„Vorwissen steht einem leider oft auch im Weg“

Virtueller Museumsbesuch, Onleihe in Bibliotheken oder digitale Konzerthalle: Auch der Kulturbereich wird digital. Mit unserem Projekt kulturBdigital, das von der Senatsverwaltung für Kultur und Europa gefördert wird, soll Transparenz und Bewusstsein für Einsatzmöglichkeiten digitaler Technologien in der täglichen Arbeit von Kulturschaffenden erreicht werden. Die Erkenntnisse fließen in die Förderrichtlinie des Innovationsfonds ein, der ab 2020 Digitalisierungsprojekte des Berliner Kulturbetriebes fördern wird. Mit zum Team gehört auch der Dipl. Industrie-Designer Edmundo Galindo, der zurzeit ein Zweitstudium zum Interface-Designer absolviert. Mit ihm sprachen wir über seinen Hintergrund und die Arbeit am Projekt.

 

Auf deiner Visitenkarte ist neben deinem Namen und deiner Funktion „Design Thinking“ vermerkt. Warum war dir dieser Hinweis an dieser Stelle wichtig?

Edmundo: Der Begriff sagt jedem, der die Visitenkarte in die Hand bekommt, wie ich arbeite. Design Thinking ist eine experimentierfreudige Methode, gut sortiertes Denken ordentlich durcheinander zu wirbeln, sich neue Ansätze zu erarbeiten und andere Antworten auf vermeintlich bestens bekannte Fragestellungen zu erreichen.

Damit ein kreativer Prozess in Schwung kommt, ist es wichtig, das vermeintliche Wissen hinter sich zu lassen und neue Ideen zu entwickeln – die dann an einem bestimmten Punkt wieder hinterfragt und entweder fallengelassen oder weiter verfeinert werden müssen. Wer sich da nicht verirren will, hat mit dem Design Thinking eine Methode an der Hand, sich im Prozess sehr lange eine große Offenheit zu bewahren. Diese Offenheit ist schwer, macht manchen auch Angst. Schließlich ist das Vorwissen für die meisten das Kapital, das sie mitbringen, wenn sie sich mit einer neuen Fragestellung beschäftigen wollen. Es steht aber leider oft auch sehr im Weg.

Ich habe mich schon während meines ersten Studiums zum Industrie-Designer an der UdK vor allem mit experimentellem Gestalten beschäftigt und da den Perspektivwechsel geübt: Man redet mit der Technik, die das Produkt entwickelt hat und auf technische Finessen stolz ist, und sieht das alles möglichst schon mit dem Blick dessen, der es nutzen soll – Stichwort Usability. Und dann muss man die verschiedenen Zielgruppen mitdenken. Die potenziellen Nutzer*innen sind in der Regel nämlich keine homogene Gruppe. Sie bringen sehr unterschiedliche Erwartungen und Geschmäcker mit.

Design Thinking hat mir immer geholfen. Und es bringt uns auch bei kulturBdigital weiter. Der Kulturbereich ist divers und hat doch gemeinsame Themen: Wie werden wir gut gefunden? Wie kann ich unseren Veranstaltungskalender effizient verwalten? Oder: Wie bereite ich die Daten auf, die ich an die Zeitungen und Internetplattformen weitergebe?

Wie stark die Gemeinsamkeiten sind, hat die Kulturschaffenden in den spartenübergreifende Workshops selbst überrascht. Am Rande unserer Workshops sind Arbeitsgruppen entstanden, die unabhängig von uns zu den unterschiedlichsten Themen arbeiten. Das freut mich. Bei kulturBdigital verfolgen wir die digitalen Themen weiter, also Themen wie Auffindbarkeit und Datenmanagement. Auch die komplexen Themen Ticketing und Öffnung von Archiven werden von uns weiterverfolgt.

 

 

 

Auf der re:publica bietet ihr heute Nachmittag eine Veranstaltung „Culture meets Coder" an, mit der ihr die Vernetzung vorantreiben wollt. Was habt ihr sonst noch im Angebot für Leute, die sich interessieren?

Ja, wir haben die Kultureinrichtungen gebeten, Herausforderungen vorzustellen, für die sie sich digitale Lösungen vorstellen können, die auch für andere interessant sein könnten, und diese auf der re:publica vor einem Fachpublikum zu pitchen. Es gab viele Vorschläge, fünf haben wir ausgesucht und ich bin jetzt gespannt auf die Veranstaltung. Dahinter steht  vor allem das Ziel, eine Vernetzung zwischen den Kulturschaffenden und den Coder*innen zu befördern.

Die re:publica ist ein einmaliger Rahmen, den wir gerne nutzen. Wir haben darüber hinaus in diesem Jahr aber noch viele weitere Aktivitäten auf dem Plan. Egal, welche Themen wir anbieten, ob es beispielsweise um Bewegtbilder oder Barrierefreiheit geht: Wir sind fast immer ganz schnell überbucht.

Und daneben möchten wir die identifizierten Themen, von denen ich jetzt eben sprach, mit Design Thinking weiterentwickeln. Am Ende wollen wir Open-Source-Lösungen anbieten, die dem gesamten Kulturbereich zur Verfügung stehen werden. Hier kann ich dann auch meine Kenntnisse aus meinem Zweitstudium Interface-Design noch stärker einbringen, das ich gerade an der Fachhochschule in Potsdam abschließe.

 

Wie groß ist denn die Akzeptanz für die Digitalisierung im Kulturbereich?

Die Akzeptanz ist erstaunlich groß. Die Bibliotheken beispielsweise sind mit der Digitalisierung sehr weit und auch da, wo kleine Einrichtungen kaum personelle Kapazitäten haben, um was Neues anzugehen, stehen die Leute der Digitalisierung sehr offen gegenüber.

Es ist ja auch eine Riesenchance. Egal, ob groß oder klein: Wer sich im Internet gut präsentiert, kann Berlin-Besucher*innen so viel besser erreichen als früher, als alles davon abhing, welche Einrichtungen im Reiseführer standen.

Museen können viel mehr Informationen rund um ein Bild anbieten, vielleicht sogar Bilder online präsentieren, die sonst in den Lagern verstaubten. Man kann den Leuten ein Online-Ticket anbieten und das Schlange-Stehen ausräumen – und da sind ja nur ein paar Beispiele.

In den 90er Jahren habe ich mich mit der Konzeption und Gestaltung von interaktiven Installationen und der Digitalisierung von Haushaltsgeräten beschäftigt, heute würde man sagen: im Smart Home-Bereich gearbeitet. Wenn man sich ansieht, was sich hier alles entwickelt hat... Auch der Kulturbereich wird sich dynamisch entwickeln. Er wird barrierefrei und auch demokratischer werden. Er wird viel differenzierter auf die Bedürfnisse der unterschiedlichen Zielgruppen eingehen können. Ich bin davon total begeistert und habe mir vorgenommen, meine Bachelor-Arbeit zum Thema „Kultur im 21. Jahrhundert“ zu schreiben – ein Riesenthema!