„Wir gehen auch ungewöhnliche Wege“

Bücher, Zeitungen, Zeitschriften: Kaum ein Bereich hat sich durch die Digitalisierung bereits so stark verändert wie die Medienlandschaft. Wie wirkt sich das auf die Bibliothek aus, in der traditionell das gedruckte Wissen der Welt gesammelt wurde. Ein Interview mit Judith Galka, der Referentin des Vorstands der Zentral- und Landesbibliothek Berlin.

Die Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) wurde 2019 als Bibliothek des Jahres ausgezeichnet. Die Jury begründete das unter anderem mit „neu entwickelten partizipativen Angeboten und digitalen Services“, die in Ihrem Hause „auf beispielhaft strategische Weise“ entwickelt wurden. Was für Angebote sind das?

Judith Galka: Ich glaube, was die Jury überzeugt hat, waren nicht nur einzelne digitale Angebote – obwohl einige wie unsere Filmstreamingangebote Filmfriends und AVA (Audio Visuelle Archive) und die Digitalisierung von zeitgeschichtlichen Dokumenten in der Begründung herausgehoben wurden. Es ist vor allem unser Gesamtkonzept, analoge und digitale Bedürfnisse zugleich zu berücksichtigen oder auch miteinander zu verbinden, das überzeugte.

Öffentliche Bibliotheken sind längst mehr als ein Ort, an dem Bücher gesammelt, aufbewahrt und zugänglich gemacht werden. Der Kern unserer Arbeit ist es, Wissen zu teilen. Das heißt, als öffentliche  Bibliotheken möchten wir auch die Kompetenz vermitteln, sich Wissen anzueignen und mit anderen Menschen darüber ins Gespräch zu kommen. Wir wollen eine Plattform sein, wo Menschen ihre Erfahrungen selbst teilen und anderen vermitteln, vielleicht sogar daraus Projekte entwickeln können und voranbringen. Wir verstehen uns als kreativer, ja produktiver Ort, an dem sich unsere Besucher*innen im besten Falle gegenseitig etwas beibringen. Eben die Basis, die Plattform, auf der Wissen und Erfahrungen getauscht werden.

Die ZLB hat in den vergangenen Jahren intensiv über neue Aufgaben und Funktionen Öffentlicher Bibliotheken nachgedacht. Es gab mehrere gute Anstöße, ein zeitgemäßes und zukunftsfähiges Konzept zu entwickeln und immer weiter daran zu arbeiten. Wir haben dafür viele – auch internationale – Anregungen aufgenommen. Während meines Referendariats war ich beispielsweise für einige Zeit in Helsinki und habe dort erlebt, wie partizipativ und kreativ Bibliotheksangebote sein können. Und wie nah an den Interessen der unterschiedlichen Menschen.

Auch das Dokk 1 in Aarhus war und ist eine tolle Inspiration. Mit den Dänen haben wir dann sogar eine internationale Werkstattkonferenz, die Next Library Conference, veranstaltet und sind darüber mit sehr vielen kreativen Köpfen aus aller Welt in Kontakt gekommen. Das hat vielen Kolleg*innen, die sich super engagiert haben, auch neue Impulse für ihre Arbeit  hier gegeben.

Die ZLB ist heute ein Ort, der an dem viele kreative Programmangebote oder auch Projekte mit unterschiedlichen Communities stattfinden. Wir stellen auch für andere Platz zur Verfügung. Beispielsweise ist die Arabische Bibliothek Baynetna bei uns untergekommen.


Immer mehr Wissen ist im Netz leicht zugänglich. Macht Ihnen die Digitalisierung die Arbeit nicht leichter?

Judith Galka: Leider trifft die Vorstellung, dass Online-Angebote den Zugang zu Wissen erleichtern, nicht allgemein zu. Bis zu 25% der Deutschen haben keinen oder nur eingeschränkten Zugang zu digitalem Wissen – dazu gehören funktionelle Analphabeten genauso wie Menschen, die die Digitalisierung grundsätzlich ablehnen. Dazu kommen Menschen, die niemanden haben, der ihnen die Technik erklärt und die notwendigen Kompetenzen vermittelt. Auch wer online ist, ist nicht automatisch digital kompetent. Zum Thema Fake News können laut des Digitalindexes nur etwas mehr als die Hälfte der Befragten erklären, was das ist. Und etwa die gleiche Anzahl glaubt auch, diese im Netz erkennen zu können.

Aus solchen Zahlen wird klar, wie wichtig es ist, digitale Kompetenzen zu vermitteln. Dafür gehen wir in der ZLB auch ungewöhnliche Wege. Zum Beispiel bieten wir –  in Nicht-Corona Zeiten – ein „Digital Café“, in dem digital versierte Schüler*innen ihren Mitmenschen digitale Technik und das Arbeiten im Netz erklären. Das läuft bei uns unter dem fröhlichen Titel „Ich habe das Internet gelöscht!?“. Recherche-Workshops zum Erkennen von Fake News oder sogenannte „Maker“-Veranstaltungen, bei denen man zum Beispiel Musik mit Apps machen kann oder in denen aus alten Computern neue gebaut werden, laufen bei uns gut und bieten unterschiedliche Herangehensweisen, digitale Kompetenzen zu vermitteln. Unsere Nutzer*innen haben sehr unterschiedliche Bedürfnisse und wir entwickeln entsprechend vielfältige Angebote.

 
Für einen Ort, der so stark auf Begegnung und Kommunikation setzt, müssen die letzten Wochen schwierig gewesen sein. Wie sind Sie durch die Coronakrise gekommen?

Judith Galka: Für unser Online-Angebot wirkte Corona eher als Verstärker: Die Bibliotheken in Berlin haben im Online-Bereich im ersten Halbjahr eine Steigerung von über 50% zu verzeichnen – durchschnittlich. Bei einzelnen Angeboten wie Filmstreaming beispielsweise sind die Steigerungen noch weit höher. Das Portal Filmfriends wurde um 163% mehr genutzt als im Vergleichsmonat des Vorjahres. Das sind sehr erfreuliche Zahlen.

Trotzdem sind wir froh, dass wir seit dem 11. Mai und dann mit den üblichen Öffnungszeiten seit dem 13. Juli unsere Türen wieder öffnen können. Man kann die ZLB wieder persönlich aufsuchen, auch Arbeitsplätze buchen. Das ist uns sehr wichtig und wird auch rege genutzt. Es waren einige sehr eng mit uns verbundene Nutzer*innen und Nutzer, die digital nicht so affin sind, über viele Wochen ausgeschlossen. Manche sprechen uns auch an und sagen, wie gut es für sie ist, dass wir wieder geöffnet haben. Das beglückt mich sehr.