Vermessen?

Naturforscher*innen auf Alexander von Humboldts Spuren beim 103. Treffpunkt WissensWerte. Ein Blogbeitrag von Thomas Prinzler

„Die gefährlichste der Weltanschauungen ist die der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben“, soll Alexander von Humboldt gesagt haben. Und er bereiste die Welt – Deutschland, Europa, Amerika und Russland. Er hat dort alles, was er sah und gefunden hat, gesammelt, vermessen, verglichen und analysiert und später in seinem 5-bändigen Werk "Kosmos – Entwurf einer physischen Weltbeschreibung" zusammengefasst - die Quintessenz seines Forscherlebens über die Erkenntnisse über Himmel und Erde. Auch heute gibt es immer noch viel zu entdecken und zu vermessen. Wissenschaftler*innen sitzen nicht nur im Elfenbeinturm sondern bereisen die Welt, schauen sie sich an, sammeln, messen, analysieren. Ist es also vermessen, eine Botanikerin, eine Archäologin und einen Polarforscher mit dem Universalgelehrten Humboldt zu vergleichen?

„Ja, natürlich ist es das“, sagt Iris Gerlach, Leiterin der Außenstelle Sana'a der Orient-Abteilung im Deutschen Archäologischen Institut Berlin „hinter unseren Forschungen steht heute ein Riesenteam, wir können das gar nicht so universal“. Zustimmung von Markus Rex, Abteilungsleiter Atmosphärenphysik am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung in Potsdam. Der Universalgelehrte Alexander von Humboldt habe die Naturwissenschaft als Ganzes vertreten. „Das ist heute nicht mehr möglich, denn kein Wissenschaftler kann alleine in mehr als einer Disziplin weltweit führend sein“. Und so umfasst das Team von Prof. Rex auf dem Forschungseisbrecher „Polarstern“ auch mehrere hundert Menschen aus 19 Nationen. Denn er ist Expeditionsleiter der spektakulären MOSAiC-Expedition – die als eines der größten und aufwändigsten Forschungsabenteuer unserer Zeit bezeichnet wird. Die „Polarstern“ sticht am 20. September d.J. vom norwegischen Tromsö in See, um ein Jahr lang festgefroren im Eis quer durch die Arktis zu driften, so wie 1893 der Norweger Fridtjof Nansen. „Ich freu mich wahnsinnig darauf, das Land endlich hinter mir verschwinden zu sehen nach vielen Jahren intensiver Vorbereitung.“ Erstmals werden die Wissenschaftler*innen auf der Polarstern kontinuierlich messen können. Es geht darum „alle Aspekte des Klimasystems zu vermessen“, sagt Rex. Dazu sind weltweit führende Forscher*innen aus unterschiedlichen Fachbereichen mit an Bord – von Atmosphärenforschung, Meereisphysik, Ozeanographie, Biologie oder Chemie. „Alle die Prozesse, die sich da abspielen, und wie diese Dinge - Atmosphäre, Ozean, Eis miteinander wechselwirken, und was die Biologie da für ein Rolle spielt, ist uns bisher unbekannt und das werden wir uns genau anschauen.“

Genaues anschauen ist auch die Sache von Sabine von Mering, Forschungsgruppenkoordinatorin am Botanischen Garten und Botanischen Museum Berlin-Dahlem. Auch wenn sie dazu nicht in die Arktis geht, da sei es zu kalt und es gibt keine höheren Pflanzen, sagt sie. Und ihre Expeditionsteams sind sehr klein. Sabine von Mering sammelt und untersucht auf den Spuren Humboldts in den Anden und auch in Mexiko ihre Pflanzen. Aber warum? „Viele dieser Pflanzen, die Humboldt und Bonpland damals gesammelt haben, sind an einem Ort beschrieben. Wir wollen diese Pflanzenarten wiederfinden aber auch neue entdecken“, beschreibt Dr. von Mering ihre Expeditionen. Und dabei geht es nicht um die Befriedigung der botanischen Sammelleidenschaft.
„Es geht schon schwerpunktmäßig um die Erfassung der Biodiversität in einem bestimmten Gebiet. Wir vergleichen mit unseren Sammlungen am Museum, die ein Archiv des Lebens sind, und können bestimmen, welche Pflanzen es zu welcher Zeit an welchem Ort gab.“

Zeit und Ort sind auch bestimmende Faktoren der Archäologin Iris Gerlach. Sie erforscht im Jemen die Hochkultur der Königin von Saba, die im ersten Jahrtausend v.Ch. am Rande der Wüste siedelte. „Die sabäische Kulturlandschaft hat es in der Wüstenregion geschafft, die Umwelt so zu nutzen - da haben wir die Beziehung Klima-Mensch-Natur ganz nach Humboldt - um dort eine komplexe Gesellschaft aufzubauen.“

Es geht dabei immer darum, die menschlichen Existenz zu ergründen und Geschichte darzustellen, nach dem Motto „Wer bin ich, woher komme ich, wohin gehe ich?“ Die Antworten auf “Warum stehen die hier und warum sehen sie so aus?“ begleiteten Dr. Gerlach von Kindheit an, wenn sie mit den Eltern historische Ruinenstädte besuchte und führten zu ihrer Wahl eines Archäologiestudiums.. Sie antwortete damit auf die Publikumsfrage des Studenten Nicolas Mentzel, was die Podiumsgäste in die Forschung gebracht habe.

Die Botanikerin Sabine von Mering interessierte sich schon früh für Weltumsegelungen und Forschungsreisen, entdeckte bei Exkursionen im Biologiestudium, dass Pflanzen superinteressant sind, „wenn man genau hinguckt, mit der Lupe hinschaut, wenn man Details anguckt und mehr erfährt über Vielfalt und Anpassungsfähigkeit“.
Der Physiker und Polarforscher Markus Rex wollte ganz naiv so wie Faust erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Doch im Alter werde man schlauer, so Rex, er habe „verstanden, dass es befriedigender ist, etwas zu tun, was auch einen Nutzen für die Menschheit bringt.“

Der Treffpunkt WissensWerte ist eine Reihe der Technologiestiftung Berlin und Inforadio (rbb). Die Aufzeichnung der 103. Sendung fand am 07.08.2019 im Magnus-Haus der Deutschen Physikalischen Gesellschaft statt. Wir danken der DPG für ihre Gastfreundschaft.

Auf dem Podium standen:

  • Dr. Iris Gerlach
    Leiterin der Außenstelle Sana'a der Orient-Abteilung
    Deutsches Archäologisches Institut Berlin
  • Dr. Sabine von Mering
    Forschungsgruppenkoordinatorin Caryophyllales
    Botanischer Garten und Botanisches Museum Berlin-Dahlem, Freie Universität Berlin
  • Prof. Dr. Markus Rex
    Abteilungsleiter Atmosphärenphysik, Expeditionsleiter MOSAiC
    Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung Potsdam (Link:

Der Treffpunkt WissensWerte wird gefördert durch die Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe und die Investitionsbank Berlin aus Mitteln des Landes Berlin.

Der Treffpunkt WissensWerte wird gefördert durch die Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe und die Investitionsbank Berlin aus Mitteln des Landes Berlin.

Ein Blogbeitrag von Thomas Prinzler, Wissenschaftsredakteur bei Inforadio (rbb).