Was tun, wenn Berlin stillsteht?
Was haben Trinkbrunnen, U-Bahn-Stationen und Defibrillatoren gemeinsam? Sie alle können im Ernstfall lebenswichtig werden – wenn man weiß, wo sie sind. Genau darum geht es, wenn Städte ihre Daten offenlegen. Denn Resilienz beginnt oft an Orten, die wir im Alltag kaum beachten. Wir sind es gewohnt, dass Infrastruktur funktioniert: Wasser kommt aus dem Hahn, die Bahn fährt nach Plan, der Handy-Akku ist jederzeit aufladbar. Doch was, wenn nicht? Unser Kollege Klemens Maget beleuchtet Berlins Datenlage im Krisenfall.
Ob Blackout, Hitzewelle oder Starkregen – erst im Ernstfall wird sichtbar, wie verletzlich eine Stadt sein kann und wie entscheidend aktuelle, für alle zugängliche Informationen sind. Zum Glück gehören extreme oder unerwartete Ereignisse nicht zum Alltag. Doch sie können jederzeit eintreten – und dann entscheidet die Vorbereitung auf den Ernstfall darüber, wie schnell eine Stadt und ihre Bewohner:innen handlungsfähig bleiben. Die zentralen Bedarfe sind dabei überall ähnlich:
- Sicherheit & Schutz: Schutzräume oder Notunterkünfte
- Gesundheit & medizinische Versorgung: Krankenhäuser, Apotheken, Erste Hilfe
- Grundversorgung: Trinkwasser, Lebensmittel, sanitäre Einrichtungen
- Kommunikation & Energie: Aufladen des Handys, Absetzen eines Notrufs
- Psychosoziale Unterstützung: Betreuung und Notfallseelsorge
Dabei sind konkrete Informationen etwa zu Standorten, Ausstattung oder Verfügbarkeit aus verschiedenen Gründen wichtig:
- Wissen über die Versorgungslage vor Ort schafft Vertrauen, im Ernstfall kommt die Bevölkerung schneller an die benötigten Informationen.
- Damit Notfall-Apps, -Karten oder -Anleitungen von möglichst vielen Menschen genutzt werden können, benötigen sie eine zuverlässige Datengrundlage.
- Langfristig helfen Daten, eine sektorübergreifend Kriseninfrastruktur zu planen, Lücken in der Versorgung aufzuzeigen und die Stadt insgesamt resilienter zu gestalten.
Wie wichtig die Verfügbarkeit von Daten im Krisenfall ist, hat das Projekt Kiezbox bereits gezeigt: Unser Team Digital Services hat ein autarkes Funknetz entwickelt, das Notrufe auch bei Ausfall von Strom und Internet ermöglicht. Darüber hinaus entstand eine Karte mit Orten, die im Notfall wichtig werden können: Trinkbrunnen, Wasserpumpen, öffentliche Toiletten oder Defibrillatoren.
Berlins Datenlage und -bedarfe im Krisenfall
Inspiriert vom Projekt Kiezbox wollen wir als Open Data Informationsstelle Berlin aufzeigen, wie es in Berlin um die Datenlage im Krisenfall steht, welche Informationen schon offen zugänglich sind und wo noch Lücken bestehen. Damit wollen wir die zuständigen Behörden in der Verwaltung motivieren, sich vertieft mit ihrer eigenen Datenlage auseinanderzusetzen und zu prüfen, ob weitere offene Daten bereitgestellt werden können. Der mehrtägige Blackout im Berliner Südwesten Anfang des Jahres 2026 hat den Handlungsbedarf verdeutlicht.
Um erste Antworten auf die Datenlage zu erhalten, haben wir das Angebot offener Daten des Landes Berlin, das Berliner Datenportal und das Geoportal Berlins durchsucht und Webseiten der Berliner Verwaltung oder anderer Organisationen gesichtet. Offene Daten aus Open Streetmap (OSM) oder ähnlichen Crowd-Source-Quellen können zwar auch wertvolle Daten enthalten, wurden aber nicht berücksichtigt, da wir bei einem so sensiblen Thema den Fokus auf offizielle und verlässliche amtliche Quellen legen wollten.
Die Erkenntnisse unserer Recherche stellen wir im Folgenden vor:
Sicherheit & Schutz
Daten oder Hinweise zu Schutzräumen oder Notunterkünften sind kaum dokumentiert. Das dürfte insbesondere daran liegen, dass in den letzten Jahrzehnten Schutzräume wie zum Beispiel Luftschutzbunker im Rahmen der Friedensdividende sukzessive stillgelegt oder umgewidmet wurden. Mit Beginn des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine rückt die Diskussion um Schutzräume jedoch wieder stärker in den Fokus. Bundes- und Landesbehörden diskutieren derzeit, wo neue Schutzräume entstehen können. Denkbar wäre, Daten zu U-Bahn-Stationen, Schulen, Kirchen oder Parkhäusern zu nutzen.
Bereits verfügbar sind etwa:
- Standorte von Haltestellen zum Beispiel von U-Bahnen des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg (VBB)
- Standorte von Schulen von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie (SenBJF)
- Standorte kühler Orte in Bezug auf Hitzeschutz (z. B. Kirchen, Bibliotheken) vom Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo)
Fehlend sind dagegen (offene) Daten zu:
- Bunker- und Luftschutzanlagen oder ähnlich sichere Orte
- Notunterkünften, etwa für Wohnungslose
- Park- oder Tiefgaragen
Standorte und Präsenzzeiten mobiler Polizeiwachen werden von der Polizei Berlin bislang eingeschränkt maschinenlesbar auf ihrer Website veröffentlicht.
Gesundheit & medizinische Versorgung
Für die medizinische Versorgung sind Standorte der medizinischen Gesundheitsinfrastruktur wie Krankenhäuser oder Apotheken elementar.
Bereits verfügbar sind etwa:
- Standorte von Krankenhäusern mit Bettenzahlen von der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Gesundheit, Pflege und Gleichstellung (SenWGP)
- Standorte von Apotheken vom Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo). Bei einer detaillierten Betrachtung gibt es allerdings Informationsdefizite: Der Datensatz zu den Apotheken beinhaltet keine Öffnungszeiten, etwa für Notdienste. Diese findet man im Notdienstfinder der Apothekenkammer Berlin, die für ihr Angebot auf zusätzliche, nicht amtliche Informationen zurückgreifen kann.
- Standorte von Feuerwehren mit Einsatzbereichen von der Berliner Feuerwehr
Fehlend sind dagegen (offene) Daten zu:
- Standorten von Defibrillatoren: In einem Ernstfall kann mitunter nicht gewartet werden bis der Rettungsdienst kommt und es muss umgehend Erste Hilfe geleistet werden, etwa bei einem Herzstillstand. Hier können zum Beispiel Defibrillatoren Leben retten. Defibrillatoren-Standorte sind zwar auf der Seite des Arbeiter-Samariter Bundes (ASB) „Berlin schockt“ sichtbar, aber nicht maschinenlesbar.
Grundversorgung
Trinkbrunnen, Toiletten, Lebensmittel-Ausgabestellen oder Notküchen leisten eine Grundsicherung elementarer Bedürfnisse. Insbesondere Hygiene ist im Katastrophenfall überlebenswichtig, da sie die Ausbreitung von Krankheiten und Epidemien verhindert.
Offen verfügbar sind bereits:
- Standorte von Trinkbrunnen der Berliner Wasserbetriebe
- Standorte Öffentlicher Toiletten von der Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt (SenMVKU)
Fehlend sind dagegen (offene) Daten zu:
- Standortdaten zu circa 2.000 Berliner Straßenbrunnen, die der netzunabhängigen Notfallversorgung der Bevölkerung mit Trink- und Löschwasser dienen. Laut dem Geoportal Berlin ist der Datensatz vorhanden aber nur für den internen Gebrauch.
- öffentliche Informationen über Lebensmittel-Ausgabestellen oder Notküchen. Die Berliner Tafel veröffentlicht auf ihrer Homepage eine Übersicht aller Ausgabestellen, die aber nicht maschinenlesbar im Berliner Datenportal vorliegt.
Kommunikation & Energie
Beim Thema Kommunikation & Energie bewegen wir uns im Spannungsfeld zwischen Transparenz für die Bevölkerung und Sicherheitsinteressen, etwa bei kritischen Infrastrukturen (KRITIS). So sollten Netzpläne von Strom- oder Gasnetzen (Leitungen, Knotenpunkte) aber auch die technische Infrastruktur von Rechenzentren oder Notstrom- und Kraftstoffversorgung kritischer Einrichtungen wie Krankenhäuser lediglich für interne Zwecke aufbereitet und geteilt werden, da sie sonst das Ziel gezielter Angriffe sein könnten und so konkrete Sicherheitsrisiken bestehen, die den Nutzen einer öffentlichen Veröffentlichung überwiegen. Für die Bürger:innen hingegen könnten Informationen über öffentliche Orte, wo sie sich mit Treibstoff eindecken, Notrufe absetzen können oder ihr Handy laden können, hilfreich sein.
Bisher auffindbar sind etwa:
- Tankstellen an Autobahnen, bereitgestellt von der Autobahn GmbH des Bundes (mit folgender Einschränkung: Dieser Datensatz aus dem Berliner Geoportal enthält lediglich zwei Tankstellen, die an einer Bundesautobahn liegen.)
- Ladesäulen im öffentlichen Raum von der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe Berlin (SenWEB) sowie Katastrophenschutz-Leuchttürme (Orten wie Schulen oder Rathäuser, an denen Notrufe abgesetzt und Handys geladen werden können). Die in Berlin für Katastrophen- und Bevölkerungsschutz zuständige Senatsverwaltung für Inneres und Sport (SenInnSport) veröffentlicht diese Standorte auf ihrer Homepage. Eine Bereitstellung als maschinenlesbarer Datensatz im Berliner Datenportal ist angestrebt.
Psychosoziale Unterstützung
Nach Katastrophen geht es nicht nur um körperliche, sondern auch um seelische Gesundheit. Offene Daten können dabei helfen, Betroffenen schneller den richtigen Kontakt aufzuzeigen. Hier ist Berlin gut aufgestellt:
- Der Datensatz zu psychosozialen Hilfsangeboten im Land Berlin enthält maschinenlesbare und aktuelle Daten zu Hilfs- und Beratungsangeboten, bereitgestellt von der SenWGP.
Fazit: Zwischen Transparenz und Blackout
Die Bilanz unserer Recherche fällt gemischt aus:
- Während etwa im Bereich der Gesundheitsinfrastruktur oder der Versorgung mit frischem Trinkwasser einige wesentliche Datensätze bereits im Berliner Datenportal gelistet sind, gibt es im Bereich Sicherheit und Schutz sowie Energie und Kommunikation noch viel Potenzial.
- Wir konnten einige wichtige Informationen etwa zu den Anlaufstellen für die Bevölkerung oder Defibrillatoren-Standorte finden, ihre Nutzung ist jedoch durch die fehlende zentrale und maschinenlesbare Bereitstellung eingeschränkt.
- Auch hinsichtlich der Debatte um Schutzräume könnten offene Daten neue Möglichkeiten eröffnen. So könnten Gebäudedaten wie Alter oder Bausubstanz Hinweise darauf geben, ob sich Gebäude als Schutzorte eignen – beispielsweise, wenn sie eine bestimmte Mauerdicke oder Keller vorweisen können.
Dabei zeigen andere Städte wie zum Beispiel das finnische Helsinki bereits, dass offene Daten und Bevölkerungsschutz zusammengedacht werden können. So lassen sich auf der öffentlich zugänglichen Informationsseite der finnischen Behörden mehr als 80 Orte (civil shelter) finden, die als zivile Schutzräume ausgewiesen sind.
Das Potenzial offener Daten zeigt sich dabei nicht nur im Extremfall, sondern schon vorher: Etwa in der vorausschauenden Stadtplanung, bei der Erstellung von Hitzekarten oder der Planung barrierefreier Wege – und damit auch bei denjenigen, die für den Ernstfall im Vorfeld Ressourcenplanung betreiben oder mithilfe eines datengestützten digitalen Zwillings Szenerien simulieren.
Hier wollen wir nicht nur einen ersten, sicherlich nicht vollständigen Überblick über die Datenlage gewinnen, sondern auch Bedarfe und eine neue Perspektive auf den Wert offener Daten aufzeigen. Offene Daten können einen konkreten Beitrag für die Resilienz von Städten leisten, insbesondere für abstrakte Gefahren und Bedrohungslagen.
Mit unseren Open Data-Anwendungen wie Hilf-Mir-Berlin oder der Berliner Erfrischungskarte bieten wir bereits niedrigschwellige, digitale Lösungen für die Berliner Bevölkerung. Damit schaffen wir auch ein Bewusstsein für städtisch relevante Daten – und im Ernstfall vielleicht den entscheidenden Vorsprung. Umso wichtiger ist es deswegen, offene Daten nicht als „Nice to have” zu verstehen, sondern als einen wichtigen Beitrag für eine resiliente Stadt.