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Berlin digital handlungsfähig machen: Warum Resilienz und Teilhabe zur digitalen Daseinsvorsorge gehören

  • Rubrik Aus der Stiftung
  • Veröffentlichungsdatum 06.07.2026
Marie-Claire Krahulec

Eine Warnung erreicht ihren Zweck erst, wenn sie vor Ort ankommt. Ein digitales Angebot hilft nur, wenn Menschen es verstehen und nutzen können. Für eine wachsende Stadt wie Berlin wird digitale Infrastruktur deshalb zu einer Frage des Alltags: Welche Informationen bleiben erreichbar, wenn gewohnte Wege ausfallen?

Die Reihe „Berlin digital handlungsfähig machen“ beleuchtet vier Felder, an denen sichtbar wird, wie Berlin seine digitale Zukunft gestaltet. Nach dem Auftakt zu KI und Verwaltungssteuerung geht es nun um Resilienz und den Zugang zu einer verlässlichen öffentlichen Infrastruktur.

Mit Blick auf die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus im September 2026 rückt eine Anschlussfrage in den Vordergrund: Welche Erfahrungen aus Pilotprojekten lassen sich so weiterentwickeln, dass sie auch im Regelbetrieb verlässlich sind? Für die Technologiestiftung betrifft das vor allem Ansätze, die digitale Infrastruktur näher an den Alltag der Stadt bringen.

Warum ist Resilienz mehr als Katastrophenschutz?

Lang andauernde Stromausfälle gehören in Berlin zum Glück nicht zum Normalfall. Im Durchschnitt steht die Hauptstadt bei der Stromversorgung gut da. Während 2024 die Unterbrechungsdauer bundesweit bei 11,7 Minuten je Letztverbraucher:in lag, waren es in Berlin 8,5 Minuten. Der Stromausfall infolge eines Anschlags auf eine Kabelbrücke im Bezirk Steglitz-Zehlendorf Anfang 2026 zeigt aber mit knapp 4,5 Tagen, dass seltene Lagen den Alltag eines Stadtteils überdurchschnittlich lang prägen können.

In einer Stadt wie Berlin ist Infrastruktur komplex und verschiedene Ebenen treffen aufeinander: Hier müssen Senatsverwaltungen, Bezirke, Feuerwehr und Betreiber:innen technischer Infrastruktur früh klären, wie ein System im Ernstfall genutzt wird. Das bedeutet, dass landesweite Strategien mit bezirklicher Praxis zusammenpassen und technische Lösungen deshalb auch organisatorisch anschlussfähig sein müssen. Ein guter Prototyp allein reicht nicht aus. Wichtig ist, wer ihn betreibt und wie er in bestehende Abläufe passt.

Wie kann die Kiezbox als lokaler Kommunikationspunkt dienen?

Wir haben es erlebt: Der Stromausfall Anfang des Jahres hat den Südwesten Berlins über mehrere Tage lahmgelegt. Fällt in einem Bezirk über so lange Zeit der Strom aus, hat das direkte Folgen für unseren Alltag. Und so war es auch als bei Minusgraden über 45.000 Haushalte tagelang ohne Strom und Heizung blieben und zu Beginn der Krise auch der Mobilfunkempfang stark beeinträchtigt war. Wer in so einer Lage Hilfe braucht, ist darauf angewiesen, dass Informationen und Notruf trotz allem erreichbar bleiben.

Am Ende ist die Sache ziemlich einfach. Digitale Infrastruktur muss auch dann erreichbar bleiben, wenn der Normalbetrieb endet.

Nicolas Zimmer :
Vorstandsvorsitzender der Technologiestiftung Berlin

Für diesen Fall liegt mit der Kiezbox ein praxiserprobter Ansatz vor. Sie ist Teil der Smart-City-Strategie Gemeinsam Digital: Berlin und entstand bei der Technologiestiftung in Kooperation mit der Berliner Feuerwehr.

Die Kiezbox ist kein Gerät, das erst im Ausnahmezustand aus dem Schrank geholt wird. Im alltäglichen Regelbetrieb sammelt sie lokale Umweltdaten. Diese Daten können Hinweise darauf geben, wie sich Hitze, Luftqualität oder andere Belastungen im Stadtraum entwickeln.

Im Krisenfall kann dieselbe Infrastruktur eine zweite Aufgabe übernehmen: Sie kann ein lokales Notfall-WLAN bereitstellen, wenn zentrale Kommunikationswege gestört sind. Über kiezbox.ts.berlin können Betroffene auf eine Portalseite gelangen und Hinweise zu Notversorgung und zum Verhalten in der Krisensituation erhalten. Um Notrufe abzusetzen, müssen Smartphones im Notfall-WLAN der Kiezbox eingeloggt sein. Damit der Zugriff so einfach wie möglich geschehen kann, eignen sich vor Ort Plakate und Sticker mit QR-Code, der schnell gescannt werden könnte.

An einem Zaun hängt eine illustrierte Infotafel mit Texthinweisen zur Nutzung der Kiezbox und ein QR-Code. Der Absender wird durch die Logos der Technologiestiftung sowie der Senatskanzlei Berlin deutlich.
Modellansicht für die Krisenübung. Über Informationstafeln im Stadtraum könnten sich Bürger:innen mit der Nutzung der Kiezbox vertraut machen und Hinweise für den Krisenfall wahrnehmen.

Am 6. Juli 2026 hat die Senatskanzlei den Bericht der Expert:innen-Kommision zur Resilienz in Berlin vorgestellt. Der Bericht greift die Rolle der Kiezbox ausdrücklich auf und beschreibt sie als stromautarken Kommunikationsknoten, der die Lücke zwischen Katastrophenschutz-Leuchttürmen und bezirklichen Informationspunkten schließen kann.

Damit rückt auch die Vorsorge der Bürger:innen stärker in den Blick. Wer weiß, wo die nächste Kiezbox steht und welche Informationen dort abrufbar sind, verliert im Notfall weniger Zeit. Der Bericht erwartet ausdrücklich, dass Menschen die nächsten Anlaufstellen kennen und bei Ausfall zentraler Kanäle auch auf nachbarschaftliche Selbsthilfe setzen. Die Kiezbox kann genau dafür ein vertrauter Ort im Kiez werden.

Selbst die stabilste Technik hilft wenig, wenn Menschen vor Ort nicht wissen, wo sie die Informationen überhaupt finden.

Julia Zimmermann :
Bereichsleitung Digital Services

Warum endet digitale Teilhabe nicht beim Online-Formular?

Dass digitale Angebote erreichbar sind, reicht allein nicht aus. Menschen müssen sie auch nutzen können. Das gilt für eine Portalseite im Krisenfall genauso wie für Verwaltungsleistungen im Alltag. Wer in Berlin wohnt und öffentliche Verwaltungsleistungen am liebsten auf dem kurzen Amtsweg erledigen möchte, findet im Serviceportal des Landes Berlin mehr als 400 digitale Verwaltungsdienstleistungen. Für viele Anliegen ist das ein Fortschritt. Bürger:innen müssen den richtigen Dienst allerdings erst einmal finden und dann verstehen, welche Angaben gebraucht werden. Bei Unsicherheit braucht es erreichbare Hilfe. Ein Formular kann technisch funktionieren und trotzdem schwer nutzbar sein. Manche Hürde entsteht durch Sprache. Andere liegen im Ablauf, etwa wenn unklar bleibt, welcher Schritt als nächstes folgt. Deswegen müssen digitale Verfahren vor ihrer Nutzung mit den Personen getestet werden, die sie später auch nutzen sollen. Wir unterstützen die Berliner Verwaltung dabei mit fachlicher Expertise und prototypischen Verfahren. Unsere Arbeit ist getan, wenn daraus dauerhafte Regelangebote für Berlin und seine Bürger:innen entstehen.

Blick in die Praxis

Fairgnügen zeigt, wie wichtig frühe Tests mit der späteren Zielgruppe sind. Die Plattform bündelt kostenfreie und ermäßigte Angebote in Berlin. Als Datengrundlage dienen offene Datensätze der Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung. In Workshops wurde geprüft, ob Menschen die Angebote finden, verstehen und für ihre eigene Situation nutzen können. Aus diesen Rückmeldungen entstanden Anpassungen an Sprache und Oberfläche der Plattform.

Ein ähnlicher Weg führte zum digitalen Willkommenszentrum Berlin. Aus einem ersten Prototyp entstand eine Plattform, die Informationen für neu ankommende Menschen bündelt und verständlich aufbereitet. Die Seite ist mehrsprachig aufgebaut und ergänzt nun das physische Willkommenszentrum um einen digitalen Zugang.

Wie kommen Rückmeldungen aus der Stadtgesellschaft ins Amt?

Im CityLAB arbeiten wir an digitalen Werkzeugen für die Verwaltung und mit dem Kiezlabor werden diese Ansätze im Stadtraum getestet. Mal ist es das Tiny House, mal reicht das Lastenrad. Wichtig ist der Wechsel der Perspektive.

Wer vorbeikommt, kann einen neuen digitalen Prototypen ausprobieren oder ein Problem aus dem Alltag schildern. Verwaltungsmitarbeitende erhalten vor Ort außerdem Rückmeldungen aus Situationen, die sich im Besprechungsraum kaum nachstellen lassen.

Blick in die Praxis

Wer einen Plan zur Umgestaltung einer Straße sieht, versteht nicht automatisch, was sich im Alltag ändern würde. Linien auf Karten helfen Fachleuten, für andere bleiben sie oft weit weg von der eigenen Lebensrealität. Beim Kiezlabor wird Stadtplanung deshalb vom Verwaltungsbüro in Berlins Kieze geholt.

In Friedrichshain-Kreuzberg wurde beispielsweise die Simplonstraße für einen Tag ohne Autos erlebbar gemacht. Dort, wo sonst der Verkehr tobt, konnten Kinder und Anwohner:innen zeigen, wie sie den Raum nutzen würden. Eine Schulklasse ging durch die Straße, sammelte Wünsche und sah am Bildschirm, wie die einzelnen Stadtvisionen mithilfe von KI im Straßenbild aussehen könnten. Aus einem Vorschlag wurde ein Bild und aus dem Bild wurde eine Rückfrage: reicht ein Wasserspender oder brauchen wir einen Teich? Wer kümmert sich später um neue Pflanzen?

Abschließend wurden die Ergebnisse dem Straßen- und Grünflächenamt präsentiert und an das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg übergeben.

Von solchen Momenten lebt Teilhabe. Sie können helfen, eine anstehende Planung verständlicher zu machen und Bedürfnisse der Anwohnenden einzuholen, bevor sie abgeschlossen ist.

Wer zufällig vorbeikommt, bringt andere Erfahrungen mit als Teilnehmende eines Workshops. Für digitale Daseinsvorsorge ist diese Perspektive wichtig. Ein Angebot ist erst dann zugänglich, wenn es in unterschiedlichen Alltagssituationen verstanden und genutzt werden kann.

Wie kommt ein Prototyp in den Berliner Regelbetrieb?

Ende Juni 2025 haben wir gemeinsam mit unseren Projektpartnern von der Berliner Feuerwehr den Ernstfall geprobt und in einer Krisenübung die Kiezbox unter Realbedingungen getestet. Dafür simulierten Statist:innen in Schöneberg verschiedene Notfallszenarien und gelangten mit ihren Smartphones über das Kiezbox-WLAN auf die Web-App. Die Seite ist als Informationsportal für den Normalbetrieb und den Krisenfall angelegt. Über eine SIP-Trunk-Verbindung ließ sich die Feuerwehr wie geplant erreichen und die Notfallsituation schildern, woraufhin die Einsatzkräfte vor Ort zum Einsatz kamen. Der Tagesspiegel war live vor Ort und berichtete anschließend über den Praxistest.

Mit einem erfolgreichen Projektabschluss ist aber noch nicht entschieden, wie ein solcher Ansatz in den Regelbetrieb kommt. Wer hält die Informationen auf der Portalseite aktuell? Wer wartet die Geräte auf den Dächern? Welche Abläufe greifen, wenn aus einem Testsystem ein berlinweites Netz werden soll?

Ein flächendeckender Rollout in Berlin wäre unserer aktuellen Berechnung nach mit rund 300 Kiezboxen möglich, wobei ein sukzessiver Rollout zunächst den Fokus auf die Installation an Kat-L- und Kat-I- Standorten des Landes legen müsste.

Julia Zimmermann :
Bereichsleitung Digital Services

Welche Schritte braucht es für einen berlinweiten Rollout, und wer übernimmt welche Aufgabe? KRITIS Connect griff diese Fragen nach Abschluss des Kiezbox-Projekts noch einmal auf. Die Technologiestiftung klärte gemeinsam mit der Berliner Feuerwehr und dem Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg weitere technische und organisatorische Punkte. Nach aktuellem Arbeitsstand müsste die Senatsverwaltung für Inneres und Sport Voraussetzungen für ein Betriebsmodell schaffen. Der Betrieb würde anschließend auf Bezirksebene umgesetzt.

Ein erfolgreicher Test beantwortet noch nicht alle Fragen. Er zeigt aber ziemlich genau, was als Nächstes geklärt werden muss.

Nicolas Zimmer :
Vorstandsvorsitzender der Technologiestiftung Berlin

Auch andere Projekte aus Gemeinsam Digital: Berlin zeigen, wie wichtig diese Klärung ist. Im Projekt SmartWater ist die Verstetigung für einen Teil der Pilotmaßnahmen bereits gelungen. Das Hochwasser-Infoportal wurde im Mai 2026 auf berlin.de veröffentlicht und damit in den Berliner Betrieb überführt. Der HochwasserCheck gibt eine Einschätzung, ob die eigene Adresse bei Starkregen und Überschwemmungen gefährdet ist und führt durch wenige Fragen zu passenden Warnhinweisen und Handlungsempfehlungen im Ernstfall.

Für die nächste Legislatur liegt hier die eigentliche Aufgabe: Gute Tests brauchen einen Weg in den Betrieb. Bei der Kiezbox betrifft das neben abgestimmten Krisenabläufen vor allem auch Wartung und Finanzierung. Beim Kiezlabor geht es darum, Ergebnisse aus dem Stadtraum in die weitere öffentliche Planung zu bringen. Erst an dieser Stelle zeigt sich, ob digitale Daseinsvorsorge den Projektstatus verlässt.

 

Kiezbox, Kiezlabor und SmartWater sind Pilotmaßnahmen der Strategie „Gemeinsam Digital: Berlin“. „Gemeinsam Digital: Berlin“ ist die Smart City-Strategie des Landes Berlin im Rahmen des von Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen und KfW geförderten Programms "Modellprojekte Smart Cities".