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24.09.2014

Innovation durch freie Daten

Botschafstvertreter im Gespräch über Open Data


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„Daten – das Öl des 21. Jahrhunderts“. Mit dieser These eröffnete der Vorstand der deutschen Wikimedia Jan Engelmann die Veranstaltung „Data Driven Innovation“ der Technologiestiftung Berlin. Daten gleich Öl – das sei mehr als eine Metapher. Denn im Gegensatz zu Öl, das irgendwann verbraucht ist, könnten Daten immer wieder neu gelesen, kombiniert und verwendet werden. Beim Öl ist die größte Herausforderung die Nachhaltigkeit. Was nun aber sind die Herausforderungen bei der Nutzung von Daten? „In unseren Augen sind es die Zugänglichkeit und die Nutzbarkeit der Daten,“ führt Jan Engelmann aus, „Die Antworten liegen auf dem Tisch: Strukturierte Daten und freie Lizenzen.“ Der Wikimedianer meint: So lange nicht die Privatsphäre betroffen ist, sollten Daten frei zugänglich sein, vor allem jene Daten, die mit Steuergeld bezahlt wurden. Für strukturierte Daten kündigt Engelmann eine neue Lösung an: „Wikidata.org“.

Nicolas Zimmer, Vorstandsvorsitzender der Technologiestiftung Berlin, führt die These fort: „Daten werden nicht verbraucht, Daten werden beim Gebrauch angereichert und wertvoller.“ Das sei eine ganz neue Art, über eine Ressource nachzudenken und auch der Grund, warum die Digitalisierung der Mega-Trend des 21. Jahrhunderts sei – speziell in Deutschland, wo die Branche mehr als 850.000 Menschen beschäftigt und mehr als 150 Milliarden Umsatz macht. Tendenz steigend. Das Wachstum betrage jährlich acht Prozent.
Bis 2015 werden Schätzungen zufolge weltweit 4,4 Millionen Jobs in der Datenverarbeitung geschaffen. Nicolas Zimmer: „Diese Jobs können überall entstehen. Man braucht nur den Zugang zu den Daten und zu den Werkzeugen.“ Für datengetriebene Innovationen reiche im Zweifel ein Notebook und ein Latte Macchiato im Café – wie es ganz typisch für die frühe Berliner Gründerszene war.
Datenbasierte Innovationen bieten die Möglichkeit, nicht nur per Versuch und Erfahrung zu Erkenntnissen gelangen. Vielmehr sei die Herausforderung, Muster in Datensätzen zu erkennen. „So finden wir vielleicht Antworten auf Fragen, die wir uns selbst bislang noch nicht einmal gestellt haben.“ Das geschehe beispielsweise in Pilot-Projekten wie dem „Berlin Big Data Center“, das u.a. einen „Werkzeugkasten“ entwickelt , um mit semantischen Technologien riesige Datenmengen analysieren zu können. Zudem habe Berlin mit data.berlin.de ein Portal für offene Daten gestartet. Ein weiteres Projekt sei „Code for Germany“: Frei verfügbare Daten werden dort von Bürgern genutzt, um ihre Städte weiterzuentwickeln.
Nicolas Zimmer zeigt weitere Entwicklungspotenziale für Berlin auf: Was noch fehle, sei eine Art Inkubator für Open Data Projekte, ein Ort, an dem junge Entwickler gemeinsam an neuen Ideen arbeiten können.

David Urry, vom UK Science & Innovation Network an der Britischen Botschaft in Berlin verwies auf die täglich wachsende Datenflut. Schon in den nächsten Jahren, sagt er, würden sich die Datenmengen vervielfachen – auch durch das Internet der Dinge, bei dem nahezu alle Geräte miteinander kommunizieren und Daten austauschen. Das Wachstum sei exponentiell: „Die Herausforderung ist, etwas sinnvolles mit all den Daten zu machen.“

Innovation Policy: Data Driven Innovation

Eine für David Urry interessante Frage ist, welche Rolle eine Regierung in Hinsicht auf Open Data einnehme. Sie sei schließlich in zweierlei Hinsicht beteiligt: Einerseits nutze sie die Daten, andererseits erzeuge sie sie.Die Britische Regierung fahre im Umgang mit Open Data eine doppelte Strategie: Zum einen ermutige sie den privaten Sektor, die Daten zu nutzen. Zum anderen sehe sie es als eigene Aufgabe an, die notwendige Infrastruktur wie Breitbandnetze bereitzustellen.

Im Vereinigten Königreich verfolge man laut David Urry zudem mehrere Ansätze der Förderung von Existenzgründern - zum Beispiel „Tech City UK“, eine Kooperation der britischen Regierung mit der Stadt London. Ein weiterer Ansatz seien die „Catapult Centre“, die über die Insel verteilt sind. In ihnen soll unteranderem auch auf Basis von Open Data erforscht werden, wie zum Beispiel Städte in Zukunft smarter, intelligenter und lebenswerter werden können. Am sich in Gründung befindlichen Alan Turing Institute hingegen soll erforscht werden, wie Datenbestände dazu beitragen können, neue Erkenntnisse aus bereits bestehenden Daten zu ziehen.

Die Kanadische Botschaftsrätin für Wissenschaft und Technologie, Dr. Jennifer E. Decker, sprach anschließend über Kanadas Digitalisierungs-Strategie. Die Schwerpunkte: Zugang der Bürger zu Kommunikationsmitteln, Sicherheit im Digitalen, digitale Verwaltung sowie Training und Ausbildung der Beschäftigten. Als konkretes Ziel nannte sie, dass bis 2017, dem 150. Geburtstag Kanadas, 98 Prozent der Kanadier Zugang zum Internet haben sollen. 50 Millionen Dollar sind bereits in eine Hochleistungscomputerinfrastruktur investiert worden, weitere 100 Millionen Dollar in Förderprogramme für Existenzgründer.
Darüber hinaus fördere Kanada Forschung und Entwicklung – zum Beispiel mit dem Wettbewerb „Canadian Open Data Experience“, kurz CODE. Dabei sollten junge Talente die besten Anwendungen für den Umgang mit Open Data aus der Verwaltung kreieren. Auch international will Kanada die Daten-Forschung voranbringen: Dazu habe man die Initiative „Trans-Atlantic-Platform“ gestartet, ein Forschungsprogramm rund um Big Data.
Ganz entscheidend, sagte Decker, sei für sie der Zugang zu Forschungsdaten. Diese würden oft aus verschiedenen Gründen nicht veröffentlicht. Die Kanadierin fordert Regierung und Forscher auf, sich Lösungen zu überlegen, wie die Daten zugänglich gemacht werden können.

In der abschließenden Diskussionsrunde thematisierten die Teilnehmer zunächst die Rolle der Industrie. Nicolas Zimmer bescheinigte vor allem der deutschen Großindustrie Aktionspotenzial: Zwar würde bereits viel unternommen in Richtung Industrie 4.0, dennoch reagieren etliche Beteiligte eher auf Entwicklungen, statt neue Innovation voranzutreiben.
Von der Industrie ging es zur Bildung. Zimmer fasste prägnant zusammen: „Wenn wir smarte Daten, smarte Städte und smarte Verwaltungen wollen, brauchen wir auch smarte Bürger.“ Menschen müssten verstehen, was passiert. Davon ganz abgesehen, gehe es auch um Vertrauen, so Zimmer weiter. Die Bürger speziell in Deutschland hätten ein Problem, Daten an die Regierung zu geben. Unternehmen hingegen könnten tagtäglich riesige Datenmengen sammeln, ohne dass es eine Mehrheit stören würde. Die Frage sei, warum Bürger bei der Herausgabe ihrer Daten eher Unternehmen denn Regierungen vertrauten.

Doch gerade Unternehmen könnten das Vertrauen verspielen, wie der Referent für Wissenschaft und Technologie der Niederländischen Botschaft, Dr. Joop Gilijamse, zu bedenken gab. Sie müssten Datensicherheit sehr ernst nehmen. Denn wenn das Vertrauen der Bürger erschüttert wird, leide am Ende die gesamte Wirtschaft und damit auch das Land. Zu Stärkung der Datensicherheit brauche es nicht nur Gesetze, Regierungen müssten viel mehr in Gesprächen mit den Unternehmen vermitteln, wie wichtig Sicherheit und Vertrauen sei.
Der Niederländer sieht sein Land in Sachen Open Data gut aufgestellt. In der Rangliste der Open Knowledge Fundation stehen die Niederlande auf dem fünften Platz von 75. Gilijamse betont: Noch sei aber einiges zu tun, vor allem im Sektor Gesundheit.

Sitona Abdalla Osman aus dem noch jungen Süd Sudan berichtete, dass es in ihrem Land aktuell eine Menge zu gebe – beginnend bei der Infrastruktur bis hin zu Open Data. Sie nutzte die Chance, bei den anwesenden Vertretern der Staaten nach Tipps und Hinweisen für die Erhebung und Nutzung von Open Data zu fragen. Indonesien ist schon ein paar Schritte weiter. So berichtete Siswo Pramono von der Indonesischen Botschaft, dass sein Land in Open Data investieren wolle, aber noch einige Herausforderungen in Sachen Infrastruktur meistern müsse. Die Vernetzung der vielen Inseln des Staates sei schwierig. Dennoch: Open Data sei ein festes Ziel. Im eigenen Land müsse zudem der Austausch über Offenheit von Daten und zu Open Source noch deutlich verstärkt werden.
Die mangelnde Infrastruktur sei auch in Madagaskar eine Herausforderung, so die Gesandte des Landes, Elsa Rajemison. Daten erheben und zur Verfügung stellen sei das Eine - allerdings müsste erstmal der Zugang realisiert werden. Man denke über Lösungen nach wie beispielsweise zentrale Internetkioske. Und auch der russische Vertreter in der Runde, Alexander Avramenko, ging auf das Thema Infrastruktur ein. Die sei in Russlands Städten zwar vorhanden, nicht aber in den großen russischen Weiten. Ganz anders in Südkorea: Der Botschaftsmitarbeiter Byeong-Jun Kang berichtete über Fortschritte in Sachen Open Data, die er auch der traditionell guten Internetversorgung im Land zuschreibt: „Südkorea ist ein Infrastrukturland.“

Nach dem Erfahrungsaustausch in großer Runde gingen die Teilnehmer zum direkten Gespräch über. Insgesamt war die Veranstaltung ein großer Erfolg. Es zeigte sich: Open Data ist ein festes Thema für die Staaten, auch wenn einige noch deutlichen Aufholbedarf haben. Sowohl Teilnehmer als auch Veranstalter Nicolas Zimmer von der Technologiestiftung Berlin begrüßten den Best Practice-Austausch unterschiedlicher Länder.

Autor: Jan Rähm


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