„Wir wollen den Menschen den öffentlichen Raum zurückgeben“

Im Coworking-Space des CityLAB arbeiten Verwaltung, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Startups zusammen, um neue Stadtstrukturen und -projekte zu entwickeln. Mit dabei: FixMyCity, das sich für menschengerechte Städte engagiert und diese Entwicklung im Dialog mit den Bürger*innen organisieren will. Über die Arbeit und den „Arbeitsplatz CityLAB“ sprachen wir mit Boris Hekele, einem der Geschäftsführer.

Seit das CityLAB Berlin im Juni 2019 geöffnet wurde, sitzt Ihr am Platz der Luftbrücke. Eure Firmengeschichte ist aber schon länger. Seit wann gibt es Euch und was macht genau macht Ihr?

Boris Hekele: Als der Senat 2018 die Forderungen des Volksentscheid Fahrrads aufnahm und in Form eines Gesetzes beschloss, die Infrastruktur für das Fahrrad auszubauen und Radfahrer*innen besser zu schützen, war klar: Nach dem Regelungsdefizit gibt es nun ein Umsetzungsdefizit für die Fahrradstadt. Darauf haben wir reagiert und uns gegründet. Wir haben Förderungen vom Bundesforschungs- und später vom Bundesverkehrsministerium erhalten und damit die ersten Projekte entwickelt. Heute werden wir unter anderem durch Mittel der Senatskanzlei gefördert.

Eins der ersten Projekte war unser Happy-Bike-Index. Dafür haben wir Verkehrsdaten analysiert und über einen Algorithmus gerechnet: Wie viele Autos sind unterwegs, wie schnell fahren sie und welchen Schutz bietet die jeweilige Radinfrastruktur gegenüber diesem Autoverkehr? Über die Jahre haben wir uns in diesem Rahmen ein ziemlich gutes Bild von den zum Teil vorbildlichen, zum Teil sehr lückenhaften Verkehrsdaten von Berlin machen können.

Bekannt geworden ist auch das Projekt, bei dem die Bürger*innen 2019 in Friedrichshain-Kreuzberg in die Planung von neuen Fahrradstellplätzen einbezogen wurden. Das haben wir für das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg durchgeführt. Mittlerweile arbeiten wir gemeinsamen mit den Bezirken auch zu Themen wie Spielstraßen und „Terrassen für Vieles“.

Allen Projekten gemeinsam ist: Wir wollen helfen, den Menschen den öffentlichen Raum zurückzugeben, in dem nicht das Auto das Geschehen dominiert – und wir möchten ein neues Miteinander von Verwaltung und Bürger*innen. Das kann man gut an der Planung für die Fahrradbügel sehen: Für die Frage, wo Fahrradbügel gebraucht werden, gibt es keine besseren Expert*innen als die Anwohner*innen, und die haben das Bedürfnis, ihre Umgebung mitzugestalten. Gleichzeitig kann der Bezirk deren Detailwissen nutzen, das er selbst in diesem Umfang nicht hat, und es mit den eigenen Planungen abgleichen. Bei den Fahrradbügeln hat das sehr gut funktioniert. Es hat sich gezeigt, dass Partizipation keine Bremse ist sondern Verwaltungsprozesse beschleunigen kann. Am Ende waren alle Seiten zufrieden. Andere Bezirke und andere Städte haben bereits Interesse gezeigt, für ihre Planungen ähnlich vorzugehen. Das freut mich.

Ich glaube, überall da, wo es um greifbare Themen im Kiez geht, sollte man über solche Beteiligungen nachdenken und sie auf den Weg bringen. Unser Wissen zu Digitalisierung und Partizipation wollen wir hier gerne einbringen.

Digitale Tools und Kommunikationsmöglichkeiten machen es möglich, besser zu planen und: viel mehr Menschen einzubeziehen. Dann setzen sich nicht mehr nur die Leute durch, die genug Zeit haben, ihre besonderen Interessen zu vertreten.

Tatsächlich hat man den Eindruck, dass sich beim Thema Verkehr in den letzten Jahren etwas ändert in den Köpfen der Menschen. Wie optimistisch bist Du?

Boris Hekele: Ich glaube, dass wir bereits 2025 flächendeckend den Durchgangsverkehr aus den Kiezen verbannt haben werden. Ich bin so optimistisch, weil es technisch nicht sehr anspruchsvoll ist, sogenannte „Kiezblöcke“ zu schaffen und beispielsweise mit Pollern Durchfahrten zu verhindern, und weil ich auch sehe, dass die Akzeptanz für weniger Autoverkehr steigt. Ich selbst arbeite ehrenamtlich einmal in der Woche in einer Spielstraße in der Wassertorstraße mit und bin positiv überrascht, wie kooperativ die Autofahrer*innen mittlerweile sind. Dass jemand sauer auf die Einschränkungen reagiert, kommt nur noch selten vor. Der Bewusstseinswandel ist ein laufender Prozess und Maßnahmen wie die Ausweitung der Restaurantflächen beim Projekt „Terrassen für Vieles“ in Corona-Zeiten unterstützen diesen Wandel zusätzlich. Die meisten Menschen haben verstanden, dass wir den Autoverkehr in den Innenstädten reduzieren müssen.

Fahrradentscheide sind mittlerweile auch in anderen Städten umgesetzt. Das ist eine richtige Bewegung. Wir arbeiten deshalb auch für andere Städte.


Welche Rolle spielt für Eure Arbeit, dass Ihr im CityLAB sitzt?

Boris Hekele: Für uns ist die Umgebung des CityLAB sehr hilfreich. Zum einen ist es selbst jetzt in Corona-Zeiten, wo der Publikumsverkehr eingeschränkt ist, beeindruckend, wen man hier alles zufällig trifft. Aus solchen Begegnungen ergeben sich oft informelle Gespräche, die uns weiterhelfen. Aber das ist nur der eine Aspekt.

Wichtig ist für uns auch die Adresse, weil sie nach außen dokumentiert, dass wir zu einem Netzwerk gehören, das erfolgreich bei der digitalen Transformation mitwirkt. Das schafft Vertrauen und öffnet Türen.

Perspektivisch würde ich im CityLAB gerne an einem Digitalen Zwilling für Berlin arbeiten; also einem digitalen Abbild der Stadt Berlin, das es der Verwaltung ermöglicht, die Infrastruktur intuitiv zu steuern.