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Datenbasiert Politik neu denken: Ein Gespräch zu Linked Open Data

  • Rubrik Interview
  • Veröffentlichungsdatum 30.07.2025
Anna Hantelmann

Braucht eine digitale Verwaltung automatisierte Empfehlungen à la „Diese Daten könnten Sie auch interessieren“ – also mehr verknüpftes Wissen durch offene und vor allem maschinenlesbare Daten? Wir sprechen mit Julia Schabos von der Berliner Senatsverwaltung für Finanzen und unserem Kollegen Max Eckert darüber, wie der Weg zu Linked Open Data konkret aussieht – und warum es jetzt einheitliche Infrastrukturen für Behördendaten braucht, um das Vertrauen in die Verwaltung zu stärken und eine Basis für öffentliche KI-Anwendungen zu schaffen.

Porträts Max Eckert und Julia Schabos

Wer kennt es nicht: Wir suchen auf einer Karte nach etwas, zum Beispiel einem Restaurant, und entdecken dabei noch weitere relevante Informationen, etwa die nächstgelegene Haltestelle oder einen benachbarten Park. So in etwa könnte auch die Berliner Verwaltung zukünftig arbeiten, statt Daten immer wieder neu zu erheben oder manuell zu recherchieren – und das über Behörden-, Bezirks- und sogar Ländergrenzen hinweg. Die Grundlage dafür: Linked Open Data, also vernetzte, offene und maschinenlesbare Daten. Ob damit auch Verwaltungshandeln transparenter und das Vertrauen in staatliche Institutionen größer wird? Julia Schabos, Open-Data-Beauftragte in der Berliner Senatsverwaltung für Finanzen, und Max Eckert, Data Scientist in der Open Data Informationsstelle (ODIS), im Gespräch zu Linked Open Data.

Daten bleiben für viele Menschen abstrakt, selbst wenn sie in der Politik immer mehr Aufmerksamkeit finden – etwa, wenn der Datenstrom von Pendler:innen aufzeigt, wo der Nahverkehr noch ausgebaut werden kann. Was muss für das Verständnis einer datenbasierten Politikgestaltung noch passieren und welche Rolle spielt Linked Open Data dabei?

Max Eckert: In unserer Studie schreiben wir, dass Linked Open Data kein Projekt ist, sondern ein radikal neuer Weg, um Wissen abzubilden. Das ist die Idee hinter dem semantischen Web: Komplett neu zu denken, wie wir Wissen im Web darstellen und verarbeiten. Praktisch zeigen wir in unserer Studie anhand von Organigrammen in der Berliner Verwaltung auf: Statt menschenlesbare PDFs manuell zu korrigieren und zu aktualisieren, können wir diese Wege mit maschinenlesbaren Daten zukünftig abkürzen – und so für mehr Effizienz bei neuen Zuständigkeiten oder unbesetzten Stellen sorgen. Dafür muss noch deutlich mehr in Infrastrukturen investiert werden.

Inwiefern?

Wir brauchen einheitliche Standards, damit alle – zum Beispiel Verkehrsministerien, aber auch kleinere Organisationen – mit demselben Daten-Schlüssel arbeiten können. Das bedeutet unter anderem ein einheitliches Vokabular zu erarbeiten, zu etablieren und zu pflegen. Gemeinsam mit der Berliner Senatskanzlei arbeiten wir aktuell an einer technischen Infrastruktur, um mehr Einheitlichkeit zwischen verschiedenen Fachabteilungen wie auch zwischen Landes- und Bezirksebenen herzustellen.

Mit dem Data Hub Berlin wollen wir für Verwaltungsmitarbeitende eine intuitive Nutzer:innen-Oberfläche bereitstellen, damit sie ohne große Programmier-Expertise datenbasiert arbeiten können.

Max Eckert :
Data Scientist im Team Public Data, Technologiestiftung Berlin

Eine notwendige Voraussetzung für Linked Open Data ist auch der sogenannte Triple Store: Das ist einfach gesagt eine besondere Datenbank, die dafür sorgt, dass wir mit Linked Open Data interagieren können, also die Daten auch „befragen“ können. Sobald eine Vielzahl an Datensätzen als Linked Open Data bereitgestellt werden, können sie in einem Wissensgraphen abgebildet werden, der Zusammenhänge zwischen verschiedenen Datenpunkten für Menschen und Maschinen ersichtlich macht.

Infografik Linked Open Data
Schematische Darstellung eines Knowledge Graphs (Wissensgraph). "Mit einer Vielzahl an verknüpften Daten entstehen leistungsstarke Wissensnetze."

Julia Schabos: Mein Wunsch ist es, das Thema stärker zu institutionalisieren. Damit Linked Open Data Teil des internen Datenmanagements werden kann müssen wir neben technischen Lösungen auch interne Prozesse entwickeln: Welche Daten eignen sich für die Veröffentlichung? Wie lassen sie sich aufbereiten und standardisieren? Gemeinsam mit der ODIS haben wir im Rahmen unseres Projektes dafür bereits erste Routinen entwickelt, die durch die Studie zu Linked Open Data sowie die Bestrebungen in Richtung Data Hub unterstützt werden.

Um auch länderübergreifend weiter arbeiten zu können, brauchen wir aber auch auf Bundesebene mehr Strukturen. Oder anders gefragt: Wer entwickelt und pflegt die gemeinsamen Datenstandards?

Julia Schabos :
Berliner Senatsverwaltung für Finanzen

Seit Kurzem sind die Berliner Haushaltsdaten als Linked Open Data verfügbar. Ist das ein kleiner Schritt auf dem weiten Weg hin zu einem datengetriebenen Berlin – oder gibt es jetzt schon weniger Papierstau und mehr Automatisierung, auch mithilfe Künstlicher Intelligenz?

Max Eckert: Die Datengrundlage ist geschaffen und das Schöne dabei ist: Wenn wir die Daten öffnen und bereitstellen, entsteht in jedem Fall ein Mehrwert. Der zeigt sich, je nachdem, wer mit den Daten arbeitet.

Auch für KI im öffentlichen Sektor bietet sich Linked Open Data an. Während Large Language Modelle aktuell eher mit Wahrscheinlichkeiten arbeiten, hat Linked Open Data das Ziel, Fakten abzubilden. Faktisch zu unterteilen in richtig oder falsch – das entspricht den Anforderungen einer rechtssicheren Verwaltung.

Max Eckert :
Data Scientist im Team Public Data, Technologiestiftung Berlin

Übrigens deckt sich dieser Ansatz auch mit den Bedingungen und Kriterien im AI Act der EU: Bei Anwendungen im öffentlichen Sektor muss für die Risikoeinschätzung immer eine Erklärbarkeit der KI-Modelle gegeben sein.

Julia Schabos: Egal ob in der internen Nutzung oder in der Kommunikation mit Bürger:innen:die Verwaltung muss auf Basis einer verlässlichen, rechtssicheren und gleichzeitig nachvollziehbaren Datengrundlage agieren. Mit Linked Open Data stellen wir Daten maschinenlesbar, eindeutig identifizierbar und vernetzt bereit und schaffen so diese verlässliche Grundlage – zum Beispiel auch für künftige KI-Anwendungen. Im April haben wir die Berliner Haushaltsdaten auf GitHub veröffentlicht. Die Daten wurden so aufbereitet, dass die Verlinkungen zu weiteren Datensätzen für User:innen sichtbar und „klickbar“ sind – daran hat auch Berlin Online intensiv mitgearbeitet. Noch fehlt uns zwar die geeignete Infrastruktur für maschinelle Abfragen und Analysen, also der bereits genannte Triple Store, aber wir prüfen bereits welche Weiterentwicklungen bzw. KI-Anwendungen sinnvoll wären, sodass beispielsweise Verwaltungsmitarbeiter:innen und Bürger:innen die Möglichkeit bekommen, die Daten niedrigschwellig auch in natürlicher Sprache abzufragen.

Apropos Zukunftsmöglichkeiten: Berlin belegt aktuell Platz 2 im Open Data Ranking Deutschland der Open Knowledge Foundation. Inwiefern können wir darauf stolz sein und wie sieht der Nutzen in der Verwaltungspraxis aus, wenn sich Daten über Bezirks-, Stadt- und vielleicht sogar Landesgrenzen analysieren lassen?

Julia Schabos: Dass Berlin im Open Data Ranking auf Platz 2 liegt, ist ein positives Signal und zeigt, dass beim Thema Open Data in den letzten Jahren viel aufgebaut wurde – fachlich, technisch und organisatorisch – und Mitstreiter:innen wie ODIS wichtige Basisarbeit leisten, auf der wir als Open-Data-Beauftragte aufsetzen können.

Wir können stolz darauf sein, dass wir gemeinsam das dicke Brett Linked Open Data erfolgreich angebohrt haben – und das mit den Haushaltsdaten, einem der zentralen Datensätze der Berliner Verwaltung.

Julia Schabos :
Berliner Senatsverwaltung für Finanzen

Damit haben wir bewiesen, dass Linked Open Data „machbar“ ist. Jetzt geht es darum, den Mehrwert weiter herauszuarbeiten und unseren Wissensgraphen mit anknüpfenden Datensätzen zu erweitern.

Je mehr Datensätze dazukommen, desto besser lassen sich Zusammenhänge und Synergien herstellen: Welche Mittel fließen wohin? Welche Bezirke oder Fachressorts arbeiten mit vergleichbaren Daten? Je größer das Netz an verfügbaren, standardisierten und verlinkten Daten wird, desto einfacher wird es, über Ressort- und Verwaltungsebenen hinweg gemeinsam an Lösungen zu arbeiten – sogar über die Landesgrenzen hinaus.

Max Eckert: Ich würde unterstreichen, dass Linked Open Data dabei hilft, datenbasiert und neu zu denken. Menschen in den Verwaltungen fangen an, über die Datensilos hinweg zu denken und in den persönlichen Austausch zu kommen, zum Beispiel mit anderen Bundesländern – wie es für die Berliner Haushaltsdaten mit Schleswig-Holstein passiert ist. Wenn wir auf Bundesebene die verschiedenen Ansätze, die es schon gibt, vereinheitlichen und pflegen – dann wäre schon ein sehr wichtiger Schritt getan.

Data Hub Berlin

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