„Wir müssen Machtfragen diskutieren, die immer auch Schutz- und Verteilungsfragen sind“

Bei der kulturBdigital-Konferenz im November 2019 machte Janina Benduski, kooptiertes Vorstandsmitglied des Landesverbands darstellender Künste e.V. und in der Leitung des Performing Arts Programms tätig, deutlich, dass sie das Thema Smart City nicht nur unter technologischen Gesichtspunkten diskutieren möchte. Im Interview erläutert sie, was sie an dem Thema interessiert.

Bei der kulturBdigital-Konferenz haben Sie deutlich gemacht, dass Ihnen eine technische Auseinandersetzung mit der Digitalisierung – Sie sprechen lieber von Digitalität – nicht genügt. Stattdessen solle man Digitalität als Kulturtechnik begreifen und entsprechend diskutieren. Was ändert sich durch einen solchen Perspektivenwechsel?

Janina Benduski: Ich beobachte, dass der Diskurs zu Digital-Themen wie Smart City entweder ausschließlich von technischen Fragen geprägt ist oder bestimmte Prämissen gesetzt werden, die den Blick verengen. Stichwort Mangel: Scheinbar laufen wir den Möglichkeiten immer hinterher, weil der Mangel an technischen Ressourcen die weitere Entwicklung verhindert. Solche Prämissen werden zu selten hinterfragt. Andere Gesichtspunkte fallen dann hinten runter, werden verspätet diskutiert und im schlimmsten Falle immer weiter mitgeschleppt, weil sie angeblich erst auf der zweiten Ebene interessieren, wenn die technischen Details geklärt sind: Datenschutz zum Beispiel, Presserecht oder auch das Urheberrecht.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass die gesellschaftliche Entwicklung der technischen hinterherhinkt. So ist es auch in unseren digitalen Zeiten. Ich glaube, wir werden noch bedeutenden Fortschritt erleben - zum Beispiel hat nach meiner Beobachtung die Digitalisierung der Medizin erst begonnen - aber technisch hat der eigentliche Umbruch bereits stattgefunden. Man könnte das mit dem Buchdruck vergleichen, der in einem sehr kurzen Zeitraum sehr viel veränderte. Der Bereich hat sich anschließend über Jahrhunderte weiterentwickelt. Aber der disruptive Moment währte nur kurz.

Die Digitalisierung ist also vollzogen, die disruptiven Potenziale entfalten sich. Jetzt müssen wir als Gesellschaft klären, wie wir mit den digitalen Möglichkeiten umgehen wollen. Ist es wirklich richtig, alle Ressourcen in die weitere technische Ausstattung zu stecken? Wäre es nicht sinnvoll, auch Subversives zu fördern? Halb im Spaß habe ich bei der Konferenz angeregt, kulturBdigital solle einen Workshop zu subversiven Digital-Techniken anbieten: Wie hacke ich Plattformen? Wie schütze ich Daten? Wie setze ich Urheberrecht im Netz um? Der Vorschlag hat einen ernsten Hintergrund. Wir müssen endlich über Teilhabe reden. Wir müssen Machtfragen diskutieren, die immer auch Schutz- und Verteilungsfragen sind: Wem gehören die Daten? Wer darf was mit ihnen machen? Gerade im Smart City-Kontext ist es unabdingbar, dass wir zunächst solche inhaltlichen Fragen verhandeln und erst in einem zweiten Schritt schauen, wie sich die Dinge technisch umsetzen lassen.

Was kann Kunst in diesem Zusammenhang leisten?

Janina Benduski: Kunst kann hier auf ganz unterschiedliche Weise Beiträge leisten. Kunst ist frei. Ressourcenfragen, technische Einschränkungen… Künstler*innen können solche Gesichtspunkte erst mal zurückstellen und sich auf die in meinen Augen wichtigen Fragen konzentrieren.

Kunst eröffnet aber auch in einem ganz anderen Sinn den Zugang zum Thema. Sie kann Virtuelles in Live-Performances erfahrbar machen, den Körper nutzen, um digitale Themen zu reflektieren. Faszinierend fand ich beispielsweise ein Projekt, das das Publikum Algorithmen verkörpern und entsprechend interagieren ließ. So wurde sichtbar, welche Bezugsgrößen und Kriterien hinter den digitalen Tools stecken, mit denen wir unser Leben organisieren. Algorithmen ohne Technik im wahrsten Sinne des Wortes erlebbar machen – das ist doch toll.

Weitere Beispiele möchte ich als Leiterin des Performing Arts Programms, also eines übergreifenden Netzwerkes, jetzt nicht rausgreifen. Das wäre nicht fair. Berlin hat hier sehr viel zu bieten. Alle sind eingeladen, das Angebot zu nutzen. Denn Kunst kann wie kein anderes Medium etwas verständlich machen und gleichzeitig zeigen, dass es auch ganz anders gehen könnte. Wer das Thema vertiefen möchte kann das im Netz tun (Seite 74ff).

Und wie nutzt der Kulturbetrieb selbst die digitalen Möglichkeiten?

Janina Benduski: Das kann man nicht pauschal sagen. Die größeren Theater, Bibliotheken und Museen sind inzwischen schon ganz gut ausgestattet und setzen die Technologien auch immer mehr ein, auf der Bühne und im Netz. Die Freie Szene ist trotz Mittelknappheit ebenfalls sehr weit vorne, adaptiert schnell und ist auch in digitalen Zeiten innovativ. Ich glaube, am schwersten haben es die mittelgroßen Einrichtungen, welche weder über das notwendige Wissen noch über die Infrastruktur verfügen.

Aber auch hier gilt: Nicht den Mangel thematisieren, sondern überlegen, wie man Ermächtigung organisieren kann! Ich finde Fortbildungsprogramme wichtig und Labore, in denen sich Kunst, Wissenschaft und Technik begegnen und gegenseitig inspirieren können. Gemeinsam mit der re:publica und dem Studiengang Spiel && Objekt der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch bieten wir bspw. regelmäßig die Performersion an, ein Format für Begegnung und Wissenstransfer, das eine sehr gute Resonanz hat. Ich finde auch die Angebote von kulturBdigital sehr gut. Wir brauchen Begegnungsräume und Labore, in denen wir frei von Vorurteilen und Prämissen über Digitalität nachdenken können.

 

Eine Aufzeichnung der Diskussion bei der 2. kulturBdigital-Konferenz mit Janina Benduski, Programmdirektorin Performing Arts Programm des LAFT Berlin, Judith Galka, Referentin des Vorstands der Zentral- und Landesbibliothek Berlin, Senator Dr. Klaus Lederer, Senatsverwaltung für Kultur und Europa und Nicolas Zimmer, Vorstandsvorsitzender Technologiestiftung Berlin, steht  online zur Verfügung.