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  • Thema Neue Technologien

„Vernetzung so leicht wie möglich machen“

  • Rubrik Interview
  • Veröffentlichungsdatum 03.09.2020
Frauke Nippel

Für die Publikation „Das intelligente Quartier“ hat Anne-Caroline Erbstößer eine Übersicht zu den Daten zusammengestellt, die zu Stadtquartieren, Grundstücken und Gebäuden zur Verfügung stehen. Ein Interview zur Datenlage und den Chancen, die sich aus der Vernetzung von Quartieren ergeben.

Die Daten, die Du zusammengetragen hast, können Planer*innen die Arbeit erleichtern und später so vernetzt werden, dass sich daraus Synergien im Quartier ergeben. Was für Daten sind das im Einzelnen?

Anne-Caroline Erbstößer: Die deutschen Städte zeichnen ihre Entwicklung schon lange auf. Alte Stadtpläne, bei denen Schloss Charlottenburg weit außerhalb der Stadtgrenzen liegt, kennt jeder. Im Laufe der Zeit haben die Städte immer mehr Daten dokumentiert: Wie viele Menschen an einem Ort leben, wie Häuser geheizt werden, oder auch, wo Versorgungsleitungen liegen. Neben der Verwaltung haben die Ver- und Entsorger, Verbände oder Vereine Daten gesammelt und nicht zuletzt auch Privatpersonen, die beispielsweise eine Immobilie besitzen oder als Mieter eine Betriebskostenabrechnung erhalten.

In den letzten Jahren werden solche Informationen zunehmend digital aufbereitet und teilweise auch schon online gestellt. Neue Bebauungspläne beispielsweise werden heute grundsätzlich digital, in X-Plan Standard erstellt. Vorhandene Pläne werden Schritt für Schritt nach-digitalisiert. X-Plan ein Standard, der problemlos in unterschiedlichste Software importiert werden kann. Diese Daten müssen nicht nachgefragt werden. Sie stehen im Geoportal der Stadt, dem FIS-Broker, zur Verfügung. Ich denke, es liegt auf der Hand, dass eine solche Datenaufbereitung und ihre Bereitstellung Planer*innen und Architekt*innen die Arbeit erheblich erleichtert.

Allerdings ist die Datenlage nicht in allen Bereichen so gut. Manche Informationen müssen gezielt angefordert werden und sind häufig nicht in einem Format vorhanden, das direkt weiterverarbeitet werden kann. Beispielsweise wäre es interessant, die Ver- und Entsorgung der Quartiere digital nachvollziehen zu können. Das geht aber noch nicht. In welchen Mengen Altglas in den Sammelbehältern landet und wo diese stehen, ist beispielsweise nur für einen Berliner Bezirk im Internet abrufbar. Das ist schade.

Was könnte man denn machen, wenn solche Daten offenlägen?

Anne-Caroline Erbstößer: Damit könnte man gleich auf mehreren Ebenen etwas anfangen. Um mal bei den Altglas-Containern zu bleiben: Ich bin davon überzeugt, dass die Entsorger viel Erfahrung damit haben, wann die Container geleert werden müssen. Aber wenn die Informationen digital vorliegen würden, könnte man mit Sicherheit noch effizienter werden und zum Beispiel Touren optimieren. In der Zukunft könnten vorhandene und neue Standorte nach Erreichbarkeit für den Bürger und den Entsorger optimaler geplant werden.

Auch in der Nachbarschaft wäre es interessant zu wissen, wann beispielsweise Parkplätze genutzt werden. Vielleicht können sich benachbarte Wohn- und Bürohäuser Parkraum teilen und damit den Platzbedarf für ruhenden Verkehr minimieren. Und Parkraum ist ja nur ein Beispiel für eine knappe Ressource, die man intelligent teilen kann. Auch Wärme, die im Rechenzentrum entsteht und dort stört, könnte in der benachbarten Wohnung sehr erwünscht sein und würde sich in einer Energiebilanz positiv auswirken. Kurz gesagt: Durch die Dokumentation der Kreisläufe und eine engere Vernetzung könnte unsere Stadt attraktiver und effizienter werden.

Es gibt auch schon einige Beispiele im Quartier. Besonders gut kann man die Vernetzung natürlich bei Neubauvorhaben realisieren, aber oft ist es auch nachträglich unkomplizierter möglich, als die meisten es sich zunächst vorstellen. In der Publikation stelle ich übrigens solche Sharing-Modelle vor, die in Berlin bereits realisiert wurden.


Was muss passieren, damit die Vernetzung, die technisch möglich ist, auch wirklich erfolgt?

Anne-Caroline Erbstößer: Über die Datensituation haben wir ja schon gesprochen. Tatsächlich ist hier noch einiges zu leisten, aber ich denke, das Bewusstsein für den Wert der Daten ist in den zurückliegenden Jahren erheblich gewachsen. In Berlin können sich die Verwaltungen bei der Open Data-Informationsstelle (ODIS; Link)) beraten lassen für ihre Datendokumentationen. Ich glaube, da sind wir auf einem guten Weg.

Wichtig ist neben der Verbesserung der Datenlage auf jeden Fall, dass das Thema mit Informationsangeboten und Beratung weiter flankiert wird. Wie und wo man sich beraten lassen kann und was für Fördermöglichkeiten es gibt, habe ich in der Publikation zusammengetragen.

Erleichtert würde die Entwicklung auch durch die Professionalisierung von Geschäftsmodellen und Standards. Es braucht Anreize und neue Betreibermodelle. Sinnvoll wäre es beispielsweise, wenn die Ver- und Entsorger solche Quartiers- oder Nachbarschaftsmodelle quasi standardisieren und aktiv anbieten würden, zum Beispiel mit einer CO2-Bilanzierung, die einen gesamten Häuserblock einbezieht. Für die einzelnen Gebäudebesitzer*innen ist es ansonsten wirklich sehr viel Arbeit. Teilweise müssen eigens Vereine oder Gesellschaften in den Quartieren gegründet werden. So kompliziert muss es aber nicht bleiben.

Wir sollten alle ein dringendes Interesse an der Entwicklung haben, denn die Synergien, die sich ergeben können, sind in der Energiewende-Zeit besonders wichtig. Die Vernetzung sollte allen so leicht wie möglich gemacht werden.

Vernetzte Energie im Quartier

Solaranlagen auf dem Dach, im Hintergrund eine Großstadt

Das Projekt Vernetzte Energie im Quartier trägt vorbildliche Projekte in die Fachöffentlichkeit, die einen Beitrag zum Erreichen der selbstgestellten Berliner Klimaziele leisten.