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3x nachgehakt: Prof. Dr. Mazda Adli von der Charité Berlin zu „Deine emotionale Stadt“

  • Rubrik Interview
  • Veröffentlichungsdatum 06.07.2026
Anna Hantelmann

Wir stellen drei Fragen an Digital-Praktiker:innen, deren Themen uns bewegen. Diesmal an Prof. Dr. Mazda Adli, Chefarzt der Fliedner Klinik Berlin und Stressforscher an der Charité Berlin. Als Psychiater im Forschungsprojekt „Deine Emotionale Stadt“ erklärt er, wie sich Emotionen von Stadtbewohner:innen auf eine digitale Karte bringen lassen – und warum es wichtig ist, Stress aufgrund von Dichte, Isolation oder mangelnder Schönheit zu messen, um Städte im Sinne der mentalen Gesundheit zu gestalten.

„Deine emotionale Stadt“ verbindet Citizen Science, Neurourbanistik und Open Data – welches Potenzial steckt darin für die Stadt von morgen? Warum ist es wichtig zu wissen, wo in Berlin Menschen gestresst oder einsam sind?

Aus der psychiatrischen Forschung wissen wir: Menschen, die in der Stadt leben oder dort aufgewachsen sind, haben ein größeres Risiko für bestimmte psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder Schizophrenie. Nach allem, was wir bisher wissen, spielt dabei vor allem die höhere Belastung durch chronischen, insbesondere sozialen Stress eine entscheidende Rolle. Da unsere Städte wachsen und immer mehr Menschen weltweit in urbanen Räumen leben, ist es entscheidend, Städte so zu gestalten, dass sie unserer Psyche fördern statt belasten. Denn Städte gehören zu den besten Errungenschaften der Menschheit. Deshalb will die Neurourbanistik besser verstehen, wie die Stadt der Zukunft aussehen muss, damit sie unserem Gehirn und unserer Psyche guttut.

Genau hier liegt das Potenzial von „Deine Emotionale Stadt“. Um zu verstehen, welche Orte Stress auslösen, Einsamkeit fördern oder im Gegenteil Erholung und Verbundenheit ermöglichen, brauchen wir die Erfahrung der Menschen, die ihr Leben und ihren Alltag in dieser Stadt verbringen. Emotionen sind subjektiv – erst durch die Beteiligung vieler Menschen entstehen Muster, die sich wissenschaftlich auswerten lassen. Citizen Science ist hierfür ein wichtiger Schlüssel.

Wir machen Stadtbewohner:innen nicht zur zu Teilnehmenden einer Studie, sondern zu Mitforschenden. Gemeinsam schaffen wir so eine neue Wissensgrundlage dafür, Städte lebenswerter und psychisch resilienter zu gestalten.“

Prof. Dr. Mazda Adli

Das Projekt hat Menschen auf sehr unterschiedliche Weise eingebunden – per App für die Datenerhebung, durch Veranstaltungen und die Zusammenarbeit mit Kooperationspartner:innen. Welche Erfahrungen oder Erkenntnisse haben dabei besonders überrascht?

Am meisten überrascht hat mich, wie groß das Interesse der Menschen ist, ihre eigenen Emotionen und deren Zusammenhang mit der Stadt besser zu verstehen. Das erleben wir bei der Teilnahme an der Studie und bei Workshops und öffentlichen Veranstaltungen. Das Besondere an „Deine Emotionale Stadt“ ist, dass wir die Teilnehmenden eine Woche lang durch ihren Alltag begleiten und ihre Emotionen in Echtzeit erfassen. Anschließend diskutieren wir die Ergebnisse gemeinsam mit ihnen, etwa in Workshops im Futurium, einem unserer Kooperationspartner. Dadurch entsteht ein echter Dialog zwischen Wissenschaft und Stadtgesellschaft. Viele Teilnehmende erkennen ihre eigenen Muster wieder und bringen zugleich neue Perspektiven ein, auf die wir allein nicht gekommen wären.

Wer in einer Stadt wie Berlin lebt, dem leuchtet sofort ein, dass Stadtleben mit Stress verbunden ist. Dass wir diesen Stress jetzt messen können, wird als sehr nah am eigenen Leben empfunden.

Prof. Dr. Mazda Adli

Eine weitere Erkenntnis betrifft die Gestaltung der Studie selbst. Die tägliche Teilnahme über eine Woche hinweg erfordert Ausdauer, ähnlich wie bei einem Online-Sprachkurs. Deshalb haben wir die App inzwischen grundlegend überarbeitet und mit spielerischen Elementen versehen, um die Teilnahme intuitiver und motivierender zu gestalten.

Um künftig Unterschiede zwischen einzelnen Bevölkerungsgruppen oder Stadtteilen zuverlässig untersuchen zu können, brauchen wir noch mehr Teilnehmende. Je größer die Datenbasis wird, desto präziser können wir verstehen, wie unterschiedliche Stadträume auf unsere psychische Gesundheit wirken.

Jetzt erscheinen die Forschungsergebnisse auch in einer interaktiven Karte, wie geht es damit weiter? 

Die Karte hilft uns, Zusammenhänge zwischen der gebauten Umwelt und dem emotionalen Erleben sichtbar zu machen und darauf Hinweise für die abzuleiten.

Wir wollen die Stadt emotional kartografieren, also gemeinsam mit Berliner:innen – unseren Citizen Scientists. Unser Ziel ist eine Art emotionale Wetterkarte Berlins. Das Besondere daran: Wir können Emotionen nicht nur einem bestimmten Zeitpunkt, sondern auch einem konkreten Ort zuordnen, an dem sie erlebt wurde. So entsteht ein völlig neuer Blick auf die Stadt.

Prof. Dr. Mazda Adli

Inwiefern? 

Unsere bisherigen Ergebnisse zeigen zum Beispiel, dass Schönheit eine wichtige Rolle spielt. Menschen, die einen Ort als schön empfinden, berichten gleichzeitig über geringere Stresswerte. Das beweist zwar noch keine Kausalität: Es könnte sein, dass ästhetische Qualität Stress reduziert, oder umgekehrt, dass Menschen unter geringerem Stress empfänglicher für Schönheit sind. Aber das Zusammenhang ist deutlich genug, um ästhetischer Qualität in der Stadtplanung mehr Gewicht zu geben.

Ebenso bestätigt sich unsere Sozialstress-Hypothese. Wir sehen, dass räumliche Beengung mit hohen Stresswerten einhergeht. Gleichzeitig beobachten wir einen zweiten, weniger offensichtlichen Mechanismus. Menschen erleben besonders viel Stress, wenn sie sich ihrer sozialen Umgebung nicht zugehörig fühlen. 

Wir unterscheiden deswegen zwischen zwei Formen von sozialem Stress: Dichtestress und Isolationsstress. Dichtestress entsteht durch räumliche Enge. Isolationssstress hingegen entsteht, wenn man von lauter Menschen umgeben ist, zu ihnen aber keine soziale Verbindung hat. Das subjektive Erleben entspricht dem Gefühl der Einsamkeit oder sozialem Ausgeschlossensein – etwa wenn sprachliche oder kulturelle Barrieren das Gefühl vermitteln, nicht dazuzugehören. Diese Form von Stress ist oft unsichtbar, aber gesundheitsrelevant.

Das Projekt „Deine Emotionale Stadt“ ist Teil der Exzellenzförderung der Berliner Universitäten (Berlin University Alliance), deren Förderperiode Ende 2026 offiziell ausläuft. Die interaktive Kartenanwendung hat unser Team der Open Data Informationsstelle (ODIS) gemeinsam mit Forschenden des Projekts entwickelt. Wer eigene Erfahrungen beitragen möchte, kann die App „Citizen Scientist“ nutzen und direkt zum Forschungsprojekt beitragen (Download im App Store oder bei Google Play). Hinweis: Die Daten werden pseudonymisiert erhoben und anonymisiert, bevor sie in der Karte erscheinen. Dadurch sind keine Rückschlüsse auf einzelne Studienteilnehmende möglich.

ODIS

Die Open Data Informationsstelle Berlin (ODIS) begleitet die Stadt auf dem Weg zu einer partizipativen, nachhaltigen und datengetriebenen Gesellschaft mit dem Schwerpunkt auf die Bereitstellung und Nutzung offener Daten.


Zielgruppe

Verwaltung, Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft