Wissenstransfer in Berlin funktioniert, jetzt kommt es darauf an, ihn funktionsfähig zu erhalten

Die Innovationserhebung Berlin 2019 enthält Befragungsergebnisse zum Wissenstransfer.

Ein Sonderthema der letzten Innovationserhebung waren Fragen rund um den Wissenstransfer und den Schutz geistigen Eigentums. Bei einigen Punkten schneidet Berlin überdurchschnittlich ab, bei einigen durchschnittlich. Warum auch Letzteres uns freuen sollte, sei kurz erklärt.

Überdurchschnittlich aktiv sind Berliner Unternehmen bei Innovationskooperationen. Insbesondere solche mit Hochschulen oder Forschungseinrichtungen und in der eigenen Region werden stärker gepflegt als im Bundesdurchschnitt. Das ist natürlich erfreulich. An einem Standort mit einer recht wissensintensiven Wirtschaftsstruktur und relativ großer Entfernung zu anderen Metropolregionen, der außerdem noch einer der wichtigsten deutschen Wissenschaftsstandorte ist, wäre alles andere aber auch eine Ohrfeige.

Überdurchschnittlich ist auch die Nutzung von Open Source und offenen Plattformen. Darüber berichteten wir im Beitrag zum Erscheinen der Innovationserhebung.

Recht durchschnittlich ist der Transfer über Patente, der, abgesehen von einigen branchenspezifischen Ausnahmen wie der pharmazeutischen Industrie, insgesamt eine eher geringe Rolle spielt. Da das national wie international sehr branchenspezifisch ist, dürfte die geringfügig überdurchschnittliche Bedeutung vor allem die Berliner Industriestruktur widerspiegeln.

Interessanter ist die Frage nach Innovationshemmnissen. Die Klagen der Unternehmen sind weitgehend die gleichen wie bundesweit und drehen sich vorwiegend um Geld und Fachpersonal. Fehlender Zugang zu Information wird dagegen selten beklagt, in Berlin so wenig wie bundesweit, sogar moderat seltener. Das gilt für Marktinformation und erst recht für technologische Information.

Deuteten ältere Berliner Studien zu Hemmnissen bei der Kooperation mit Hochschulen noch an, dass Berliner Unternehmen beim Zugang zu Hochschulen Hürden sahen, so deuten der hohe Kooperationsgrad und der geringe Anteil von Unternehmen, die über fehlenden Informationszugang klagen, darauf hin, dass der Zugang zu akademischem Wissen aktuell kein besonders relevanter Engpass für die Innovation in Berlin ist. Wenn der Zugang zu Wissenschaft und Forschung jemals wirklich ein berlinspezifisches Hemmnis war, haben die transferunterstützenden Institutionen und Personen einen guten Job gemacht und selbst durchschnittliche Werte wären schon ein Grund zur Freude. Die Akademisierung der Wirtschaft dürfte wohl ebenfalls einen Anteil an daran haben. Gut so!

Bringt Corona das zum Erliegen?

Eine Prognose-Kristallkugel haben wir leider auch nicht. Das ZEW, das auch die Daten für die Innovationserhebung erhoben hat, hat dazu allerdings gerade einen Policy Brief veröffentlicht, der Hinweise gibt. Man weist darauf hin, dass Innovation in allen analysierten Krisen weitgehend prozyklisch verlief, und man deshalb auch mit einem Einbruch beim Innovationsgeschehen rechnet. Gleichzeitig habe sich aber rund ein Drittel der Unternehmen in der Finanzkrise 2008/2009 bewusst antizyklisch verhalten und die Innovationstätigkeit erhöht. Gerade die Innovatoren unter den Unternehmen haben am wenigsten Beschäftigung abgebaut. Als Besonderheit der aktuell zu erwartenden Rezession macht man das Social Distancing aus, da alle Art von Innovation, die Zugang zu Anlagen, Laboren usw. erfordert, vom Homeoffice aus kaum zu bewerkstelligen ist. Eine plausible Analyse, die zudem auf einem reichen Datenfundus basiert.

Was mag das für Innovation und Wissenstransfer in Berlin heißen?

Wenn 42 Prozent der Unternehmen Fachkräftemangel als Innovationshemmnis angeben, darf man hoffen oder notfalls daran erinnern, dass Unternehmen von alleine darauf kommen sollten, ihre besten Mitarbeiter*innen lieber mit Produktverbesserungen zu beschäftigen als sie ziehen zu lassen, so lange sie sich das leisten können. Hier kann öffentliche Innovationsförderung, die von nicht ganz einem Drittel der Unternehmen bereits genutzt wird, Beiträge leisten.

Eine besondere Herausforderung, gerade in Berlin, dürfte wohl die Rolle der Hochschulen und Forschungsinstitute darstellen. Die in Berlin gut genutzten digitalen Wege zu Kooperation und Transfer werden mit Social Distancing noch mehr gefordert sein. Strategien zur möglichst schnellen Wiederaufnahme des physischen Forschungsbetriebes in Entwicklungslaboren, Prüfständen und Technika sind natürlich zuerst für die Institutionen und die Forschenden selbst existenziell. Die Wiederaufnahme des Forschungsbetriebes ist aber auch ein Schlüsselfaktor, die erreichten Erfolge der Region bei Kooperationen zu halten. Sie dürfte damit auch für Berliner Unternehmen aus dem High-Tech-Sektor von großer Bedeutung sein und jeder Unterstützung bedürfen, die geleistet werden kann.