„Wir entwickeln modellhaft digitale Projekte“

Seit 2014 hat das Georg Kolbe Museum Schritt für Schritt seine Sammlung digitalisiert, um anschließend festzustellen, dass die Arbeit damit nicht beendet ist. Im Gegenteil: Nach der Digitalisierung bieten sich ganz neue Projekte und Möglichkeiten. Ein Interview mit Museumsdirektorin Dr. Julia Wallner und Anna Sinofzik, die für die Pressearbeit und Kommunikation des Museums verantwortlich ist.

Bei der Technologiestiftung thematisieren wir gerne, dass die Digitalisierung neue Räume erschließt. In Ihrem Fall stimmt das sogar wörtlich. Sie haben den Museumsbereich quasi nach außen erweitert, die eigene Onlinesammlung mit stadtgeschichtlichen Informationen verknüpft und laden mit Audiowalks in die Umgebung des Museums im Berliner Westend ein. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Dr. Julia Wallner: Der Bildhauer Georg Kolbe schuf Skulpturen für den öffentlichen Raum. Es hat ihn sehr interessiert, wie seine Werke auf die Umgebung wirkten. Für uns, die wir mit seinem Werk umgehen, war die Zwiesprache von Kunst und Raum deshalb immer ein wichtiges Thema, genauso wie die Umgebung unseres Museums, mit der sich Kolbe ebenfalls immer wieder auseinandergesetzt hat. Es war ja der Ort, an dem er lebte und arbeitete. Diese künstlerische Auseinandersetzung können wir endlich erlebbar machen, nicht nur mit Worten beschreiben.

Anna Sinofzik:  Im Netz bieten wir zwei Formate, die beide Teil der Onlineplattform „Kolbe außer Haus“ sind: Zum einen das browserbasierte „Kolbe on the Map“, das eine Auswahl an Skulpturen des Bildhauers im Berliner Stadtraum vorstellt, im Kontext kleiner Zeitreisen, die man über eine digitale Karte erreichen kann. Zum anderen haben wir – gemeinsam mit unseren Projektpartnern POLIGONAL Büro für Stadtvermittlung – „Kolbes Kiez“ entwickelt, einen Audiowalk durch die Umgebung, mit vielen Informationen zur Stadt- und Architekturgeschichte, zu so unterschiedlichen Gebäuden wie dem Corbusierhaus, dem ICC, oder dem Haus Poelzig, das gerade vom Abriss bedroht ist.

Inwieweit stehen diese Angebote im Bezug zum digitalisierten Archiv?

Dr. Julia Wallner: Insbesondere „Kolbe on the Map“ wurden aus dem Archiv heraus entwickelt, in dem bereits Inhalte vorhanden und durch die Digitalisierung auch viel besser als früher greifbar sind. Wir haben vorhandenes Wissen erweitert, neu verknüpft und vernetzt. Das geht mit digitalen Quellen sehr schnell. Es ist viel einfacher als früher, in Dateien kleine Details zu finden und beispielsweise über Links große Bezüge herzustellen. Gerade weil wir ein eher kleines Haus sind, gleichzeitig aber dank einer sehr sorgfältigen, seit vielen Jahren ununterbrochenen Archivarbeit eine ausgezeichnete Quellenlage haben, können wir fast modellhaft zeigen, wie man mit digitalen Vernetzungen und Verknüpfungen Wissen kompakt und übersichtlich präsentieren kann.

Anna Sinofzik: Gelohnt hat sich die Arbeit auf jeden Fall: „Kolbe außer Haus“ wurde gerade erst lanciert – wird aber bereits sehr gut angenommen. Die Menschen finden über die Rundgänge einen guten Zugang zu unseren Themen. Endlich lassen sich auch viele Quellen, die bisher für ein breites Publikum nicht so zugänglich waren, wie beispielsweise die Briefwechsel zu einzelnen Skulpturen und ihrer Aufstellung im Stadtraum, auf sinnvolle Weise in unsere Vermittlungsarbeit integrieren. So erreichen wir auch ganz neue Zielgruppen, die sonst mit Museen nicht so viel zu tun haben und – auch das war eine große Bereicherung für uns: “Kolbe on the Map“ legt ja quasi Fährten zu unserer Onlinesammlung „Kolbe Online“. Und durch die Aufbereitung unserer Inhalte für „Kolbes Kiez“ kommen wir unserer eigenen Nachbarschaft näher – und mit ihr ins Gespräch.

Und wie geht es jetzt nach dem Launch weiter?

Anna Sinofzik: Das Projekt hat auf jeden Fall Impulse gesetzt. Es gibt erste Ideen und Gespräche für neue Projekte, die sich aus all den neuen Kontakten entwickeln – ob digital oder nicht. Außerdem wollen wir „Kolbe außer Haus“ inhaltlich ausbauen und eine englische Version zur Verfügung stellen. Überhaupt haben wir noch mal gemerkt, wie wichtig Angebote sind, die auch ausstellungsübergreifend funktionieren.

Dr. Julia Wallner: Solche Überlegungen werden wir weiterführen. Dabei wollen wir nicht nur unsere Besucher:innen nach draußen führen und deren Blick weiten. Wir fragen uns auch, wie wir umgekehrt die Leute von draußen ins Museum bringen. Wie und wo in der Nachbarschaft können wir Spuren legen, die zu uns führen? Wir wollen also den erweiterten Raum bespielen und hierfür neue Formate entwickeln.

Für innovative Projekte kommt uns unsere überschaubare Größe zugute. Wo im Museumsbetrieb ist es ansonsten so unkompliziert möglich, dass Leitung, Kommunikation und Vermittlung so eng zusammenarbeiten und schnell etwas entwickeln? Wir können hier modellhafte Projekte realisieren, die skalierbar sind, spontan auf Impulse reagieren und damit die großen Vorteile, die digitale Projekte bieten, auch voll nutzen.

 

Anna Sinofzik stellte „Kolbe außer Haus“ im August bei einem Workshop unseres Projekts kulturBdigital vor. Dort zeigten auch andere Kultureinrichtungen, wie sie das Audiowalk-Format ausgestaltet haben.

Bericht über die Veranstaltung