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„Innovationsökosystem“ – Buzzword oder belastbares Konzept?

  • Rubrik Kommentar
  • Veröffentlichungsdatum 10.12.2025
Dr. Charlotte Rochell

Erfolgt Wirtschaftspolitik bereits evidenzbasiert? Um Berliner Innovationsökosysteme durch politische Maßnahmen passgenau und wirksam unterstützen zu können, benötigt es ein Framework, mit dem sich der Entwicklungsstand sowie Stärken und Chancen eines Ökosystems objektiv bestimmen lassen.  Ein solches Reifegradmodell für Berliner Innovationsökosysteme hat unsere Kollegin Dr. Charlotte Rochell – im Rahmen einer Förderung der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe (SenWEB) – entwickelt. Im Folgenden widmet sich Charlotte dem „Ökosystembegriff“ und gibt einen ersten Einblick in die 2026 erscheinende Studie „Ein Reifegradmodell für Berliner Innovationsökosysteme“.

Was meint der Ökosystembegriff außerhalb der Biologie – und wie passt er zur Berliner Wirtschaft?

In der Ökologie sind Ökosysteme eine komplexe Einheit aus lebenden Organismen, ihrer physischen Umwelt und ihren Wechselbeziehungen innerhalb eines bestimmten Gebietes. Das umfasst Komponenten wie Mineralien, Klima, Boden, Wasser und Sonnenlicht sowie lebende Organismen wie Pflanzen, Tiere, Pilze und Mikroorganismen. Energieflüsse und Nährstoffkreisläufe verbinden diese Komponenten miteinander.

Wenn im Rahmen der Berliner Wirtschaft von Innovationsökosystem die Rede ist, dann verstehen wir darunter das Zusammenspiel unterschiedlicher Akteure, die in einem gewissen Raum und Rahmen miteinander agieren, um Innovationsaktivitäten zu betreiben oder zu fördern. Unter den Begriff Akteure fallen Vertreter:innen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Verwaltung sowie Intermediäre: zum Beispiel Verbände, Nichtregierungsorganisationen oder Interessengruppen.

Es gibt also einige Parallelen zwischen Ökosystemen in der Ökologie und der Wirtschaft: Es geht immer um mehrere Akteure, die miteinander interagieren und in ihrer Entwicklung voneinander abhängig sind. In beiden Fällen passen sich Ökosysteme veränderten Rahmenbedingungen an und entwickeln sich weiter, um die Bedürfnisse ihrer Bewohner:innen und ihrer Umwelt zu erfüllen. Beide Systeme zeichnen sich durch eine Dynamik zwischen Kooperation und Wettbewerb aus.

Gibt es ein geteiltes Verständnis des Buzzwords „Innovationsökosystem“?

Ja und nein. In den verschiedenen Kontexten von Wissenschaft, Management und Politik, in denen von Innovationsökosystemen oder auch nur von Ökosystemen gesprochen wird, gibt es keine allgemeingültige Definition. Aber es gibt verbindende Elemente, wie eben erläutert. Unterschiede liegen zum Beispiel darin, dass nicht immer das Hervorbringen von Innovationen im Zentrum des Ökosystembegriffs steht. Es kann beispielsweise ganz allgemein um unternehmerische Interaktionen oder ein produktives Gründungsgeschehen gehen. Eine weitere wichtige Unterscheidung betrifft die institutionelle Perspektive. Innovationsökosysteme in einer Stadt wie Berlin beziehen sich auf regionale Innovationsfelder. Unternehmensökosysteme entstehen dagegen rund um einzelne Unternehmen oder Industrien und sind häufig entlang (globaler) Lieferketten organisiert.

Wann sind Innovationsökosysteme „reif“ und warum wollen wir das wissen?

Der Reifegrad eines Innovationsökosystems beschreibt den Entwicklungsstand eines Technologie- oder Innovationsfelds und des dazugehörigen Ökosystems hinsichtlich der Fähigkeit, Technologien beziehungsweise Innovationen erfolgreich hervorzubringen, zu skalieren und wirtschaftlich zu nutzen. Ein reifes Ökosystem entwickelt dabei eine Eigendynamik, die zum Erreichen der Ökosystemziele führt. Außerdem ist ein reifes Ökosystem anpassungsfähig: Es ist in der Lage, flexibel auf kontinuierliche Erneuerungen im Innovations- oder Technologiefeld zu reagieren. Ein Beispiel: Als Apple um 2008 das iPhone auf den Markt brachte, erschütterte dies das regionale Ökosystem in Waterloo (Kanada) rund um den Wettbewerber Blackberry. Blackberry war nicht in der Lage, mit den Innovationen im Smartphone-Markt mitzuhalten, was starke wirtschaftliche Folgen für das Unternehmen hatte. Das regionale Ökosystem in Waterloo überstand allerdings diesen Niedergang eines Schlüsselakteurs: Insbesondere das Entstehen neuer Startups und Scaleups erlaubten einen Anpassungsprozess, der beispielsweise das Abwandern von Talenten verhinderte.

Das in der Studie entwickelte Modell ermöglicht eine systematische und methodisch vergleichbare Analyse regionaler Ökosysteme rund um ein ausgewähltes Innovations- oder Technologiefeld. Das Modell ist speziell auf Berliner Ökosysteme zugeschnitten, lässt sich jedoch auch problemlos auf andere Regionen übertragen.

Mit dem Reifegradmodell können Politik und Verwaltungen gezielter entscheiden, in welchen Innovationsfeldern sie Infrastruktur ausbauen, Gründerzentren fördern oder Kooperationen stärken sollten. Das schafft Transparenz in einem komplexen Feld.

Dr. Charlotte Rochell :
Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Innovation Policies & Research