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12.10.2014

Grenzenlos Altern

Gesund im Alter, darum ging es beim 74. Treffpunkt WissensWerte


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In Deutschland leben etwa 82 Millionen Menschen – noch. Bis 2050 werden wir nur noch 75 Millionen sein, seit 1971 sterben mehr Menschen als geboren werden – oder auch einwandern. Und weitaus dramatischer ist der Wandel der Alterspyramide in den letzten 100 Jahren – vom Tannenbaum zur Keule. Der Keulenkopf wird immer größer, die über 65-jährigen machen bald ein Drittel der deutschen Bevölkerung aus. Und lag wiederum vor 100 Jahren die durchschnittliche Lebenserwartung bei 49 Jahren, hat heute jedes zweite Neugeborene gute Chancen, über 100 Jahre alt zu werden!

Alt sind immer die Anderen

Ab wann ist man alt? Darauf gibt es keine eindeutige Antwort. Für die Krankenkassen „ist man formell ab 55 alt“, sagt Frank Michalak, Vorsitzender des Vorstands der AOK Nordost. Der Begriff vom Altern habe sich über die Zeit verändert, betont Nicolas Zimmer, Vorstandsvorsitzender der Technologiestiftung Berlin. „Wenn man feststellt, meine Teilhabe am Leben nimmt ab, dann ist man alt.“

„Alt sind immer nur die Anderen“, meint dagegen augenzwinkernd Detlev Ganten. Der frühere Charité-Chef und jetzige Vorsitzende des Stiftungsrates der Charité und Präsident des World Health Summits führt aber noch einen weiteren Aspekt an. „Wenn man den Anforderungen, die man an sich selber stellt, nicht mehr Genüge tun kann, dann fühlt man sich alt. Aber die entscheidende Frage ist, welche Anforderungen man an sich selber stellt, ob die altersgerecht sind.“ Doch jenseits des Gefühls gibt es auch objektive Kriterien für die Alterung – gewisse Altersgrenzen für jedes Lebewesen. Unsterblichkeit sei nur für einzellige Lebewesen möglich, sagt Ganten, so genannte Archebakterien seien 3,5 Milliarden alt, weil sich mit jeder Zellteilung ein neuer Organismus entwickelt. Zellen müssen aktiv sein und sich teilen, wenn sie sich nicht mehr teilen, sind sie alt. „Wir Menschen sind deshalb sterblich, weil wir Gefäße haben, in denen unsere 100 Billionen Zellen zusammengefasst sind.“

Die Frage der Begrenztheit der biologischen Haltbarkeit sei die eine Frage, betont Nicolas Zimmer. „Entscheidend ist, wie Grenzen überschritten werden können, die das Alter setzt, in Interaktion, Mobilität – sowohl gesellschaftlich als auch privat.“ Die Altersmedizinerin Elisabeth Steinhagen-Thiessen schränkt jedoch ein. Zwar sei heute ein längeres Leben durch bessere Medikamente, Ernährung und Hygiene gegeben, aber „zu den genetischen Ursachen kommt dazu wie wir leben: ob wir Rauchen, wie wir uns ernähren, Übergewicht, Alkohol, Sport.“

Altern heißt nicht gleich Krankheit

Das Altern und seine Begleiterscheinungen lassen sich nicht aufhalten. Aber: Medizin und Technik ermöglichen uns heute unsere Gesundheit und geistige Fitness zu erhalten – wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit.

Treffpunkt WissensWerte: Grenzenlos altern

Grenzenlos Altern

Grenzenlos Altern

Vom Umgang mit dem Älterwerden

Podcast zum 74. Treffpunkt WissensWerte

Podcast Download (34 MB)

Zwar gibt es mit zunehmendem Alter Funktionsverluste. „Dies sind aber keine Krankheiten“, so Steinhagen-Thiessen, die an der Charitè Professorin für Geriatrie und Ärztliche Leiterin des Evangelischen Geriatriezentrums Berlin ist. „Wir gehen dann langsamer, gebückter, brauchen Brille oder Hörgerät. Und wir haben eine verminderte Reservekapazität im Herz, Niere, Hirn.“ Dazu kommen dann aber noch Krankheiten, die im Alter häufiger sind wie kardiovaskuläre Erkrankungen und die des Bewegungsapparates und auch Demenz.

Gesundheit ist wichtig und wird auch ökonomisch immer bedeutsamer. Mehr als 270.000 Beschäftigte gibt es allein in Berlin in der Gesundheitswirtschaft. Aber „ältere Menschen sind nicht teuer“, ist sich Frank Michalak sicher. Teuer sei nur das letzte Lebensjahr. „Im Sterbejahr hat die AOK ein Defizit von € 10.000 je verstorbene Versicherten. Das ist viel bei 45.000 Toten pro Jahr. Doch unser Finanzierungssystem garantiert, dass ältere Menschen gut und auskömmlich versorgt werden können“. Und Detlev Ganten ergänzt, dass das letzte Jahr zu jeder Zeit kommen kann und nicht nur im Alter.

Grenzenlos Altern

Altersgrenzen gibt es, biologisch und gesellschaftlich, sie können nicht ignoriert werden. Aber es ist möglich, die Grenzen zu verschieben. „Es geht um Mitbestimmung, um Mitgestaltung, um soziale Akzeptanz, wie kann ich älteren Menschen ein längeres selbstbestimmtes Leben ermöglichen in den eigenen 4-Wänden.“ Und für Nicolas Zimmer gehört dazu ganz selbstverständlich auch die technologiebasierte Unterstützungsleistung. Da sei jedoch eine „politische Diskussion nötig, dass das eine gute Investition ist.“ Zu oft schreckten heute beispielsweise Wohnungsbaugesellschaften vor den Kosten zurück. Doch die telemedizinische Versorgung in den eigenen 4-Wänden ist letztlich nicht nur günstiger sondern entspricht auch den Wünschen der Älteren, weiß Elisabeth Steinhagen-Thießen. In dem von ihr betreuten Forschungshaus in einem Potsdamer Plattenbau sind die Wohnungen mit Hightech ausgestattet. „Es gibt Sensoren im Teppich, an der Fußleiste, einen Gassensor und eine Box, die sie mit Sozialstation und Hausarzt verbindet.“ Und sie widerspricht einem Vorurteil in Deutschland, dass nur die Japaner technikaffin sind und Elektronik lieben. Ihre Potsdamer Alten „machen das supertoll und pfiffig, wir sind begeistert.“

Diese Projekte werden vom BMBF gefördert aber auch von der AOK. Allerdings legt Frank Michalak Wert darauf, dass technische Maßnahmen allein nicht ausreichend sind. „Wichtig ist die Prävention“, so Michalak, die auch zum grenzenlosen Altern gehöre.

Detlev Ganten, Präsident des World Health Summit, weitet den Blick über Deutschland hinaus, in dem er fordert, dass man sich nicht zu sehr darauf konzentrieren solle, was das Gesundheitssystem und die Gesellschaft für den Einzelnen leisten und bezahlen kann. Andere Kulturen hätten andere Ansätze. „Es muss eine zivilgesellschaftliche Organisationsform entstehen, die eine Vielfalt ermöglicht, die persönlicher und engagierter ist, als es das System liefern kann“. Und der Mikrobiologe Ganten hat eine Gesundheitsformel, so auch der Titel seines jüngsten Buches: „Gesundheit ist eine Funktion von Biologie und Umwelt in Einklang gebracht durch das Verhalten.“

Autor/ Quelle:Thomas Prinzler (inforadio rbb)

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