3x nachgehakt: Daniel Jakobson von Kulturraum Berlin
Wir stellen drei Fragen an Digital-Praktiker:innen, deren Themen uns bewegen. Diesmal an Daniel Jakobson von Kulturraum Berlin, der uns als Leitung im Projekt Kulturkataster verrät, warum Berlins Kulturszene datenbasierte Stadtentwicklung braucht – und was Techno-Clubs mit Sportvereinen zu tun haben.
Berlin ist Kultur – und beides ist stark im Wandel. Wie lassen sich Stadtentwicklung und Kulturszene besser zusammendenken?
Genau diese Frage stellen wir uns in unserem Projekt Kulturkataster, einem Verzeichnis aller Kulturräume in Berlin. Das gibt es so aktuell noch nicht und dadurch werden überall – sei es bei den Verwaltungen oder Verbänden – Entscheidungen auf Basis von Excel-Listen getroffen. Einige haben schon ihre eigenen Kartenprojekte entwickelt, aber einen möglichst vollständigen Überblick der Berliner Kulturlandschaft – von dem 200 Jahre alten Museum bis zur Graffitiwand –, den gibt es bisher nicht. Zusammen mit den Bezirken, dem Land Berlin, zahlreichen Verbänden und natürlich den Kulturorten selbst wollen wir mit dem Kulturkataster hin zu einer Stadtentwicklung, die Kultur in Echtzeit mitdenkt.
Wir versuchen mit dem Kulturkataster der vielfältigen Berliner Kulturlandschaft mit einem erweiterten Kulturbegriff gerecht zu werden, der auch Clubs, Open-Air-Flächen und alle möglichen Spielstätten der freien Szene – zum Beispiel Probe- und Projekträume – beinhaltet. Aktuell sind wir bei etwa 1.500 Kulturorten in 14 Kategorien.
Will denn jeder, eventuell auch nicht ganz offizielle Kulturort in Berlin kartiert werden und wer profitiert am Ende davon?
Auch wenn es unser erklärtes Ziel ist, Kulturräume an ihren Standorten zu schützen, respektieren wir, dass einzelne lieber unter dem Radar bleiben möchten. Deswegen arbeiten wir eng mit den Autoritäten der einzelnen Kultursparten zusammen, zum Beispiel mit dem Verband der Berliner Clubcommission, mit dem wir gemeinsam die Datensätze der Clubs entwickelt haben. Uns ist wichtig, dass wir mit den Akteur:innen selbst sprechen, denn wir gehen davon aus, dass sie auch auf vielen Ebenen profitieren: Im ersten Schritt ist das Kulturkataster eine Erhebung von Daten zu Kulturorten, im zweiten Schritt aber auch die Grundlage für zukünftige Stadtentwicklung.
Das Kulturkataster kann ein Frühwarnsystem für Kulturorte sein, die an ihrem Standort bedroht sind, weil es zum Beispiel Bauvorhaben gibt. Gleichzeitig wollen wir die Potenziale für die Stadt aufzeigen, sodass Kulturorte in neu entstandenen Quartieren oder auf Brachflächen entstehen können.
Zuletzt wollen wir die intensivere Nutzung von Kulturorten weiter voranbringen. Die typischen Clubzeiten sind zum Beispiel am Wochenende, aber diese Orte können eventuell auch tagsüber und unter der Woche genutzt werden, etwa durch Sportvereine.
Für die Zukunft wünsche ich mir, dass das Kulturkataster den Kulturorten und Verbänden dabei hilft, ihre Vorstellungen von Kultur in Berlin sichtbar zu machen und Stadtentwicklungsprozesse mitzugestalten. Ich hoffe, dass das Kulturkataster auch von den Verwaltungen genutzt wird, um die vielen kleinen und unabhängigen Kulturorte in ihren Planungen stärker zu berücksichtigen.
Welche anderen Städte sind Vorbilder und wie sieht es um die Zukunft von Berlins Kulturorten aktuell aus?
In der Konzeptphase haben wir uns um die 50 Projekte in Deutschland und international als Referenzen angeguckt. Am wegweisendsten ist Londons Cultural Infrastructure Map, die es geschafft hat, eine Megametropole wie London in ihrer Systematik abzubilden. Hier geht es allerdings weniger konkret um Stadtentwicklung, sondern mehr um einen Überblick über die kulturelle Vielfalt der Stadt.
Bei dem Kulturkataster geht es darum, sichtbar zu machen, wie sich Kultur in Berlin entwickeln kann. Der Druck in den Innenstädten steigt, viele freie Kulturorte können sich die Mieten nicht mehr leisten und werden von Bauprojekten an den Rand gedrängt. Gerade in dieser herausfordernden Phase kann ein datenbasierter Blick hilfreich sein: Wie sah es 2015 aus, wie wird es 2028?
Berliner Kulturkataster
Kulturelle Stadtentwicklung auf einen Blick: Das Berliner Kulturkataster schafft Transparenz über Berlins Kulturorte und unterstützt die Kulturraumplanung für die Hauptstadtregion.