wasser anzufeuchten, sodass das Wasser in den Boden eindringen kann und nicht oberirdisch abläuft oder sich falsch anstaut. Wahlweise können auch Gießmulden mit einem Ring aus Humusboden gebildet werden, um das Ablaufen des Wasser zu verhindern. Auch zu empfehlen sind sogenannte Gießsäcke aus denen das Wasser nur sehr langsam austritt, kaum oberflächlich abläuft und somit kontinuierlich in den Boden sickert.
Schon gewusst? Je nach Alter, Standort und Baumart benötigen Bäume sowieso unterschiedlich viel Wasser. Jungbäume (0-15 Jahre), benötigen mehr Wasser als mittelalte Bäume (15-40 Jahre). Altbäume (ab 40 Jahre) sind meist komplette Selbstversorger. Da frisch gepflanzte Bäume in den ersten 3 bis 5 Jahren (Schwankung je nach Bezirk) nach der Pflanzung in der der Regel von den bezirklichen Grünflächenämtern mit Wasser versorgt werden, benötigen besonders die Bäume zwischen vier und 15 Jahren unsere Aufmerksamkeit, beziehungsweise unser Wasser. Dies hat Gieß den Kiez in seiner Anwendung mit den Kennzeichnungen des geringen, mittleren oder hohen Wasserbedarfs hervorgehoben.
"Wir alle sollen Bäume gießen? Da fühlt sich doch eh niemand verantwortlich"
Falsch. Wir lassen mal die Zahlen sprechen: Über 3.000 Gießer:innen, knapp 1,8 Millionen gegossene Liter Wasser, 9.840 bewässerte Bäume und 47.575 Gießungen – das ist die engagierte Gieß den Kiez-Community Stand Juni 2023. Es gibt also jetzt schon viele Menschen, die sich für den Erhalt der Stadtbäume in Berlin einsetzen.
Und das Projekt ist so ein großer Erfolg, dass die Städte Leipzig und Magdeburg die Plattform adaptiert haben. Das zeigt nicht nur, wie groß der Bedarf ist, sondern auch, dass Open Source Anwendungen und Open Data auch für andere Städte hilfreich sind und es überall engagierte Bürger:innen gibt, die sich für das Klima in der Stadt stark machen.
Trotzdem sind wir und das Projekt immer wieder auf neue, aktive Nutzer:innen angewiesen, die mit ihrem Gieß-Beitrag und dem Austausch in der Community daran mitwirken, die vielen Bäume in der Stadt zu erhalten. Spread the word!
"Um die Berliner Bäume kümmert sich doch die Stadt. Da muss ich doch gar nichts mehr machen."
Falsch. Die Straßen- und Grünflächenämter sind zwar aktiv und gießen mehrere tausend Bäume jedes Jahr, müssen aber angesichts der extremen Klimawandeleffekte die Gießungen stark priorisieren. Durch knappe finanzielle und personelle Ressourcen kann daher besondern in heißen Sommern nicht jeder Baum ausreichend bewässert werden. Da die Grünflächenämter bezirklich organisiert sind, arbeitet jeder Bezirk etwas anders, weshalb eine ganzheitliche und bedarfsgerechte Koordination des Gießens mit Hürden verbunden ist. Durch unsere Plattform haben Bürger:innen die Möglichkeit, Bäumen gezielt auf Grundlage ihrer aktuellen Wasserversorgung zu helfen und sich zu informieren. Ziel ist es, möglichst viele Bäume durch nachbarschaftliches Engagement zu retten. So können alle zum Erhalt der Bäume unserer Stadt beitragen.
"KI bringt beim Klimaschutz nichts"
Falsch. In Berlin gibt es circa 839.000 Straßen- und Anlagenbäume. Jeden Einzelnen mit einem Sensor ausstatten oder händisch überprüfen? Unmöglich und absolut nicht nachhaltig.
Deshalb entwickeln wir bei QTrees zusammen mit den KI-Expert:innen von "Birds on Mars" ein KI-Modell, das unter Einbeziehung vielfältiger Datenbestände den Zustand und den Standort eines jeden Baumes quasi datafizieren und digital beschreiben. Mithilfe des KI-Modell kann schließlich die tagesaktuelle Saugspannung aber auch die voraussichtliche Saugspannung der nächsten 14 Tage eines jeden Baumes vorausgesagt werden. Die Saugspannung gibt dabei an, wie stark die Wurzeln eines Baumes "saugen" müssen, um sich mit Wasser zu versorgen und ist ein guter Indikator für das pflanzenverfügbare Wasser im Boden. Mit Hilfe der Saugspannung können akut unter Trockenheit leidende Baumstandorte frühzeitig identifiziert und somit – im Idealfall – rechtzeitig bewässert werden. Auf Basis dieses Modells sollen schließlich zwei Web-Applikationen entwickelt werden. Diese Anwendungen werden sowohl der öffentlichen Verwaltung als auch der Zivilgesellschaft Berlins die Möglichkeit bieten, die Bewässerung der Stadtbäume zu optimieren und zukünftig agil auf dynamische Wetterbedingungen zu reagieren. QTrees, aber auch viele andere KI-basierte Klimaschutzprojekte zeigen: Gerade da, wo uns Daten oder Ressourcen zur Erhebung von Daten fehlen, kann Künstliche Intelligenz einen echten Mehrwert beim Klimaschutz entfalten.
Fazit
Wir konnten mit 5 Mythen rund ums Gießen aufräumen und zeigen, wie wichtig und sinnvoll es ist, neue Technologien wie KI und engagierte Bürger:innen mit in das Bewässern von Städtbäumen einzubeziehen. Durch smarte Lösungen, digitale Vernetzung und Bürger:innen-Empowerment können wir den Auswirkungen des Klimawandels entgegengewirken. Damit Berlin weiterhin ein lebenswerter Ort bleibt. Deshalb: Gießkanne schnappen, Teil der Gieß den Kiez-Community werden und Stadtbäume retten!
QTrees

Quantified Trees: Intelligente Bewässerungsvorhersage für Stadtbäume. Gefördert vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.
Gieß den Kiez

Gieß den Kiez ist eine Plattform zur Koordinierung der Bewässerung der Berliner Bäume. Die Karte bildet fast alle Straßen- und Anlagenbäume Berlins mit Informationen wie Wasserbedarf, Alter und Art dar und lädt alle Bürger:innen ein, sich an der Bewässerung unseres gefährdeten Baumbestands zu beteiligen.