Virtuelle Zwillinge, Monetarisierung von Onlineangeboten und Streaming-Fatigue

Seit Februar arbeitet Silvia Faulstich im Projekt kulturBdigital. Kaum hatte sie ihre erste Veranstaltung, einen Erfahrungsaustausch mit Kulturschaffenden zum Thema Culture meets Coder erfolgreich durchgeführt, änderten sich mit dem Lockdown Aufgaben und Themen. Im Interview schaut sie zurück und nach vorn auf das Jahr 2021.

Am 02.11.2020 habt ihr eine große Jahreskonferenz zum Thema digitale Entwicklung des Berliner Kulturbetriebs angeboten. Welche Themen beschäftigen die Szene aktuell?

Silvia Faulstich: Seit Mitte März der erste Lockdown kam, ist die Kulturszene im Dauerstress. Viele Projekte mussten gestoppt oder im Rahmen der neu geschaffenen Hygienekonzepte adaptiert werden, vor allem da, wo es um das singuläre Kulturerlebnis live vor Ort ging. Die Einnahmenausfälle sind beträchtlich.

Es galt, möglichst schnell und flexibel zu reagieren und sichtbar zu bleiben. Zunächst gab es deshalb einen gewissen Streaming-Hype: Konzerte wurden abgefilmt, Ausstellungsführungen per Smartphonekamera organisiert, oder auch Lesungen über Social Media-Kanäle veranstaltet. Die Grenzen dieses Ansatzes sind in der Szene aber sehr schnell angekommen. Es reicht nicht, rein analog gedachten Formaten einen digitalen Anstrich zu geben. Inzwischen hat sich zudem beim Publikum wie auch bei vielen Kulturschaffenden eine Streaming-Fatique eingestellt.

Deshalb gibt es mittlerweile immer mehr Experimente mit Formaten, die digitale Tools als eigenständige künstlerische Gestaltungsmittel begreifen: interaktive Theaterstücke beispielsweise, die für die Umsetzung über einen Messenger-Dienst konzipiert sind und Kommunikationsgewohnheiten des Publikums für die Entwicklung des Narrativ nutzen. Ebenfalls zu beobachten ist ein starkes Interesse an digitalen Komplementärstrukturen zum analogen Ort: Das Deutsche Theater etwa hat für ein Festival einen visuell verfremdeten, virtuellen Zwilling des eigenen Hauses entwickelt. Das Gefühl, durch ein Festivalgelände zu „schlendern“, blieb so erhalten und man konnte die für’s Netz adaptierten Aufführungen in Ecken des Theaters erleben, die auch unter Normalbedingungen nicht zugänglich wären. Diese Art, eher über Verhaltensweisen nachzudenken und dafür dann passende digitale Mittel zu kombinieren und adaptieren, finde ich sehr spannend.

Was mir in diesem Zusammenhang aber wichtig ist: 2020 musste der Kulturbetrieb für digitale Angebote nicht flächendeckend bei 0 anfangen. Viele Museen digitalisieren ihre Sammlungen seit Jahren. Auch Bibliotheken bieten inzwischen ein umfangreiches Angebot an digitalen Medien – von hochauflösend gescannten historischen Karten, über eBooks bis hin zum Musikvideo.

Und auch im Theater- und Opernbetrieb gab es schon vieles, was im Corona-Jahr aufgegriffen und weiterentwickelt werden konnte. Neu ist, dass nun digitale Wege für das Kerngeschäft erkundet werden. Waren etwa digitale Museumssammlungen lange primär ein wissenschaftliches Recherchemedium mit etwas sperrigen Interfaces, geht es nun um eine Ansprache vielfältiger Publikumsgruppen und die kreative Nachnutzung digitaler Daten. Man muss sehen, wie beständig die vielen neu aus dem Boden gestemmten digitalen Angebote sein werden, wenn Corona nicht mehr das Geschehen diktiert. Schließlich sind die personellen Kapazitäten nicht gestiegen, sondern lediglich aus dem Normalbetrieb abgezogen. Und der Hunger des Publikums nach qualitativ hochwertigen Produktionen steht leider diametral zur schlechten Ausstattungssituation in weiten Teilen des Kulturbetriebs. Auch Themen wie die nachhaltige Finanzierung von Online-Kulturangeboten, mangelnde Auffindbarkeit oder Datensicherheit werden heiß diskutiert.
 

… das hört sich nach Arbeit für kulturBdigital an.

Silvia Faulstich: Ja, bereits mit dem Lockdown haben wir sehr schnell auf Bedarfe aus dem Kulturbereich reagiert und etwa Online-Seminare zu rechtlichen Aspekten beim Streaming oder Networking-Möglichkeiten rund um Monetarisierungsstrategien angeboten. Es gibt zwar schon viele Informationen zu den genannten Themen. Sie sind aber nicht auf den Kulturbetrieb zugeschnitten. Diese Lücke wollen wir schließen und den notwendigen Transfer leisten.

 

2021 führen wir unser Veranstaltungsprogramm, das ja sehr nachgefragt wird, natürlich weiter und werden vermehrt zu Fragen der Auffindbarkeit und des Datenmanagements informieren.

In diesem Sinne war unsere Jahreskonferenz Anfang November Rückschau und Ausblick: Neben einer Rückschau auf Experimente des digitalen Kulturbetriebs der letzten Monate ging es auch um Fragen der Infrastruktur, Nachhaltigkeit, um Datensicherheit und Methoden des institutionellen Lernens.

Wie aufreibend die aktuelle Situation ist, haben wir dabei auch selbst erlebt: Der zweite Lockdown hat auch uns ziemlich kurzfristig getroffen. Eigentlich sollte der Kern der Veranstaltung vor Ort in der ufa-Fabrik mit einem Teil-Publikum und Livestream stattfinden. Knapp eine Woche vor der Konferenz mussten wir dann schnell umplanen und schauen, wie wir gerade jene Interaktionsformate digital übersetzen können, die ursprünglich analog für ein Live-Publikum geplant waren.

Viele unserer Konferenz-Teilnehmer*innen sind online über viele Stunden dabeigeblieben und haben sehr positives Feedback gegeben. Das sehe ich als schöne Bestätigung, dass es die Mühe wert war und wir bzw. unsere Referent*innen relevante Inhalte für unsere spartenübergreifende Zielgruppe angeboten haben.
 

Auf der Veranstaltung habt ihr auch Pläne für eine Datenplattform vorgestellt. Kannst Du dazu mehr sagen?

Die Bestands- und Bedarfserfassung rund um digitale Infrastruktur und Services, die für den gesamten Berliner Kulturbetrieb zur Verfügung stehen sollen, ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit. Eine der großen Überschriften unserer Jahreskonferenz lautete nicht umsonst: Welche gemeinsamen digitalen Infrastrukturen braucht der Kulturbetrieb? Zu der Frage gab es auf unserer Jahreskonferenz viele Anregungen. Eine wichtige Grundlage ist die verlässliche und strukturierte Aufbereitung von Kulturdaten. Daher arbeiten wir an einer Plattform, in die Kulturdaten wie etwa Standort, Sparte und Angebotsart zentral gebündelt und zur weiteren Nutzung bereitgestellt werden sollen.

Zurzeit sind wir außerdem dabei, die „digitale Ausgangssituation“ in den landesgeförderten Berliner Kulturinstitutionen zu analysieren: Wie sind die einzelnen Einrichtungen ausgestattet? Wo besteht das Potential zu einer stärkeren Vernetzung? etc. Mit der Befragung unterstützen wir die Senatsverwaltung, künftige Fördermaßnahmen entlang der Bedarfe der Kulturschaffenden auszurichten. Zugleich werden die Ergebnisse uns sicher auch wichtige Impulse für die weiteren Informations- und Vernetzungsangebote im kulturBdigital Lab liefern. 
 

3. Jahreskonferenz zur digitalen Entwicklung des Kulturbereichs verpasst oder dabeigewesen und an einer Nachbetrachtung interessiert? Hier gibt es den Nachklapp.