Wie nachhaltig ist die Digitalisierung?

Wie nachhaltig ist die Digitalisierung? Wie wollen wir leben? So lautete die Frage der ARD-Themenwoche #wieleben Mitte November. Die Diskussion beim 110. Treffpunkt WissensWerte fasst Thomas Prinzler in einem Blogbeitrag zusammen.

 

Wie wollen wir leben? So lautete die Frage der ARD-Themenwoche #wieleben Mitte November. In der Digitalstrategie der Bundesregierung heißt es: „Ziel ist es, die Lebensqualität für alle Menschen in Deutschland weiter zu steigern, die wirtschaftlichen und ökologischen Potenziale zu entfalten und den sozialen Zusammenhalt zu sichern.“ Und das soll für alle Bereiche gelten und unser Leben besser, schöner, reicher und nachhaltiger machen. Digitalisierung wird als gesellschaftlicher Megatrend beschrieben. Ein hehres Ziel – doch die erlebte Realität ist oft anders. Stichworte wie Schule und Digitalisierung – nicht nur zur Corona-Zeit, Verwaltung und Digitalisierung oder Nachhaltigkeit und Digitalisierung mögen da reichen. Grund also zu fragen: Wie digital sind wir und wie nachhaltig ist die Digitalisierung?

Wenn beispielsweise der Akku des 2-jährigen Handys schwächelt, ist eine oft gestellte Frage: Ist das noch gut oder kann das weg? Kann weg, lautet dann häufig die Antwort. Das haben Studien von Prof. Melanie Jaeger-Erben ergeben, sie leitet das Fachgebiet Transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung in der Elektronik an der TU Berlin, denn das immer schneller angebotene Neue – nicht nur Smartphone - ist reizvoll. „Das kann meine Bedürfnisse vielleicht besser befriedigen, ist vielleicht sogar besser,“ sagt Jaeger-Erben. „Die Zuverlässigkeit der Dinge im Gebrauch ist vielen nicht deutlich und wichtig.“

Nachhaltig wäre es, Dinge zu pflegen und zu reparieren, eine Kreislaufwirtschaft, betont Jaeger-Erben, ein Smartphone beispielsweise könnte bis zu neun Jahren leben. Zustimmung von Prof. Tilmann Santarius vom Einstein Center Digital Futures: „Dieser Glaube in die neuen Gadgets – jetzt ist das Emoji noch interaktiver und kann sich mehr an meinen Gesichtsausdruck anpassen – das ist Pillepalle.“ Für Santarius stehen die Werbemillionen für digitale Endgeräte der Nachhaltigkeit diametral entgegen. „Wenn wir an Langlebigkeit ran wollen, dann müssen wir die Werbewirtschaft anschauen und zu neuen Regeln kommen.“

Und auch die geringe Haltbarkeit ist ein Problem. Viele Verbraucher*innen vermuten dahinter Absicht, die Hersteller*innen bauen ihre Produkte so, dass sie kurz nach der Garantiezeit kaputt gehen. Aber diese „geplante Obsoleszenz“ lasse sich durch Studien nicht belegen, betont Jaeger-Erben. Der Design- und Herstellungsprozess sei so komplex, da könne man nicht sagen, „da steht jetzt ein Gott in Weiß oder ein Ingenieur, der den Daumen hoch und runter macht und der sagt, die Lebenszeit soll jetzt mehr oder weniger sein.“
Zustimmung mit Ergänzung von Prof. Stefan Rammler, Direktor des Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung. Es gibt zwar keine geplante Obsoleszenz, aber die Geräte sollen durchaus nicht langlebig sein. „Das hat doch eine Logik dahinter“, ist sich Rammler sicher. „Der Versuch, im privaten Konsum mit individuellen Strategien dem etwas entgegenzusetzen ist (…) zum Scheitern verurteilt.“ Es gehe darum, Prozesse anders zu regulieren. Doch ist es dafür nicht bereits zu spät? Die Digitalisierung bestimmt immer stärker unser Leben und unser Arbeiten in allen Bereichen. Nein, lautet die Antwort von Prof. Santarius. „Ich glaube, es ist der perfekte Zeitpunkt, um politisch zu gestalten.“ Jetzt seien Chancen und Risiken erst richtig sichtbar, Beispiel Facebook und Twitter, jetzt müsse es zu einer gesellschaftlichen und politischen Diskussion kommen, fordert Santarius eindringlich.

Digitalisierung sei eine riesige Toolbox, aber vor allen Dingen Mittel zum Zweck. „Zwecke sind unter anderem eben globale Gerechtigkeit und die planetaren Belastungsgrenzen, also unsere Biosphäre für nachfolgende Generationen zu erhalten“. Und so sei die Hauptfrage für seine Forschung: „Wie können wir Digitalisierung nutzen, damit wir die Nachhaltigkeitsziele besser erreichen?“
Dafür gäbe es eben jetzt Freiraum und Zeitfenster, ist auch Stefan Rammler überzeugt, und man müsse es jetzt nutzen.

Und „wenn es einen Ort auf der Welt gibt, dann ist das Europa, was im Rahmen des Green New Deal jetzt noch die Chance hat, eine eigene Regierungsphilosophie zu entwickeln“, so Rammler. Es gehe um die Frage, ob den Monopolen und Oligopolen wie Facebook, Google und Co. die Freiheit gelassen werde, weiter und mehr, die Daten der Bürger*innen zu sammeln. Lassen wir ihnen die Freiheit, „diesen Datenreichtum zu erzeugen, exklusiv auszuwerten, immer besser zu werden und damit immer bessere Ökosysteme zu bauen?“ Es sei aus Sicht der Konzerne logisch, Kühlschränke, Küchenherde oder sogar die Zahnbürste zu digitalisieren. Es gehe nicht um Daten-Extraktivismus, wie Rammler das nennt, „das ist nämlich die Strategie der großen monopolkapitalistischen Digitalfirmen, sondern um Daten-Distributismus. Das heißt, die Daten, die uns ja als eigene Konsumenten und Bürger selbst gehören, die müssen, die dürfen nicht von dem einzelnen Unternehmen weggenommen werden, für ihre Zwecke genutzt werden. Sie müssen wieder zurückgegeben werden in die Gesellschaft, in die Kommunen.“ Tilmann Santarius sieht in der europäischen Datenschutzgrundverordnung einen großen Schritt in die richtige Richtung. Allerdings müsse sie weiterentwickelt werden, denn im Hinblick auf die Datenkraken sei die Verordnung bisher ein „zahnloser Tiger“. Für Santarius ist klar, „dass persönliche Daten …gar nicht zu kommerziellen Zwecken verwendet werden sollen.“ Für all das brauche man eine digitale Agora für alle Beteiligten, einen wirklich neutralen Ort ohne ökonomische Interessen und auch ohne politische Interessen, schlägt Prof. Rammler vor. Da könne frei und unabhängig über die Zukunft nachhaltiger Digitalisierung diskutiert werden. Man müsse viele Akteur*innen mitnehmen, sagt Jaeger-Erben, und die Frage beantworten: „Wie kann Ökonomie sozial und ökologisch werden?“ Es sei an der Zeit, sich zu entscheiden, denn die Chancen der Digitalisierung seien gigantisch, so Stefan Rammler. „Es gab in der Geschichte der Menschheit noch nie ein mächtigeres Konglomerat von Technologien und Einzeltechnologien als digitale Technologien. Und das sollten wir jetzt nutzen, um das Paradies auf Erden zu schaffen und nicht weiter in die kapitalistische Hölle zu gehen.“

Der Treffpunkt WissensWerte zur ARD Themenwoche ist hier (MP3, 54MB) direkt herunterladbar.

Auf dem Podium saßen
Prof. Dr. Melanie Jaeger-Erben
TU Berlin, Transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung in der Elektronik
Prof. Dr. Stephan Rammler
IZT - Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung gemeinnützige GmbH
Prof. Dr. Tillman Santarius
TU Berlin, Institut für Berufliche Bildung und Arbeitslehre
Institut für ökologische Wirtschaftsforschung GmbH
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