20 Jahre GenaU: MINT-Nachwuchs entsteht im Netzwerk
Eine Schulklasse arbeitet in einem Labor an Versuchsaufbauten. Eine Wissenschaftlerin hat die Grundlagen des Versuchs erklärt, beantwortet Fragen zur Durchführung und gibt Einblicke in ihren Arbeitsalltag im Forschungsinstitut. Dieser Ablauf unterscheidet sich deutlich vom naturwissenschaftlichen Unterricht in der Schule. Seit 20 Jahren verbindet das GenaU-Netzwerk Schülerlabore und Partner in Berlin und Brandenburg, die genau diese Hands-On Erfahrungen ermöglichen. Der Aufbau des Netzwerks wurde früh von der Technologiestiftung Berlin unterstützt.
Zum 20-jährigen Bestehen von GenaU (GenaU: Gemeinsam für naturwissenschaftlich – technischen Unterricht) geben die Leiterin der Netzwerkkoordination, Silke Vorst, und unser Kollege Dieter Müller, der den Aufbau des Netzwerks von Anfang an begleitet hat, Einblicke in die Entwicklung des Netzwerks und seine Rolle für die MINT-Bildung in Berlin und Brandenburg.
Was macht GenaU als Netzwerk für Schülerlabore aus?
Das größte regionale Schülerlabor-Netzwerk GenaU steht für außerschulische MINT-Bildung und Nachwuchsförderung und schafft Zugänge zu natur- und technikwissenschaftlichen Themen. Vergleichbare Netzwerke sind inzwischen in vielen Regionen entstanden. Bundesweit war GenaU aber das Erste, welches eine geförderte und damit strukturell angelegte Netzwerkkoordination hatte.
Die Idee, Schülerlabore in Berlin und Brandenburg zu vernetzen, entstand nicht zufällig. Die Technologiestiftung hatte schon damals die satzungsgemäße Aufgabe, regionale Stärken in Naturwissenschaft und Technik sichtbar zu machen und durch Netzwerkbildung auszubauen. Unser Ziel war es, diese Stärken weiter auszubauen und gleichzeitig frühzeitig den Nachwuchs für naturwissenschaftliche und technische Berufe zu begeistern.
Netzwerke aufbauen gehört zu unserer DNA. Klar war auch, dass der Aufbau regionaler Stärken nur mit Kenntnis und Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung und einer regionalen Nachwuchsrekrutierung gelingen kann.
Das Netzwerk verbindet heute 26 Einrichtungen aus Forschung, Hochschulen und Museen, die ihre Angebote aufeinander abstimmen und gemeinsam umsetzen. Ausschlaggebend ist, dass die Einrichtungen zusammenarbeiten. Projekte werden gemeinsam geplant und weiterentwickelt. Daraus sind mittlerweile fünf Kooperationsprojekte entstanden, die von einzelnen Einrichtungen allein so nicht umgesetzt worden wären.
Dass früh auf Vernetzung gesetzt wurde, hatte auch praktische Gründe, denn einzelne Labore sichtbar zu machen, reicht in einer Region mit so vielen Akteur:innen nicht aus. Ein Netzwerk schafft Wiedererkennbarkeit, bündelt Interessen und macht gemeinsame Ziele sichtbar. „Zugleich war die finanzielle Ausgangslage begrenzt. Es gab nie genug Mittel, um die gesamte Breite naturwissenschaftlicher und technischer Angebote dauerhaft einzeln zu fördern,“ sagt Dieter Müller.
Vernetzung war deshalb der wirksamste Weg, um Kooperationen zu ermöglichen und mit knappen Mitteln sichtbar Struktur aufzubauen. Für Politik und Fördermittelgeber entsteht so zudem ein gemeinsamer Ansprechpartner statt vieler einzelner Stimmen.
Zu den Mitgliedern gehören heute Labore aller großen Berliner Universitäten sowie Einrichtungen der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg und der Technischen Hochschule Wildau. Hinzu kommen außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, darunter das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt sowie Institute der Helmholtz- und Leibniz-Gemeinschaft. Auch Museen wie das Deutsche Technikmuseum sind Teil des Netzwerks.
Ergänzt wird die Struktur durch acht weitere Partnerschaften, etwa mit der Stiftung Planetarium oder dem Schülerlabor Geisteswissenschaften an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.
„Was uns ausmacht, ist der Wille, inhaltlich zusammenzuarbeiten und voneinander zu lernen“, sagt Silke Vorst. Diese Projekte zeigen, wie hier nicht nur koordiniert, sondern gemeinsam gearbeitet wird.
Dass dieser Ansatz funktionieren kann, hatte die Technologiestiftung bereits mit früheren Initiativen erlebt, etwa im Life-Sciences-Bereich rund um das Gläserne Labor. „Dort zeigte sich früh, welche Reichweite außerschulische Angebote entfalten können, fachlich, öffentlich und politisch“, erinnert sich Dieter Müller.
Wie funktioniert Zusammenarbeit mit 26 Einrichtungen?
„Es gibt viele engagierte Menschen, aber auch viele Bedürfnisse und Perspektiven“, beschreibt Vorst die Arbeit. Unterschiedliche Träger, verschiedene Logiken, begrenzte Ressourcen. Dazu viele Menschen – von Leitungen und Mitarbeitenden bis zu Lehrkräften, Studierenden und Freiwilligen – , die alle mit guten Gründen bestimmte Bedürfnisse und Erwartungen mitbringen. Ziel ist es, Themen zu identifizieren, die zu mehreren Einrichtungen passen und umgesetzt werden können.
Man muss das Wichtige filtern, Herausforderungen beachten, Bedürfnisse ernst nehmen, um einen Konsens zu finden. Schließlich soll das Netzwerk für alle einen Mehrwert haben.
Diese Arbeit bleibt oft unsichtbar. Ohne diese Abstimmung würde die Zusammenarbeit schnell ins Leere laufen.
Warum bleibt GenaU bestehen, während andere Projekte verschwinden?
Vorsts Antwort fällt knapp aus und trifft einen wunden Punkt: „Verstetigung von Bildungsprojekten ist unglaublich schwierig.“
Viele Initiativen starten mit viel Energie bei zeitlich begrenzter Förderung. Sobald diese ausläuft, bricht die Struktur weg. Bei GenaU ist das anders verlaufen. Die Finanzierung hat sich verändert, das Netzwerk ist geblieben.
Der Übergang von Projektförderung durch das Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN), Stiftungen und Arbeitgeberverband hin zu einer dauerhafteren Förderung durch den Senat hat Zeit gebraucht. Er war nicht selbstverständlich. Das unterscheidet GenaU von vielen vergleichbaren Vorhaben.
Was passiert eigentlich in einem Schülerlabor?
Die Erwartung ist oft überschaubar: Ein Besuch, ein Experiment, ein Einblick. Die Wirkung von Schülerlaboren geht allerdings weiter.
Silke Vorst beschreibt das als Moment, in dem etwas passiert: „Der Funke springt über, wenn Wissenschaft erlebbar wird.“ Gemeint ist nicht nur das Experiment selbst, sondern die Situation drumherum. Schüler:innen arbeiten mit Menschen, die in genau diesem Feld forschen oder studieren. Fragen werden anders gestellt, Antworten anders eingeordnet.
Ein Beispiel aus einem Life-Science-Labor zeigt das anschaulich. Eine Klasse untersucht genetische Marker. Die Aufgaben sind offen angelegt. Es geht nicht darum, ein Ergebnis zu reproduzieren, sondern darum, einen Lösungsweg zu finden. Eine Studentin erklärt den Versuchsaufbau, berichtet aus ihrem Studium. Für viele in der Gruppe verschiebt sich in diesem Moment die Vorstellung davon, was Naturwissenschaft eigentlich ist.
Welche Rolle spielen Lehrkräfte im Netzwerk?
Lehrkräfte sind für das Netzwerk die Hauptansprechpersonen als ersten Schritt zur Kommunikation mit den Kindern und Jugendlichen. Sie entscheiden außerdem, ob ein Angebot überhaupt genutzt wird, begleiten Klassen, wählen Formate aus und bringen Erfahrungen zurück in den Unterricht.
GenaU arbeitet deshalb nicht nur mit Schüler:innen, sondern auch mit Lehrkräften und Lehramtsstudierenden. Fortbildungen gehören zum festen Bestandteil. Fünf Labore sind als Lehr-Lern-Labore angelegt, in denen zukünftige Lehrkräfte ausgebildet werden. Neben den Inhalten geht es dort auch um die Frage, wie naturwissenschaftlicher Unterricht noch praxisbezogener gestaltet werden kann.
Die Einbindung von Lehramtsstudierenden beginnt bewusst früh, damit sie praktische Erfahrungen sammeln können, bevor sie selbst unterrichten. Das verändert auch den Blick auf Schule.
Was verändert sich im Unterricht?
„Lehrkräfte sagen, der Besuch eines Schülerlabors eröffne ihnen und auch ihren Schüler:innen einen Blick über den Tellerrand“, bestätigt Vorst.
Lehrkräfte greifen einzelne Elemente wie Versuchsaufbauten und Arbeitsweisen auf. Manche Schüler:innen begeistern sich im außerschulischen Kontext erstmals für MINT und gewinnen dadurch eine andere Haltung zum Unterricht.
Silke Vorst teilt ihre Beobachtungen: „Der Unterricht werde aktiver, sagen viele Lehrkräfte. Schülerinnen und Schüler beteiligen sich stärker. Sie arbeiten eigenständiger, stellen andere Fragen.“
Auch die Wahrnehmung der Lehrkräfte verändert sich, wenn sie ihre Klassen im Labor in einem anderen Kontext erleben. Manche Schüler:innen, die im Unterricht zurückhaltend sind, übernehmen hier plötzlich Verantwortung. Solche Erfahrungen wirken nach – bei Schüler:innen wie bei Lehrkräften.
Warum ist das für die Region Berlin Brandenburg relevant?
Schülerlabore leisten einen Beitrag dazu, nicht nur Studienplätze zu füllen. Sie vermitteln auch, wie wissenschaftliches Arbeiten funktioniert, weil sie Zugänge schaffen und Nähe herstellen. Forschung wird sichtbar, direkt an den Orten, an denen sie passiert.
Für eine Forschungsregion wie Berlin und Brandenburg geht es dabei nicht nur um künftige Fachkräfte. Es geht auch um ein belastbares Verständnis von Naturwissenschaft und Technik in der Gesellschaft. Dieter Müller sieht darin eine zweite, oft unterschätzte Funktion der Schülerlabore. Wer wissenschaftliches Arbeiten früh kennenlernt, kann falsche Behauptungen, Halbwissen und Verschwörungserzählungen später besser einordnen.
Das GenaU-Netzwerk bündelt diese Orte und sorgt dafür, dass sie auffindbar sind und neue Formate entstehen können. Daraus ist in 20 Jahren eine Struktur entstanden, die sich nicht leicht ersetzen lässt.
Die Technologiestiftung gratuliert dem GenaU-Netzwerk zum 20-jährigen Bestehen, dankt allen beteiligten Einrichtungen und engagierten Akteur:innen für die kontinuierliche Arbeit und wünscht dem Netzwerk für die kommenden Jahre weiterhin verlässliche Rahmenbedingungen und Raum für neue Kooperationen.