Blog
  • Thema Bildung
  • Thema Kultur
  • Thema Neue Technologien
  • Thema Reallabor
  • Thema Smart City
  • Thema Stiftung

Was ist digitale Souveränität? Wie wir Berlins digitale Handlungsfreiheit fördern

  • Rubrik Aus der Stiftung
  • Veröffentlichungsdatum 19.11.2025
Marie-Claire Krahulec

Ob Cloud-Dienste, Kommunikationsplattformen oder Dateninfrastrukturen, in vielen Bereichen sind wir auf wenige internationale Anbieter angewiesen. Das birgt Risiken für Sicherheit, Innovationskraft und politische Handlungsfähigkeit. Dabei bedeutet digitale Souveränität nicht, alles selbst zu entwickeln, sondern Alternativen zu haben und Entscheidungen bewusst treffen zu können.

Warum digitale Souveränität relevant ist

Digitale Souveränität ist kein Ideal vollständiger Unabhängigkeit. Sie beschreibt eine praktische Handlungsfreiheit. Es geht darum, Risiken realistisch einzuschätzen, die eigenen Systeme zu verstehen und Technologien so zu wählen, dass sie anpassbar bleiben. Für die Technologiestiftung ist das ein Leitmotiv, das viele unserer Projekte prägt. Wir arbeiten daran, offene Standards, transparente Software und nutzbare Daten in praxisnahe Anwendungen zu überführen.

Es geht um Entscheidungs- und Gestaltungsfreiheit in digitalen Abhängigkeiten, nicht um ein Autarkie-Ideal. Alternativen haben. Wechselkosten senken. Risiken kennen. Und Technik kompetent, rechtskonform und überprüfbar einsetzen.

Nicolas Zimmer :
Vorstandsvorsitzender der Technologiestiftung Berlin

Digitale Souveränität ist für Städte besonders relevant. Bürger:innendienste werden online beantragt. Daten fließen in Planung und Forschung. Schulen und Kultureinrichtungen nutzen digitale Plattformen. Wenn solche zentralen Aufgaben ausschließlich über proprietäre Systeme laufen, entsteht einseitige Abhängigkeit. Sie kann Kosten erhöhen, Weiterentwicklung erschweren und den Zugang zu wichtigen Daten beeinträchtigen.

Gemeinsam getragene Infrastruktur stärkt die Stabilität digitaler Lösungen. Werden grundlegende Funktionen geteilt, lassen sich Systeme verlässlich betreiben und weiterentwickeln. Wo jede Einrichtung eigene Wege geht, entstehen dagegen Lücken, Doppelstrukturen und Mehrarbeit.

Auch Unternehmen stehen vor dieser Herausforderung. Vor allem kleinere und mittlere Betriebe geraten leicht in feste Bindungen, wenn Arbeitsprozesse über wenige Plattformen organisiert werden, die sich kaum anpassen oder wechseln lassen. Wer versteht, wie digitale Werkzeuge funktionieren und auf modulare Systeme setzt, kann schneller auf Marktveränderungen reagieren, Partner:innen integrieren und eigene Innovationen entwickeln – und gewinnt Spielräume und wirtschaftliche Stabilität.

Souverän ist, wer versteht, wie digitale Technologien funktionieren und daraus eigene Innovationsvorteile ziehen kann.

Victor Wichmann :
Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Innovation Policies & Research

Damit digitale Souveränität im Alltag funktioniert, braucht es technische und organisatorische Grundlagen. Offene Standards machen Daten übertragbar. Open Source schafft Nachvollziehbarkeit und ermöglicht gemeinschaftliche Weiterentwicklung. Infrastrukturen in öffentlicher oder europäischer Hand sichern langfristige Kontrolle. Das bedeutet, Verwaltung, Wirtschaft und Stadtgesellschaft benötigen Wissen über die digitalen Werkzeuge, die sie täglich nutzen.

Digitale Souveränität entsteht nicht im Alleingang, sondern durch offene Strukturen, Kooperation und Kompetenzaufbau.

Dr. Benjamin Seibel :
Abteilungsleiter CityLAB

Digitale Unabhängigkeit ist ein fortlaufender Prozess. Fortschritte zeigen sich unter anderem daran, wie transparent digitale Angebote sind, wie häufig offene Standards eingesetzt und wie viele Prototypen wiederverwendet werden oder wie gut digitale Dienste barrierefrei zugänglich sind.

Wie wir digitale Souveränität für Berlin umsetzen

Digitale Souveränität wächst aus der Arbeit an Projekten, die wir mit Verwaltung und Stadtgesellschaft entwickeln und in den Alltag bringen. Im CityLAB entstehen Anwendungen, die offen dokumentiert und anpassbar sind. Die ODIS vermittelt Wissen über offene Daten und unterstützt Verwaltungsmitarbeitende bei der Bewertung digitaler Prozesse. Im Team Digital Services entstehen technische Prototypen wie die Kiezbox, deren offen entwickelte Architektur zeigt, wie digitale Infrastruktur unabhängig funktionieren und an lokale Bedarfe angepasst werden kann. Dadurch bleibt nachvollziehbar, wie digitale Entscheidungen getroffen werden und wie sich Angebote weiterentwickeln.

Ob Verwaltung, Schulen, Kultur oder Forschung – alle nutzen Cloud- oder Plattformdienste. Ohne Exit-Optionen drohen Lock-in, Datenschutzrisiken und Ausfälle. Berlin braucht Optionen, Standards und eigenes Know-how.

Nicolas Zimmer :
Vorstandsvorsitzender der Technologiestiftung Berlin

Digitale Souveränität für Verwaltungen und Gesellschaft

Ein Lock-in – sprich Abhängigkeiten von einem Anbieter ohne realistische Wechselmöglichkeit – wird dann spürbar, wenn eine Schule etwa ihre gesamte Kommunikation über eine einzelne Lernplattform organisiert und beim Anbieterwechsel plötzlich alle Daten, Kontakte und Dokumente verloren gehen oder kostenintensiv migriert werden müssen. Auch Bürgerämter erleben das, wenn etwa Termin- und Dokumentensysteme nicht kompatibel sind und Daten nicht ohne Weiteres exportiert werden können.

Im Bürgeramt der Zukunft gestalten wir gemeinsam mit der Verwaltung Formulare und Prozesse. Der gemeinsam mit dem Ausbildungsbürgeramt Friedrichshain-Kreuzberg entwickelte und getestete Dokumentencheck hilft Bürger:innen durch eine digitale, individuelle Checkliste, ihre Termine selbstständig besser vorzubereiten. Der Prototyp wurde 2025 mit dem bundesweiten „Preis für gute Verwaltung“ ausgezeichnet, der innovativen Verwaltung sichtbar macht und so die Kooperation und Nachnutzung zwischen Kommunen stärkt.

Für Verwaltungen heißt das: offene Standards nutzen, Kompetenzen im Umgang mit Open Data aufbauen und Prozesse so gestalten, dass sie übertragbar bleiben. Die ODIS unterstützt Verwaltungsmitarbeitende bei all diesen Schritten.

Damit Bürger:innen mit öffentlichen Daten sicher und selbstbestimmt umgehen können, arbeiten wir mit verständlichen Visualisierungen, offenen Datenplattformen und Bildungsangeboten. Ziel ist, dass Menschen nicht nur auf Daten zugreifen, sondern auch einordnen können, was sie bedeuten und wie sie zustande kommen. Dadurch entsteht Teilhabe, die über die reine Nutzung eines Angebots hinausgeht und informierte Entscheidungen ermöglicht.

Digitale Souveränität für KI in der Verwaltung

Künstliche Intelligenz wird zunehmend für Assistenzaufgaben und Informationssuche in der Verwaltung eingesetzt. Entscheidend ist, dass Behörden verstehen, wie solche Systeme arbeiten und welche Daten sie nutzen. Ein Beispiel dafür ist BärGPT. Die Anwendung wurde in enger Abstimmung mit der Senatskanzlei vom CityLAB transparent, datenschutzkonform und sicher entwickelt. Mit BärGPT wird KI zu einem Werkzeug, das die Arbeit erleichtert, ohne neue Abhängigkeiten aufzubauen.

Wenn öffentliche Mittel in die Entwicklung digitaler Werkzeuge fließen, muss das Ergebnis auch öffentlich nutzbar sein. Deshalb entwickeln wir Prototypen von Anfang an offen – von der Hardware bis zur Dokumentation. So wird aus einem Berliner Projekt eine Lösung, die andere Kommunen an ihre Bedarfe anpassen können.

Ingo Hinterding :
Bereichsleitung Prototyping

Digitale Souveränität für offene Datenräume

Für die Gestaltung digitaler Souveränität spielen Datenräume eine zentrale Rolle. Daten müssen auffindbar, zugänglich, interoperabel und wiederverwendbar sein. Dafür braucht es verständliche Metadaten und offene Schnittstellen. Der GeoExplorer und der WFS Explorer zeigen genau das. Sie ermöglichen es Verwaltung, Forschung und Zivilgesellschaft, Daten ohne Spezialsoftware zu nutzen und in eigene Arbeitsprozesse zu integrieren.

Digitale Souveränität wird seit Jahren auf europäischer Ebene verhandelt. Mit Projekten wie GAIA-X oder der Entwicklung sektorübergreifender europäischer Datenräume wird ein Rahmen verfolgt, in dem Staaten, Unternehmen und Forschung Daten austauschen können – ohne eben jene Abhängigkeiten von einzelnen Plattformanbietern. Initiativen wie diese zeigen, wie Governance-Strukturen jenseits nationaler Grenzen Handlungsfähigkeit sichern könnten.

Auch der Data Hub, den der Bereich Public Data derzeit für Berlin aufbaut, folgt ähnlichen Prinzipien: über offene Schnittstellen sollen Daten für Verwaltungsakteur:innen zugänglich und nutzbar sein – perspektivisch bei voller Kontrolle durch die Verwaltung. Im Unterschied zu europäischen Initiativen wie GAIA-X oder sektorübergreifenden Datenräumen ist er lokal verankert und konkret auf die Bedarfe Berlins zugeschnitten. Damit zeigt er im Kleinen, wie sich die großen Ziele digitaler Souveränität praktisch umsetzen lassen.

Digitale Souveränität für die Resilienz von Städten

Städte müssen auf Krisen vorbereitet sein, sei es bei Stromausfällen, Extremwetter oder Cyberangriffen. Nur wer die eigenen Infrastrukturen versteht und kontrolliert, kann im Notfall handlungsfähig bleiben.

Die Kiezbox 2.0 zeigt exemplarisch, wie Resilienz mit offenen, dezentralen Lösungen gestärkt werden kann. Im Alltag sammelt sie Umweltdaten, im Krisenfall verwandelt sie sich in ein stromautarkes Notfall-WLAN. Die Technik ist bewusst offen angelegt: von der Hardware über die Software bis zur Dokumentation. So können auch andere Städte und Kommunen sie an eigene Bedarfe anpassen und lokal betreiben.

Digitale Souveränität bedeutet nicht nur Kompetenz im Alltag, sondern auch die Fähigkeit, in außergewöhnlichen Situationen selbstständig und unabhängig zu handeln.

Julia Zimmermann :
Bereichsleitung Digital Services

Digitale Souveränität ist eine Aufgabe für alle

Digitale Souveränität ist keine technologische Nische, sondern eine gesellschaftliche Zukunftsfrage. Sie erfordert Kooperation, Investitionen und den Mut, offene Wege zu gehen. Dafür bringen wir Verwaltung, Stadtgesellschaft, Forschung und Wirtschaft zusammen, damit digitale Technologien in Berlin nicht nur genutzt, sondern auch verstanden und gestaltet werden.