3x nachgehakt: Angela Berger vom Civic Data Lab
Wir stellen drei Fragen an Digital Praktiker:innen, deren Themen uns bewegen. Dieses Mal an Angela Berger, die uns beim Abschluss der ersten Phase des Civic Data Lab Einblicke in anderthalb Jahre Datenpraxis gibt. Es geht um Zielkonflikte zwischen Skalierung, Nachnutzung und den sehr konkreten Bedarfen einzelner Organisationen.
Wo liegt für dich die wichtigste Erkenntnis aus anderthalb Jahren Civic Data Lab?
Ich glaube, das allerwichtigste Thema ist immer wieder das Abwägen zwischen der Wirkung für das individuelle Projekt und die jeweilige Organisation und dem Wunsch nach Nachnutzung und möglichst breiten Auswirkungen.
In den Gesprächen zur Weiterförderung war das sehr präsent. Leider wird oft nicht richtig anerkannt, dass Daten nicht gleich Daten sind. Ein Datenprojekt zu realisieren, bedeutet immer, sich die ganz individuellen Daten anzuschauen, sie zu bereinigen, sich mit ihrer organisationalen Anlegung zu befassen und dann sehr schnell in die Tiefenstrukturen von Organisationen und Initiativen einzutauchen.
Das braucht Zeit und Aufmerksamkeit. Und weil die Strukturen häufig noch nicht da sind, braucht es Unterstützung von außen, zum Beispiel durch das Civic Data Lab. Am Ende profitiert dann eine Organisation und ihre Zielgruppe und nicht automatisch alle Organisationen, etwa in der Migrationsberatung.
Die Rechnung geht oft nicht auf, dass man sagt, man löst ein Problem, das alle haben, und erzielt damit automatisch viel mehr. Der Transfer, den jede einzelne Organisation wieder auf ihr eigenes Thema leisten muss, ist so groß, dass er in vielen Fällen nicht geschafft würde.
Beim „One for all“-Prinzip habe ich deshalb einige Fragezeichen. Ich bin sehr für das individuelle Agieren. Das ist mir total wichtig.
Welche Projekte machen den Nutzen von Datenarbeit besonders greifbar?
Ein Beispiel, das ich mag, weil es sehr simpel ist: Ehrenamtliche aus dem Jugend Musikprojekt Ten Sing wollten deutschlandweit alle Ortsgruppen miteinander vernetzen. Sie wussten wenig über ihre Bedarfe und Strukturen. Ich fand spannend zu sehen, dass diese jungen, sehr engagierten Menschen schnell auf die Idee kamen, beim Civic Data Lab nachzufragen, weil man das datengetrieben beantworten könnte. Gemeinsam haben wir eine jährliche, weitgehend automatisierte Erhebung eingeführt. So können sie ihre Gruppen erstmals zählen und Gemeinsamkeiten und Unterschiede sichtbar machen.
Ein weiteres Beispiel ist die Plattform Kommuki vom Verein Politik zum Anfassen. Dort entstehen seit Jahren viele Ideen aus Jugendbeteiligungsprojekten, die bisher nur gesammelt wurden. Wir haben die Daten zugänglich gemacht und eine Plattform gebaut, über die man sie filtern, auswerten und weiterverwenden kann. Wenn man die Daten breit auswertet, kann man erkennen, was Jugendliche über den Zeitverlauf beschäftigt, vielleicht auch Unterschiede zwischen Ost und West oder Nord und Süd. Kommunen sehen damit, was Jugendliche beschäftigt und was aus ihren Vorschlägen geworden ist.
Als drittes Beispiel würde ich den Leerstandsmelder nennen. Menschen tragen bundesweit leerstehenden Wohnraum ein. Die Daten können Kommunen als Grundlage für Entscheidungen dienen. Wir haben die Initiative beim Relaunch unterstützt und arbeiten daran, die Daten offen bereitzustellen.
Wenn man auf Berlin schaut, aber auch auf andere Städte mit Innovationslaboren, was sollten Labs aus Civic-Tech-Sicht beim Thema Daten als Erstes ernst nehmen?
Ich kenne die Handlungsmöglichkeiten der Labs nicht im Detail. Was ich in den Datensprechstunden aber immer wieder beobachte, ist, dass Partner:innen auf kommunaler Ebene häufig entscheidend sind, vor allem bei sozialen oder lokalen Themen.
Es gibt viele Civic Tech Initiativen, die aus einer eher bundesweiten Perspektive lokale Dinge visualisieren wollen. Das funktioniert aber nicht ohne kommunale Partner. Gleichzeitig sind diese für plattformartig arbeitende Initiativen schwer erreichbar.
Man tritt nicht einfach an den Städtetag oder an den Bund der Kommunen heran, braucht diese Akteure aber trotzdem. Gleichzeitig kann man nicht mit jeder einzelnen Kommune sprechen. Ein sinnvoller Ansatz wäre, hier Zugänge zu eröffnen und kommunale Partner für Datenprojekte zu gewinnen.
Es gibt viel Aufholbedarf beim Digitalen, aber die Informationen liegen trotzdem in den meisten Fällen bei den Kommunen. Diese zugänglich zu machen, wäre total hilfreich.
Deshalb nochmal ein starkes Plädoyer für Plattformen, Vernetzung und offene Daten.
Das Civic Data Lab ist ein gemeinsames Vorhaben der Gesellschaft für Informatik, CorrelAid und dem Deutschen Caritasverband – gefördert als Civic Coding Ankerprojekt durch das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
CityLAB Berlin
Im CityLAB wird Innovation und Partizipation zusammengedacht: Verwaltung und Stadtgesellschaft arbeiten hier gemeinsam an Lösungen für das digitale Berlin von Morgen.