Was ist ein Stadtlabor? Wie Städte Digitalisierung gemeinsam gestalten
Offene Räume, in denen Verwaltung und Stadtgesellschaft gemeinsam an Ideen arbeiten, klingen nach Zukunftsvision. Doch Stadtlabore machen sie bereits zur Realität. Warum entstehen sie in Berlin, Wiesbaden oder Mönchengladbach? Wir zeigen, welche Potenziale und Herausforderungen damit verbunden sind und wie Projekte wie das CityLAB Berlin, das Kiezlabor und Stadtlabor2Go Digitalisierung bürger:innennah gestalten.
Immer mehr Städte schaffen Orte, an denen Bürger:innen nicht nur Feedback geben, sondern gemeinsam mit Verwaltung und Forschung an der Stadt von morgen arbeiten können. Stadtlabore sind Teil einer wachsenden Bewegung, die den digitalen Wandel erlebbar und gestaltbar macht.
Was ist ein Stadtlabor?
Ein Stadtlabor ist ein offener Raum für kreative und gemeinschaftliche Stadtentwicklung. Hier werden Ideen ausprobiert, Methoden wie Service Design oder User Testing erprobt und Prototypen für Verwaltungslösungen gemeinsam mit Bürger:innen entwickelt. Wichtig ist dabei, dass die Ergebnisse nicht im Silo entstehen, sondern eng an den Bedürfnissen der Stadtgesellschaft orientiert sind.
Im Unterschied zu klassischen Behördenstrukturen sind Stadtlabore bewusst offen und niedrigschwellig. Sie sollen zeigen, dass Digitalisierung nicht abstrakt bleiben muss, sondern unmittelbar erfahrbar ist – ob durch neue Apps, Beteiligungsangebote oder Workshops vor Ort.
Was sind Vorteile eines Stadtlabors?
Die Vorteile von Stadtlaboren sind vielfältig:
- Beteiligung statt Top-down: Bürger:innen werden früh einbezogen, ihre Ideen prägen die Entwicklung von Verwaltungslösungen.
- Schneller ins Machen kommen: Durch Urban Prototyping können neue Ansätze zeitnah ausprobiert werden, bevor große Ressourcen gebunden sind.
- Wissen teilen: Erfahrungen werden dokumentiert und stehen auch anderen Städten zur Verfügung – und das vermeidet Doppelarbeit.
- Verwaltung verändern: Methoden wie Service Design oder User Testing finden ihren Weg in die Behördenpraxis.
Damit werden Stadtlabore zu Lernorten für Verwaltung und Stadtgesellschaft gleichermaßen. Wie jedes Labor bringen aber auch Stadtlabore neben vielen Stärken ein paar Hürden mit sich.
Was sind Herausforderungen eines Stadtlabors?
Die Herausforderungen von Stadtlaboren sind:
- Verstetigung: Viele Labore starten als Pilotprojekte. Es braucht Strukturen, die langfristig wirken.
- Inklusion: Teilhabe muss allen offenstehen – auch Gruppen, die sonst schwer erreichbar sind.
- Unterschiedliche Rahmenbedingungen: Methoden müssen an die Realität verschiedener Verwaltungen angepasst werden.
Besonders wichtig ist der Wissenstransfer: Nur wenn Erfahrungen geteilt werden, können Städte voneinander lernen und tragfähige Modelle entwickeln.
Wie sieht ein Stadtlabor aus?
Stadtlabore können ganz unterschiedliche Formen haben, hier unsere Beispiele:
- Das CityLAB wurde 2018 als Berlins öffentliches Stadtlabor eröffnet und verbindet Ausstellung, Werkstatt und Co-Working-Space. Hier entstehen Prototypen für die Verwaltung, Open-Source-Projekte oder Veranstaltungen zu digitalen Themen. Gleichzeitig versteht sich das Labor als Partner für andere Kommunen: Erfahrungen werden geteilt, damit andere Städte schneller starten können.
- Das Kiezlabor ist seit 2022 als mobiles CityLAB im Stadtraum unterwegs. Es bringt den Stadtlabor-Ansatz direkt in die Berliner Nachbarschaften und erreicht so Menschen, die sonst kaum Zugang zu Beteiligungsformaten haben. Als offener Treffpunkt mit über 100 Veranstaltungen pro Jahr wird hier Wandel sichtbar, erlebbar und mitgestaltbar – von KI-Workshops zu Stadtvisionen über mobile Bürgeramtstermine bis zu temporären Stadtmöbeln.
- Mit Stadtlabor2Go übertragen wir in Wiesbaden und Mönchengladbach seit 2025 die Berliner Erfahrungen aus dem CityLAB in neue Kontexte – in enger Zusammenarbeit zwischen allen drei Städten. Beide Städte haben eigene Labore eröffnet. Begleitet von der TH Köln werden Methoden aus Berlin angepasst und weiterentwickelt.
Alle Formate zeigen: Stadtlabore sind keine Einheitslösung, sondern passen sich den Bedingungen vor Ort an – ob als feste Einrichtung, mobiles Labor oder interkommunales Modell.
Wie wird aus lokalen Stadtlaboren ein interkommunales Modell?
Das Projekt Stadtlabor2Go zeigt, wie sich die Idee des Berliner CityLAB in andere Städte übertragen lässt. Während Berlin die Erfahrungen aus sechs Jahren Laborarbeit teilt, bauen Wiesbaden und Mönchengladbach gerade erst eigene Strukturen auf, die an ihre lokalen Bedürfnisse angepasst sind.
Die Faustformel lautet daher: Verschiedene Städte verfolgen ganz unterschiedliche Ansätze beim Aufbau eines Stadtlabors – entscheidend ist, dass sie sich in das lokale Ökosystem einfügen.
In Wiesbaden etwa wurde das Zukunftswerk in einem ehemaligen Ladenlokal im Luisenforum eröffnet – mitten im Stadtzentrum. Seit Januar 2025 finden dort regelmäßig Veranstaltungen mit ganz unterschiedlichen Partner:innen statt: vom „UX Testessen“ zur Verbesserung digitaler Angebote der Stadt, über KI-Lernlabore für Frauen bis hin zu Smartphone-Kursen für Senior:innen. Das Zukunftswerk dient zugleich als Treffpunkt und kreativer Arbeitsraum, um neue Ideen zu entwickeln und Verwaltung und Bürger.innen miteinander zu vernetzen.
In Mönchengladbach verfolgt das Stadtlabor.mg wiederum einen anderen Ansatz: Es ist Teil der Zentralbibliothek und kein einzelner, abgeschlossener Raum, sondern ein flexibles Programmformat, das die Bibliothek als Plattform nutzt. Mit einem Lastenrad können Projekte in verschiedene Stadtviertel gebracht werden, um dort vor Ort Workshops und Beteiligungsformate anzubieten. Entscheidend ist hier das starke Netzwerk an Partner:innen, die das Stadtlabor als gemeinsame Plattform für Austausch und Zusammenarbeit nutzen.
Während das CityLAB von Beginn an über eigene Entwickler:innen und Daten-Expert:innen verfügt, um digitale Prototypen selbst zu realisieren, setzen Wiesbaden und Mönchengladbach stärker auf Kooperationen mit bestehenden Akteur:innen. Die Rolle als Vernetzungs- und Lernort bleibt in allen Beispielen zentral – sie prägt die DNA jedes Stadtlabors, unabhängig von seiner Größe und Struktur.
Stadtlabore müssen in die Stadt passen – sie funktionieren dann am besten, wenn sie lokale Partner:innen einbeziehen und echte Experimentierräume bleiben.
Welche Erfahrungen aus dem CityLAB Berlin sind wertvoll für andere Städte?
Das CityLAB hat in den vergangene sechs Jahren zahlreiche Formate erprobt – manche mit großem Erfolg, andere als wichtige Lernerfahrung. Diese Vielfalt an praktischen Erkenntnissen ist für andere Kommunen äußerst wertvoll. Formate wie Verwaltung Gestalten oder Workshops zur Nutzung von KI in der Stadtgestaltung lassen sich gut an lokale Bedingungen anpassen.
Gleichzeitig können andere Städte – ob mit eigenen Teams oder mit der Unterstützung von Dienstleistenden – die Open-Source-Produkte des CityLAB adaptieren oder weiterentwickeln, wie etwa Gieß den Kiez, KI Würfel oder der Weihnachtsmarktfinder. So wird Wissenstransfer konkret: Erfahrungen aus Berlin werden nutzbar für Kommunen, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen.
Wir zeigen, was in Berlin funktioniert – und weil viele Städte ähnliche Herausforderungen haben, können die Lösungen oft auch übertragen werden.
Welche Methoden oder Formate sind besonders geeignet, um Menschen für digitale Stadtentwicklung zu gewinnen?
Die erste Frage lautet vielleicht: „Was verstehen wir überhaupt unter „digitaler” Stadtentwicklung? Im Kontext des Kiezlabors sind das häufig digitale Plattformen für Bürger:innenbeteiligung – doch viele Menschen kennen diese Angebote noch gar nicht oder empfinden sie als wenig zugänglich.
Deswegen setzen wir bei der Ansprache oft niedrigschwellige, spielerische Formate ein, die zunächst ohne digitale Hürde funktionieren. Ein Beispiel: Passant:innen aus der Nachbarschaft halten eher an, um ihre Perspektiven zu teilen, wenn sie bunte Wollfaden entlang verschiedener Antwortoptionen spannen (eine Form der Data Physicalization), anstatt auf einem Tablett Fragebögen anzukreuzen.
Der „digitale” Teil folgt meist im zweiten Schritt: Über Plattformen wie mein.berlin für direkten Verwaltungskontakt oder mit KI-gestützten Tools, die Veränderung sichtbar machen oder Sprachnachrichten mit Wünschen und Sorgen auswerten.
Digitalisierung wird greifbarer, wenn sie mitten im Alltag stattfindet: auf dem Marktplatz, in der Bibliothek oder auf der Straße.
Wie wird die Wirkung von Beteiligung in Stadtlaboren gemessen?
Die Wirkung von Beteiligung zu messen, ist wohl die größte Herausforderung und zugleich entscheidend für Glaubwürdigkeit. Denn wer Menschen zur Mitgestaltung einlädt, weckt Erwartungen und trägt Verantwortung. Damit Beteiligung tatsächlich „wirkt”, braucht es starke lokale Partner:innen, die Ergebnisse langfristig aufgreifen und in konkrete Veränderungen überführen – vom Bezirksamt über Quartiersmanagements bis hin zu nachbarschaftlichen Initiativen.
Wenn nach unserem Aufenthalt Veränderungen sichtbar werden – baulich, sozial oder einfach in der Wahrnehmung der Menschen vor Ort, dann hat Beteiligung gewirkt.
Wie stärkt interkommunale Zusammenarbeit digitale Souveränität und Bürger:innenbeteiligung?
In Deutschland gibt es fast 11.000 Kommunen. Vor allem im Bereich der Digitalisierung arbeiten viele allein und verschenken damit Potenziale für Kooperation, Effizienz und gemeinsame Lernprozesse. Wenn Städte und Gemeinden ihre digitalen Infrastrukturen, Plattformen und Ressourcen gemeinsam entwickeln und betreiben, arbeiten sie effektiver und lernen voneinander. So kann auch die Abhängigkeit von großen Tech-Anbietern reduziert werden.
Für viele kleine Kommunen ist die Zusammenarbeit oft der einzige Weg, passgenaue digitale Lösungen zu entwickeln, etwa in Entwicklungsverbünden und manchmal sogar mit gemeinsamen Budgets.
Welche internationalen Beispiele zeigen ähnliche Ansätze?
Einige europäische Beispiele zeigen, wie unterschiedlich Stadtlabore gedacht und umgesetzt werden können:
- In Barcelona legte die Open-Source-Plattform Decidim den Grundstein für digitale Mitsprache – Bürger:innen können Prozesse verfolgen und selbst mitgestalten.
- Amsterdam versteht sich mit Amsterdam Smart City als Labor im Stadtraum, in dem Verwaltung, Forschung und Zivilgesellschaft gemeinsam an Energie, Mobilität und Daten arbeiten.
- In Helsinki schließlich zeigt sich digitale Souveränität im Alltag: Offene Daten, transparente Entscheidungen und öffentliche Software sind Teil der kommunalen Infrastruktur.
Ausblick und Mitmachen
Stadtlabore sind Teil einer internationalen Entwicklung: Immer mehr Kommunen in Deutschland und Europa bauen ähnliche Orte auf, oft in enger Vernetzung. Kooperationen wie Stadtlabor2Go oder Austauschformate wie die LabCamps zeigen, wie Wissenstransfer funktioniert: Erfahrungen werden geteilt, offene Tools bereitgestellt und Methoden gemeinsam weiterentwickelt.
Ob in Berlin, Wiesbaden oder Mönchengladbach: Stadtlabore leben vom Mitmachen. Sie sind Orte, an denen Bürger:innen ihre Ideen einbringen, Verwaltungen neue Methoden erproben und Städte gemeinsam den digitalen Wandel gestalten. Die nächsten Jahre werden zeigen, wie Stadtlabore langfristig verstetigt werden können – ob durch feste Strukturen in Verwaltungen oder durch neue Formen kommunaler Zusammenarbeit.
Wer in der eigenen Stadt ähnliche Räume schaffen möchte, findet im CityLAB einen offenen Anknüpfungspunkt – mit Einblicken in erprobte Methoden und vielen Gelegenheiten, sich mit anderen Kommunen zu vernetzen.
Stadtlabor2Go
Mit Stadtlabor2Go entwickelt das CityLAB zusammen mit Mönchengladbach und Wiesbaden ein Modell für bürger:innennahe Digitalisierung. In Stadtlaboren vor Ort werden Methoden getestet, Wissen geteilt und Verwaltung neu gedacht – wissenschaftlich begleitet und übertragbar für andere Kommunen.