Zwischen Fakt & Fake: Corona, Mythen, Desinformation im Netz

Was sind die Ursachen und Motivation für Falschinformationen im Netz? Und welche Strategien gibt es gegen Verschwörungsmythen? Ein Blogbeitrag von Thomas Prinzler zum 112. Treffpunkt WissensWerte, eine Kooperation mit Inforadio (rbb).

 

Seit einem Jahr leben wir weltweit mit Corona, bestimmt die Pandemie unser Leben. Und genau so lange leben wir auch mit einer Infodemie. So bezeichnete die Weltgesundheitsorganisation WHO bereits im Februar 2020 die Informationsflut zu Corona, die ganz wesentlich durch Falschinformationen, Lügen und Mythen geprägt ist.

Und sicher haben Sie schon von den Reptiloiden gehört, den außerirdischen Echsenmenschen, die die Weltherrschaft übernehmen wollen. Angela Merkel soll so ein Reptiloid sein, auch Queen Elisabeth. Und Microsoft-Gründer Bill Gates will uns kontrollieren, indem er uns mit der Anti-Coronaimpfung einen Chip implantieren lässt. Mythen und Lügen gibt es zuhauf im Netz, manche hören sich eher irre an, andere sind diffiziler.

„Es gibt Studien darüber, dass sich Desinformationen schneller, weiter tiefer verbreiten in den Sozialen Netzwerken“, sagt Ulrike Klinger, Professorin an der Europauniversität Viadrina. Oder um mit dem irischen Satiriker Jonathan Swift aus der Zeit der Aufklärung zu sprechen: „Die Lüge fliegt, die Wahrheit humpelt hinterher“. Denn die Algorithmen der Sozialen Netzwerke sind so gebaut, dass sie um Aufmerksamkeit heischen.,

„Das sind Anzeigeplattformen, das sind Werbeplattformen“, so die Kommunikationswissenschaftlerin Klinger, denn es geht ums Geld. Die Algorithmen seien genau dafür optimiert. „Sie bestimmen, was ich dort sehe und was ich nicht sehe. Und nur das kann ich liken und mit meinen Freunden teilen“. Und oftmals würden Inhalte geteilt, ohne sie gelesen zu haben.

Für den Psychologen Ralph Hertwig, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, ist klar, dass das, was da gelikt und weitergeleitet wird, den Nerv der User:innen trifft. Denn die menschliche Psyche achtet besonders auf Neues, Unbekanntes und das kommt im Netz oft als Falschinformation oder Coronamythos daher. „Die Lüge ist aufregender, macht vielleicht sogar Spaß, weil sie so ungewöhnlich ist.“ Und das macht es der Wahrheit, der Sachevidenz schwer sich durchzusetzen, so Hertwig. Das Zusammenspiel der Algorithmen mit den Attributen der Verschwörungstheorien „ergänzen sich nahezu perfekt, unglücklicherweise“.

Und wer ist besonders empfänglich für Fakes und Mythen? Hertwigs Antwort überrascht. Studien zeigten, dass es die Älteren, die über 65-Jährigen, seien, die mehr Fehl- und Falschinformationen teilten. Das sei bisher unverstanden. Warum? Darüber könne er nur spekulieren: Sind sie ungeübter im Umgang mit Social Media? Oder staunender: Schau mal, was hier alles steht?

Und woher stammen all die Lügen und Mythen über Corona im Netz? Wenn man es wüsste, meint Prof. Klinger wäre es einfach, dann könnten die Quellen offengelegt werden und Twitter oder Facebook könnten sie abschalten. Klinger forscht auch am Weizenbaum-Institut für vernetzte Gesellschaft in der Forschungsgruppe Nachrichten, Kampagnen und die Rationalität öffentlicher Diskurse, untersucht dort die Verbreitung von extremistischen Ansichten, Gerüchten und Lügen im Netz. „Sie kommen aus ganz unterschiedlichen Richtungen, von ganz unterschiedlichen Akteuren mit sehr unterschiedlichen Motivationen, es bündeln sich verschiedene Themen.“ Relativ klar sei, dass rechte Gruppen die Sozialen Medien stark nutzten – wie man nicht nur in den USA sehen könne. Aber es stehen auch handfeste Geschäftsmodelle auf YouTube dahinter, so Klinger. „Man kann mit Desinformationen, mit Sachen, die viele Klicks und Interaktionen auslösen, sehr viel Geld verdienen.“

Und welche Strategien gibt es dagegen? Wie kann man sich schützen?

Es komme sowohl darauf an, die Nutzer:innen kompetenter zu machen als auch um kluge Regulation des Netzes, meint Hertwig. „Es ist durchaus eine Frage, in welchem Maße die Regulatoren die Sozialen Medien auch dafür verantwortlich machen können und wollen, was an den Inhalten geboten wird.“ Internet und Soziale Medien können gestaltet werden in einer Demokratie, ergänzt Klinger. „Dieses Internet kommt ja nicht irgendwie von außen und fällt vom Himmel herunter in unsere Gesellschaften.“ Es gäbe eine ganze Menge Forschung darüber, wie man Leuten helfen kann, besser mit Falschinformationen umzugehen.

Nudging, die Leute zum Nachdenken, zum Überlegen anzustupsen, sei ein Beispiel, so Hertwig. Twitter habe das ausprobiert. Man fragt die Leute, bevor sie retweeten oder auf den Tweet Button drücken, „Willst du nicht noch einmal den Inhalt lesen? In einem gewissen Sinne baue ich eine Verlangsamung ein“.

Genau dazu gibt es auch eine aktuelle Studie, die im März im Fachmagazin Nature veröffentlicht wurde. Ein Autorenteam um den Verhaltensforscher Gordon Pennycook von der University of Regina, Kanada, hatte in einem Experiment drei Hypothesen überprüft, warum Nutzerinnen und Nutzer in sozialen Medien möglicherweise Falschinformationen teilen:
1. Sie sind sich nicht sicher, was richtig oder falsch ist.
2. Sie interessieren sich weniger für den Wahrheitsgehalt und mehr dafür, dass ihre Meinung bestätigt wird oder ihre Partei gut dasteht.
3. Sie achten, ohne es zu merken, einfach weniger darauf, ob das Geteilte überhaupt wahr ist, da sie eher auf andere Faktoren fokussieren.

Im Ergebnis stellten die Forscher:innen fest, dass die Proband:innen durchaus in der Lage waren, zwischen wahr und falsch zu unterscheiden, es aber nicht für wichtig hielten, nur wahre Nachrichten zu teilen. Eine Schlussfolgerung, die Prof. Pennycook daraus zog, war, Menschen sollten ermuntert werden, über den Wahrheitsgehalt weiterverbreiteter Nachrichten nachzudenken, bevor sie diese in Sozialen Medien teilen.

(Primärquelle: Pennycook G et al. (2021): Shifting attention to accuracy can reduce misinformation online. Nature. DOI: 10.1038/s41586-021-03344-2)

Als weiteres Beispiel nennt der Psychologe Hertwig das Boosting, das „ist die Idee, dass wir ganz gezielt auch Kompetenzen fördern können.“ Um vertrauenswürdige Websites erkennen zu können, sollten die Nutzer:innen sich nicht die Gestaltung der Website anschauen, um da herauszufinden, ob sie vertrauenswürdig oder nicht vertrauenswürdig ist, denn die könne gefälscht sein. Man müsse praktisch aus der Seite „heraustreten und gucken, was ist das für eine URL? Wo kommt die denn überhaupt her? Wer hat denn diese Webseite produziert?“ Das sei eine relativ einfache Intervention, die jeder und jede erlernen kann, ist sich Hertwig sicher. „Es ist eine grundlegende Kompetenz, die uns helfen würde, mit dieser sehr schwierigen und komplexen Informationsökologie umzugehen.“

Und ist nun die Demokratie durch das Internet bedroht, wie oft zu hören ist?

„Natürlich nein“, kontert Ralph Hertwig, „wenn ich das nicht glauben würde, dann müsste ich meinen Job aufgeben und meinen Hut an den Nagel hängen.“ Donald Trump nutzte Twitter, um Politik zu machen, China zensiert das Internet, russische Bots und Trolle mischen sich in westliche Politik ein. Coronaleugner:innen, Antisemit:innen, Impfgegner:innen und rechte Antidemokrat:innen treffen sich nicht nur auf Demonstrationen sondern hetzten auch im Netz. Doch all das für die Instabilität der repräsentativen Demokratie verantwortlich zu machen – dafür gäbe es kaum Daten, meint Hertwig. Dennoch würde über diesen Zusammenhang nicht nur in der Wissenschaft heiß diskutiert. „Es gibt sicher die eine oder andere Untersuchung, die zumindest darauf hindeutet, dass wir uns darüber sehr viel Gedanken machen sollten, dass wir vorsichtig sein sollten.“

Und auch Ulrike Klinger sieht diese Bedrohung durch das Internet nicht, obwohl „das ein sehr toxischer Ort sein kann… das ist kein Ponyhof der Harmonie.“

 

In den Sender zum Gespräch waren zugeschaltet:

Prof. Dr. Ralph Hertwig
Max-Planck-Institut für Bildungsforschung
Direktor Forschungsbereich Adaptive Rationalität

Prof. Dr. Ulrike Klinger
Europa Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Professorin für „Political Theory an Digital Democracy“ an der European New School of Digital Studies

Moderation
Thomas Prinzler
Wissenschaftsredakteur
Inforadio (rbb)

Der Treffpunkt WissensWerte ist eine gemeinsame Veranstaltung der Technologiestiftung Berlin und Inforadio (rbb). Alle vergangenen Sendungen können hier nachgelesen und als Podcast hier angehört werden.