Zweiundvierzig - Zwischen Künstlicher Intelligenz und natürlicher Dummheit

Beim 104. Treffpunkt WissensWerte diskutierten die Experten zu den neuen technologischen Entwicklungen im Bereich der Digitalisierung. Ein Blogbeitrag von Thomas Prinzler.

42 – so lautete die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest, die der Supercomputer Deep Thought in Douglas Adams Klassiker von 1979 Per Anhalter durch die Galaxis gab. Er brauchte dafür 7,5 Millionen Jahre. Wie intelligent ist aber die Künstliche Intelligenz im Jahr 2019? Was ist das überhaupt?

„KI ist eine Technologie“, sagt Tina Klüwer, CEO der Berliner parlamind GmbH, „es ist eine Sammlung von verschiedenen Technologien, die eingesetzt werden kann, um bestimmte Probleme zu lösen.“ So bietet parlamind KI-basierte Technologien für Unternehmen an, um die Kommunikation mit deren Kunden per Mail oder Telefon effizienter, d.h. auch ohne menschliche Mitarbeiter*innen, zu machen.
Die Software von parlamind liest eigenständig eingehende Emails von Kunden oder führt Gespräche am Telefon oder im Chat, kann dabei die Kundendienstmitarbeiter*innen unterstützen. „Der Teil, den wir als KI verstehen“, sagt Klüwer, „ist in der Softwarekomponente, die zuständig ist, menschliche Sprache zu verstehen.“ Das sei die größte Herausforderung. Denn Maschinen sind sehr schlecht darin, menschliche Sprache zu verstehen.

Dem stimmt Manfred Hild zu. Als Leiter des Forschungslabors Neurorobotik an der Beuth Hochschule für Technik Berlin, ist KI für ihn jedoch unbedingt auch an eine physische Existenz, wie sie z.B. Roboter darstellen, gebunden. „Körper sind sehr wichtig. Es geht nicht darum, uns zu ersetzen oder einen Menschen nachzubauen, sondern darum zu interagieren.“

Neben dem Sprachverständnis hält Manfred Hild die Körperbeherrschung für das Schwierigste in der Robotik, so wie es auch schon der bedeutende Informatiker Joseph Weizenbaum formulierte: „Es gibt (…) Dinge, die Menschen nur deshalb wissen, weil sie einen Körper haben. Kein Organismus, der keinen menschlichen Körper besitzt, kann diese Dinge in der gleichen Weise wissen wie der Mensch.“
Die Intelligenz seiner Myon genannten Roboter schätzt Hild nüchtern ein: Sie seien „nicht so intelligent, dass man sagen könne, sie seien intelligent.“ Doch gehe es ihm als Hochschulforscher um Grundlagenforschung, um Antworten auf die Fragen „Was ist intelligent? Wie ist intelligentes Verhalten entstanden? Was braucht es dazu?“

„In den meisten Fällen, wo wir von KI sprechen, ist sie wesentlich einfacher als wir uns das vorstellen“, ist sich John Dylan Haynes vom Berliner Bernstein Center für Neurowissenschaften an der Charité sicher. Zumeist könnten bereits einfache mathematische Algorithmen bestimmte „intelligent“ erscheinenden Aussagen machen. „Wenn uns etwas geheimnisvoll erscheint, dann nehmen wir gern große Worte wie Intelligenz, Willensfreiheit und Bewusstsein“, sagt Haynes. „Ich würde den Begriff reservieren für eine spezifische Art von Denkarbeit, die Innovationspotential und Adaptivität hat.“ Für den Hirnforscher Haynes liegt die größte Gefahr von Künstlicher Intelligenz darin, dass „wir die Folgen nicht absehen können und gleichzeitig andere Folgen komplett überschätzen.“

In Frank Schätzings furioser Zukunftsdystopie „Die Tyrannei des Schmetterlings“ beherrscht eine Superintelligenz die Welt. Immer wieder sind in Büchern und Filmen düstere, apokalyptische Zukunftsszenarien Thema. Der KI-Pionier Christoph von Malsburg prophezeit „Wir werden wie Kinder im Zoo leben(… ).Die künstliche Intelligenz wird als wohlwollender Diktator auftreten und uns wie Kinder behandeln.“
Dem widerspricht die Philosophin Sabine Ammon von der Technischen Universität Berlin. Sie forscht wie John-Dylan Haynes am Exzellenzcluster Science of Intelligence.

„Die Dominanz der künstlichen Systeme, die Dominanz der Roboter sind kulturelle Muster, die immer wieder vorkommen im Film, in Literatur“, sagt Ammon. Sie sieht jedoch die Entwicklung noch weit von solchen Szenarien entfernt. „Aber Dystopien helfen uns zu klären, wo wollen wir eigentlich hin? Und wenn wir da nicht hinwollen, müssen wir über Grenzen sprechen: Wo wollen wir welche setzen, gibt es rote Linien, die nicht überschritten werden sollen?“

Bestimmen also KI-Systeme zukünftig unseren Platz in der Gesellschaft – etwa so, wie es das chinesische Social Scoring versucht? Tina Klüwer, Mitglied in der Enquete-Kommission für KI des Deutschen Bundestages, sieht diese Gefahr nicht: „Ich sehe eine so intensive Debatte um das Thema, dass ich nicht sehe, dass wir als Europa in eine so Wir-nehmens-es-einfach-so-hin-wie-es-ist-Haltung verfallen werden“. Manfred Hild ist da deutlich skeptischer: „Das sind nicht die Systeme, sondern das sind die Länder oder die Machthaber, die diese Systeme einsetzen. Wir müssen über Ausbildung reden. Denn viele extrem junge Kinder haben technisches Spielzeug, da gewinnen Konzerne Einfluss.“
Und worin besteht nach Ansicht der Expert*innen das Alleinstellungsmerkmal des Menschen in der Zukunft? „Was haben wir der Maschine voraus?“, fragt John-Dylan Haynes. Seine Antwort: „Die soziale Dimension, Einfühlungsvermögen, Empathie, Bindung aufbauen, Teil der gleichen Lebenswelt sein, Verständnis…“

Tina Klüwer betont: „Was Maschinen gut können, fällt Menschen schwer. Was Menschen können, fällt Maschinen schwer. Dieser Grundsatz gilt auch in Zukunft.“ Und das Plädoyer des Roboterexperten Manfred Hild ist eindeutig: „Ich bin für das Team Mensch!“

Der Treffpunkt WissensWerte ist eine Reihe der Technologiestiftung Berlin und Inforadio (rbb). Die Aufzeichnung der 104. Sendung fand am 06.11.2019 im CityLAB der Technologiestiftung Berlin und im Rahmen der Berlin Science Week statt.

Auf dem Podium standen:

Der Treffpunkt WissensWerte wird gefördert durch die Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe und die Investitionsbank Berlin aus Mitteln des Landes Berlin.