Woher der Strom kommt

Über erneuerbare Energien und E-Mobilität diskutieren die Expert:innen im Haus des Rundfunks beim 113. Treffpunkt WissensWerte. Ein Blogbeitrag von Thomas Prinzler.

 

Strom kommt aus der Steckdose, ist eine so richtige wie unkonkrete Aussage. Denn entscheidend ist, wie der Strom erzeugt wird. Laut statistischem Bundesamt kam der Strom in Deutschland 2020 zu 45 Prozent aus Erneuerbaren Energien, 40 Prozent betrug der Anteil fossiler Brennstoffe und elf Prozent waren Atomstrom.

Die Energiewende für den Klimaschutz setzt auf Erneuerbare Energien. Dann sollen Wind und Sonne die Energieversorgung sichern. Aber werden die Erneuerbaren Energien nach Abschaltung der Atommeiler im Jahr 2022 und später die der Kohlewerke reichen? Kritiker:innen der Energiewende sehen dadurch und ohne Importe den Industriestandort Deutschland gefährdet. Und dazu kommt auch die Verkehrswende.

Die Bundesregierung setzt auf die Elektromobilität, Millionen E-Autos sollen auf deutschen Straßen rollen. Aber woher kommt dann der Strom? Reichen dafür die Leitungs- und Regelungskapazitäten? Die Frage nach einem möglichen Blackout verwundert Claudia Rathfux immer wieder, sie ist bei der Stromnetz Berlin GmbH für die Kunden und Marktbeziehungen verantwortlich. Die Bereitstellung des Stroms für E-Autos sieht sie nicht als Problem. „Eine Wallbox ist nichts weiter als ein Anschluss, den wir planen, den wir bereitstellen und der ganz normal über unsere Leitung fließt.“ Schwieriger sieht sie die Lage bei den Großverbraucher:innen wie Bahn und BVG. Wenn die Busflotte komplett bis 2030 elektrifiziert werden soll, dann setze das längere Planungsprozesse voraus. Kabel für öffentliche Ladeinfrastruktur in der Stadt seien schneller verlegt als große Mittelspannungsanschlüsse wie sie BVG-Betriebshöfe benötigen. Entscheidend sei die Frage nach der Mobilität der Zukunft in Berlin. „Welche Verkehrsträger gibt es in der Mobilität? Und zu welchen Anteilen will Berlin perspektivisch den motorisierten Individualverkehr elektrifizieren?“ Führt die Investition in den ÖPNV zu einer Verdrängung des Individualverkehrs? „Da gibt es noch keine eindeutige Antwort, die aber für das Stromnetz in der Planung relevant ist“, stellt Rathfux fest.

Keine Probleme für die Stromversorgung der E-Mobilität in Berlin sieht Kathrin Goldammer. „Berlin hat ja historisch ein außergewöhnlich gutes Stromnetz“, sagt die Geschäftsführerin des Reiner Lemoine Instituts, ein privates Energieforschungsinstitut in Berlin. Die Herausforderung sei die Schaffung der öffentlichen Ladeinfrastruktur. „Die Anzahl der Autos steigt, und wir investieren massiv in die Ladeinfrastruktur, so dass es attraktiv und möglich sein wird, auch mit dem Elektroauto zu fahren.“

Elektroautos seien für die Mobilität in Berlin sicher eine gute Idee, ergänzt Robert Schlögl, „für Kurz und Mittelstrecken, also in Ballungszentren in Städten. Es ist einfach effizienter, mit einem Elektromotor zu fahren als mit einem Verbrennungsmotor“. Doch der Direktor sowohl am Max-Planck-Institut für Chemische Energiekonversion in Mühlheim a.d. Ruhr als auch des Berliner Fritz-Haber-Instituts weist auf die Probleme im ländlichen Raum mit langen Distanzen und fehlenden Wallboxen hin. Man dürfe nicht immer 100 Prozent alles in eine Richtung machen: „Mobilität ist ein Gemisch und es wird auch hoffentlich immer ein Gemisch von verschiedenen Versionen da sein.“ Und er stellt durchaus die Frage, woher der ganze elektrische Strom kommen wird nach dem Ende von Atom- und Kohlestrom. Man müsse das ganze Energiesystem betrachten, betont Schlögl, das sei viel größer als das Stromsystem. „Wir werden einen erheblichen Teil des Stromsystems möglicherweise mit in Deutschland gewonnener Erneuerbarer Energie betreiben können.“ Aber der Stromverbrauch werde erheblich steigen sowohl mit der E-Mobilität als auch durch die Industrie. Zum Beispiel durch die Digitalisierung: Es gibt für das Berliner Stromnetz 27 Anfragen zum Anschluss von Datenzentren, sagt Rathfux. „Wenn man ein Datencenter anschließt, dann ist das so viel wie 200.000 Haushalte hier in Berlin. Das ist einmal Tempelhof-Schöneberg.“

Und die Bereitschaft und das Verständnis der Bevölkerung für immer neue Stromtrassen oder Windräder seien begrenzt. „Wenn die Leute nicht mitmachen, geht das nicht. Und nachdem wir ohnehin zusätzliche Energiequellen brauchen, muss man sehr wohl die Frage diskutieren, wie viel mutet man unserem eigenen Land zu und wie viel nehme ich mir von woanders? Denn alle Energie im eigenen Land erzeugen geht nicht.“ Dr. Goldammer verweist aber auf die europäische Kooperation und das gemeinsame Energienetz, sie sieht das positiv. „Was haben wir für ein Glück, dass wir uns in Mitteleuropa befinden und …überhaupt so viele nachbarschaftliche Kooperation haben was die Stromerzeugung angeht.“ Man könne durchaus beispielsweise mit Norwegen über weitere Wasser-Energiespeicher reden. Prof. Schlögl ist da skeptisch. Sicher sei eine internationale Kooperation sinnvoll, aber „wenn wir schon nicht mal im eigenen Land zusammenbringen, Strom von Norden nach Süden zu bringen, dann frage ich mich, warum soll es dann gehen, wenn wir das über die Grenzen Deutschlands hinaus machen?“

Stromnetz Berlin als lokaler Netzbetreiber verfolge die Situation sehr aufmerksam, sagt Claudia Rathfux, denn die Stadt sei auf Stromtransport des Übertragungsnetzbetreibers 50Hertz angewiesen. Heute schon stammen 60% aus Erneuerbaren Energien. Zwei Drittel des benötigten Stroms kommen aus dem Umland, ein Drittel können in Berlin erzeugt werden. „Bis 2032 könnten rein rechnerisch 100% des Stroms aus Erneuerbaren Energien stammen.“

Prof. Schlögl gibt aber zu Bedenken, dass rechnerisch allein nicht ausreiche. Es komme auf das ganze System an, das müsse ausgeglichen sein. „Es gibt nicht nur die Dunkelflaute, sondern es gibt natürlich auch zu viel Strom. Und wir lösen das heute schon nur dadurch, dass wir uns mit den umgebenden Ländern Strom austauschen.“ Zukünftig werden auch andere Länder ihre Energieerzeugung klimaneutral gestalten. Dann sind extrem gute Stromspeicher notwendig, die ganz spezifische Aufgaben erfüllen. Beispielsweise Batterie und Wasserspeicher für das Eigenheim und Wasserstoff als High-End-Großspeicher, den man für große Anwendungen und lange Speicherzeiten braucht. Denn dem Wasserstoff gehört die Zukunft, so Schlögl. „Wenn man Erneuerbare Energien speichern, transportieren oder verschiffen will und die Hochspannungsleitungen nicht reichen, also wenn man in große Dimensionen geht, dann muss man Moleküle verwenden. Und deswegen müssen alle Energiesysteme, egal ob heute, in der Vergangenheit oder in der Zukunft immer ein Zweiklang seien aus Strom und aus Molekülen.“

Und das werde ein viel komplexeres System werden, sind sich alle einig, so Claudia Rathfux. „Das bedeutet, dass alle relevanten Player gerade in so einer dichten Stadt wie Berlin viel besser zusammenarbeiten müssen als bisher.“ Und für Kathrin Goldammer heißt das, dass es bessere Planungs- und finanzielle Beteiligungen an Solar- und Windkraftanlagen geben müsse, um das NIMBY-Problem (Not-in-my-backyard) zu lösen. Sie stellt sich eine Software vor, wo man sich online seinen Wohnort anschauen kann. „Und man kann sich überlegen, hier sind Waldflächen, hier sind Siedlungen. Was wäre, wenn ich eine bestimmte Art der Stromversorgung mir vorstelle? Wo würden diese Windkraftanlagen stehen? Was würde das bedeuten für Naturschutz in meiner Region?“

Und man müsse sich für die Übergangszeit Gedanken machen und eine offene, gesellschaftliche Diskussion führen. Als Projektkoordinator „Energiesysteme der Zukunft“ der Nationalakademie Leopoldina, vermisst Robert Schlögl eine eindeutige Botschaft der politischen Klasse in Deutschland: „Erneuerbare Energien, egal in welcher Form, werden immer teurer als fossile Energien sein. Das kann man nicht wegdiskutieren.“

Er mache sich keine Sorgen um das Stromsystem der Zukunft, „das packen wir sicher.“ Für ihn stehen fehlende Flexibilität und der regulatorische Rahmen im Fokus. Die Kosten werden zukünftig zwei- bis dreimal so hoch sein wie heute. „Das ist wahrscheinlich die vernünftige Größenordnung und deswegen muss man über die Preismodelle nachdenken, weil die Preise nicht zwei- bis dreimal so hoch sein müssen.“

 

Auf dem Podium diskutierten:

Dr. Kathrin Goldammer
Reiner Lemoine Institut
Geschäftsführerin

Claudia Rathfux
Stromnetz Berlin
Prokuristin und Leiterin Kunden- und Marktbeziehungen

Prof. Robert Schlögl
Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft / Max-Planck-Institut für chemische Energiekonversion
Direktor

Der Treffpunkt WissensWerte ist eine gemeinsame Veranstaltung der Technologiestiftung Berlin und Inforadio (rbb). Alle vergangenen Sendungen können hier nachgelesen und als Podcast hier angehört werden.

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