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  • Thema Kultur

Berlin digital handlungsfähig machen: Warum Kultur digitale Grundlagen braucht

  • Rubrik Aus der Stiftung
  • Veröffentlichungsdatum 09.09.2026
Marie-Claire Krahulec

An der Museumskasse steht ein Laptop, für den bald kein Sicherheitsupdate mehr kommt. Im Team kursiert dieselbe Datei mehrfach, je nachdem, wer zuletzt daran gearbeitet hat. Die Website eines freien Tanzensembles ist online, aber für viele Menschen schwer nutzbar. In Kultureinrichtungen zeigen sich digitale Lücken oft dort, wo der Betrieb längst weiterlaufen muss. Für das Publikum bleibt vieles davon unsichtbar. Für die Einrichtungen kostet es Zeit, Nerven und manchmal auch Reichweite.

Digitale Kulturpolitik ermöglicht neue Ausdrucksformen auf der Bühne und im Kulturprogramm. Sie schafft aber auch den Rahmen für den gesicherten Betrieb hinter den Kulissen: von der Wartung von Systemen bis hin zu Services, die mehrere Einrichtungen nutzen können. Wenn IT-Fragen nebenbei gelöst werden, wird dauerhaft auf unsicherem Grund gearbeitet.

Zum Abschluss der Reihe „Berlin digital handlungsfähig machen“ rückt nach Beiträgen zu KI in der Verwaltung, Resilienz und Teilhabe sowie zur öffentlichen Datenarbeit nun der Kulturbereich in den Blick. Im Wahljahr 2026 führt das auf eine Ebene, die selten im Rampenlicht steht: digitale Grundlagen im Alltag von Kulturorten. Wir fragen: Welche Strukturen braucht Berlin, damit seine Kulturlandschaft digital verlässlich arbeiten kann?

Warum ist digitale Kulturpolitik auch Infrastrukturpolitik?

Berlins Kulturlandschaft reicht vom großen Haus bis zur freien Gruppe ohne feste Spielstätte. Die Voraussetzungen unterscheiden sich stark: Ein landeseigenes Museum kann digitale Aufgaben auf mehreren Schultern verteilen oder gar eine Digitalstrategie mit eigener Zuständigkeit entwickeln. Ein kleiner Kulturort klärt dieselben Fragen eher neben dem laufenden Programm, oft mit wenig Zeit und gewachsenen Systemen.

Trotzdem ähneln sich viele Probleme und am Ende hängt vieles an Entscheidungen, die im Alltag getroffen werden müssen: Welche Systeme sind sicher genug? Welche Software passt zu unseren Aufgaben? Wer darf worauf zugreifen? Und wer erklärt neuen Kolleg:innen das nächste Funktionsupdate?

Wenn eine Website ohne gut lesbare Informationen Hürden aufbaut, bevor das Kulturpublikum ein Haus betritt, wird digitale Entwicklung auch deswegen wichtig, weil sie über Teilhabe mitentscheidet. Ein digitales Archiv, das schlecht auffindbar ist, bleibt auch dann verborgen, wenn viel Arbeit in seine Erschließung geflossen ist.

Kulturpolitik muss deshalb Rahmenbedingungen für einen zeitgemäßen digitalen Kulturbetrieb schaffen. Technik reicht dafür nicht aus. Einrichtungen brauchen Wissen im Team und Unterstützung, die auch bei knappen Ressourcen erreichbar bleibt.

kulturBdigital  arbeitet seit Jahren nah an diesen Themen im Kulturalltag. Das Projekt bringt seit 2018 Berliner Kulturakteur:innen zusammen, sammelt Bedarfe aus der Praxis und macht Wissen zugänglich. In Workshops und Netzwerktreffen geht es um Fragen, die viele Kulturakteur:innen umtreiben, für die im Alltag aber oft wenig Zeit bleibt: Wie lassen sich spezielle Arbeitsabläufe des Kultursektors digitaler gestalten? Wie wird eine Website barriereärmer? Was muss bei IT-Sicherheit und Datenschutz beachtet werden?

Ein Ticketingsystem umstellen, KI-Richtlinien für das Team erstellen oder Open-Source-Alternativen zu immer teurer werdenden Programmen finden: Kultureinrichtungen suchen zu Digitalthemen oft das Erfahrungswissen anderer, um angesichts knappen Personals und weniger Ressourcen nicht selbst bei null anfangen zu müssen. Genau hier setzen wir durch Expert:innen-Inputs, Wissenstransfer und Vernetzung an. Es geht darum, die Last von den Schultern einzelner zu nehmen.

Silvia Faulstich :
Bereichsleiterin Kultur

Was hat die Fachgruppe Digitalität gezeigt?

Seit April 2025 arbeitet die Berliner Kulturkonferenz an einem Beteiligungsprozess für ein Berliner Kulturfördergesetz. In 15 Fachgruppen wurden Bedarfe gesammelt und Empfehlungen erarbeitet. Die Technologiestiftung hat mit kulturBdigital die Fachgruppe Digitalität koordiniert.

Die Vielstimmigkeit innerhalb unserer Fachgruppe war beeindruckend – und wichtig. Oft wird in der Kulturpolitik ein Fokus auf den digitalen Erhalt von Kulturgut gelegt oder Innovationsförderung forciert. Unsere Zusammenarbeit mit Bühnen, Bibliotheken, Gedenkstätten, Museen und der Freien Szene hat gezeigt: ein Kulturfördergesetz darf nicht darauf beschränkt bleiben.

Annette Kleffel :
Abteilungsleitung Kultur & Bildung

Die Fachgruppe hat ausgearbeitet, wie breit Digitales in die Kulturarbeit hineinreicht. Es geht um Arbeitsprozesse, Publikumszugänge, digitale Infrastruktur und künstlerische Praxis. Viele Einrichtungen müssen Technik beschaffen, Lizenzen erneuern und Wissen im Team aufbauen. Für kleinere Häuser und freie Akteur:innen kann schon diese Grundversorgung zur Hürde werden.

Aus der Fachgruppe kommt deshalb ein klarer Hinweis: Digitale Entwicklung lässt sich im Kulturbereich nicht allein über einzelne Projekte lösen. Bisherige Fördermodelle unterstützen die Erweiterung des methodischen Repertoires für künstlerische Praxis, die digitale Ersterschließung von Kulturgut oder das Testen neuer Arbeitsmodi. Für einen nachhaltig digitalen Kultursektor wirken sie aktuell nur begrenzt. Neue Arbeitsmodi müssen in alltäglichen Abläufen verankert werden, neue Tools erfordern dauerhafte Wartung und Finanzierung.

Das Kulturfördergesetz kann dafür einen Rahmen schaffen. Es kann festhalten, dass digitale Arbeitsfähigkeit zur Kulturförderung gehört. Damit würde Digitalität nicht erst dann zum Gesprächsthema, wenn ein neues Projekt beantragt wird. Sie wäre Teil der Grundbedingungen, unter denen Kultur in Berlin arbeitet.

Wie hilft der kulturBdigital-HelpDesk ?

Der kulturBdigital-HelpDesk unterstützt bei Fragen, die in Einrichtungen oft liegen bleiben, bis sie drängen: Ein Theater oder eine Gedenkstätte möchte z.B. in die Cloud wechseln, weiß aber noch nicht genau, wie es den Umzug gestalten kann. Eine Geschäftsführung möchte ein neues Tool für die Teamkommunikation einführen und merkt, dass die eigentliche Herausforderung nicht im Programm selbst liegt. Ein Tanzkollektiv weiß, dass die eigene Website für Menschen mit Behinderungen schwer nutzbar ist, findet aber keinen Einstieg in die technischen Anforderungen. Der kulturBdigital-HelpDesk ist eine Anlaufstelle für Berliner Kultureinrichtungen und freie Akteur:innen für genau diese Anliegen. Das Team hilft Vorhaben und Anforderungen besser einzuordnen, zeigt technische Möglichkeiten auf, verweist auf passende Materialien und Hilfsmittel und vernetzt mit Kulturakteur:innen, die bereits Erfahrungen zu ähnlichen Herausforderungen gesammelt haben.

Der kulturBdigital-HelpDesk bietet Kultureinrichtungen zu sehr individuellen Problemen Orientierung. Zu häufig aufkommenden Bedarfen können wir zudem Angebote ableiten, die vielen gleichzeitig zugutekommen. Das kann eine Übersicht zu wichtigen Prüftools für Barrierefreiheit auf Websites sein oder eine Infoveranstaltung zu IT-Sicherheit im Kulturalltag.

Stefan Janson :
IT-Systemarchitekt kulturBdigital-HelpDesk

Die wiederkehrenden Fragen zeigen, wo viele Einrichtungen ähnliche Probleme haben. Dieses Wissen ist wichtig, wenn Berlin gemeinsame digitale Strukturen für den Kulturbereich entwickeln will.

Warum braucht der Kulturbereich gemeinsame IT-Services?

Viele Kulturorte haben keine eigene große IT-Abteilung. Sie brauchen aber verlässliche Unterstützung, wenn Systeme eingerichtet, abgesichert oder weiterentwickelt werden. Spätestens dann wird die Idee geteilter Services relevant.

Die Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt (SenKultGZ) lotet mit Mitteln des Transformationsfonds aus, welche geteilten Services für den Berliner Kultursektor geschaffen werden sollten. Hierzu gehört auch die Versorgung mit IT-Kräften. Die Technologiestiftung untersucht bis Ende des 2026 in einer Machbarkeitsstudie, wie eine zentral organisierte Service-Einheit aussehen müsste. Ab 2027 soll für Berlin ein Angebot entstehen, das unterschiedliche Kultureinrichtungen bei IT-Aufgaben unterstützt.

Die Arbeit startet bei den Bedarfen, denn ein gemeinsamer Service kann nur funktionieren, wenn die Ausgangslage im Kulturbereich ernst genommen wird. Das Team erhebt in diesem Jahr daher quantitative und qualitative Anforderungen und Bedarfe mithilfe von Fragebögen und Gesprächen. Hinzu kommen Interviews mit den Fachreferaten der Senatsverwaltung. Durch reale Anwendungsfälle (Use Cases) sollen schließlich auch echte Einsatzszenarien erprobt werden.

Diese gründliche Vorarbeit ist essenziell für die Konzeptionierung eines langfristigen, tragfähigen Betriebsmodells. Umfangreiche Rückmeldungen aus den Kultureinrichtungen geben bereits eine Richtung vor, woran sich ein Serviceangebot auch spartenübergreifend entsprechend bedarfsgerecht orientieren könnte und sollte.

Carolin Schwarzmann :
Projektmanagerin Shared IT-Services

Wie werden Kulturorte digital auffindbar?

Digitale Grundlagen betreffen auch die Sichtbarkeit der Kulturlandschaft. Berlin hat viele Kulturorte, aber sie sind nicht überall gleich gut auffindbar. Für Menschen in der Stadt zählt am Ende eine einfache Frage: Was gibt es in meiner Nähe und wie komme ich daran?

Das Berliner Kulturkataster arbeitet an dieser Stelle mit Daten: mehr als 2.350 Kulturorte – von der Oper bis zum Projektraum – sind darin mittlerweile verzeichnet. Die Anwendung macht sie nach Bezirk und Kategorie auffindbar. Perspektivisch sollen Kulturbetreibende ihre Stammdaten selbst pflegen können. Die interaktive Karte zeigt, wo Kultur in Berlin stattfindet. Sie kann helfen, kulturelle Infrastruktur in den Bezirken besser zu verstehen. Wo konzentrieren sich Angebote? Welche Räume prägen einen Stadtteil? Wo entstehen Lücken, wenn Orte verschwinden?

Für Verwaltung und Förderinstitutionen schafft das Kulturkataster eine gemeinsame Datengrundlage für kulturpolitische Entscheidungen. Für die Kulturszene kann es zeigen, wie einzelne Orte Teil eines größeren Gefüges sind. Damit wird digitale Sichtbarkeit auch zu einer Frage der Stadtentwicklung.

Bei Fairgnügen geht es stärker um den Zugang zum einzelnen Angebot. Die Plattform bündelt kostenfreie und vergünstigte Angebote aus Kultur, Bildung, Sport und Freizeit. Sie richtet sich an Menschen mit geringem Einkommen und bereitet Informationen mehrsprachig auf.

Kulturkataster und Fairgnügen arbeiten mit unterschiedlichen Daten. Beim Kulturkataster geht es um Orte. Bei Fairgnügen geht es um Angebote, die Menschen erreichen sollen. In beiden Fällen entscheidet die laufende Pflege der Informationen darüber, ob sie auffindbar bleiben und im Alltag genutzt werden können.

Was steht für die nächste Legislatur an?

Fairgnügen und Kulturkataster zeigen zwei unterschiedliche Wege, wie digitale Anwendungen im Kulturbereich weitergeführt werden können. Fairgnügen ist als Prototyp im CityLAB entstanden und läuft heute im landeseigenen Betrieb über berlin.de. Das Kulturkataster wurde als Auftragsarbeit für Kulturraum Berlin entwickelt und von der SenKultGZ gefördert. Beide Beispiele machen deutlich, dass digitale Kulturprojekte früh eine Antwort auf die Betriebsfrage brauchen.

Bei kulturBdigital stellt sich diese Frage nun für eine gewachsene Unterstützungsstruktur. Die Technologiestiftung und die SenKultGZ haben das Projekt 2022 als Kooperation bis zunächst Ende 2026 verstetigt. Aus dem Dialog mit der Kulturszene sind Formate entstanden, die Wissen aus der Kulturpraxis aufnehmen und für andere Einrichtungen nutzbar machen. Der HelpDesk führt diese Arbeit in den Alltag der Einrichtungen. Der Proof of Concept zu Shared IT-Services prüft, wie gemeinsame Unterstützung ab 2027 organisiert werden könnte. Damit bestehen bereits umfassende Expertise und erprobte Austauschformate mit einem spartenübergreifenden Netzwerk, die iterativ ausgebaut und für die nächste Phase genutzt werden können.

Auch für die nächste Legislatur geht es darum, für die zeitgemäße digitale Arbeitsfähigkeit verlässliche, nachhaltige Strukturen und Ressourcen bereitzustellen. Ein künftiges Kulturfördergesetz kann dafür einen Rahmen schaffen. kulturBdigital, der HelpDesk und die Shared IT-Services zeigen, worauf Berlin bereits aufbauen kann.

Für Berlin wäre das ein wichtiger Schritt. Viele Kulturorte werden auch in Zukunft keine eigene IT-Stelle haben. Trotzdem müssen Systeme sicher laufen, Informationen barrierearm zugänglich sein und wiederkehrende Fragen irgendwo landen können. Genau dort entscheidet sich, ob aus einzelnen Projekten Strukturen werden, auf die Kulturorte sich im Alltag verlassen können.