„Unsere Phantasie ist oft begrenzter als die technischen Möglichkeiten“

Online-Ticket, virtueller Museumsbesuch, Musikstreaming: Die Digitalisierung verändert auch den Kulturbereich. Die Senatsverwaltung für Kultur und Europa wird deshalb einen Innovationsfonds einrichten. Der Fonds soll die Berliner Kulturszene dabei unterstützen, die mit der Digitalisierung verbundenen Chancen für sich zu nutzen. Für die Vorbereitung hat die Senatsverwaltung uns mit ins Boot geholt - und wir Jessica Frost. Im Interview stellt sie sich und ihre Arbeit für kulturBdigital vor.

Du hast im April 2018 Dein Studium abgeschlossen und bist schon zwei Monate später bei uns eingestiegen. Wie schwer war der Wechsel?

Das war eher eine folgerichtige Entwicklung von der Theorie zur Praxis. Ich habe mich schon im Studium intensiv mit Themen des digitalen Wandels beschäftigt, vor allem mit den Fragen, ob und wie menschliche Körper durch digitale Tools erweitert sowie optimiert werden können und welche kulturellen Unterschiede im Bereich der Robotik vorherrschen.

Ich bin fasziniert von den Thesen Raymond Kurzweils, der bereits für 2045 mind uploads auf Basis des Moore’schen Gesetzes prognostiziert und davon überzeugt ist, dass wir uns eines Tages von unserer körperlichen Existenz lösen und im Digitalen weiterleben werden. Ich bin da etwas vorsichtiger, nicht nur aus Sicht der technologischen Umsetzbarkeit. Nicht jeder hat ein so uneingeschränkt positives, ja intimes Verhältnis zur Technik wie Kurzweil und wünscht sich eine solche Zukunft. Und das ist auch ganz gut so. Ich finde, dass bei Kurzweil soziale Aspekte der Digitalisierung und allgemein ethische sowie philosophische Debatten, die fortlaufend herrschen, einfach zu kurz kommen. Aber als Vision sind diese Thesen natürlich sehr inspirierend.

Ich habe mir auch vor einiger Zeit selbst einen kleinen RFID-NFC-Chip in den Handrücken implantieren lassen, um zu erleben, was heute außerhalb des medizinischen bzw. therapeutischen Bereichs möglich ist. Mir kommen die jetzigen Möglichkeiten wie Icebreaker vor. Erste Schritte in eine Richtung, in der es vielleicht nicht mehr von Bedeutung ist, ob Technik im oder nur am Körper getragen wird, jedoch noch nichts wirklich Aufregendes. Betrachtet man die heutige intensive Nutzung von Smartphones, so sind Medien an sich sowieso schon zu Körperextensionen geworden, die den menschlichen Handlungsradius erweitern.

Aber ein Blick nach Japan zeigt: Unsere Phantasie ist oft begrenzter als die technischen Möglichkeiten. Die Japaner, vom Shintoismus geprägt, wonach jedem Objekt und Wesen eine Seele innewohnt, haben beispielsweise teils eine viel größere Offenheit für technischen Fortschritt und begegnen auch Robotern ganz anders als wir.

Ob Transhumanismus mit Fokus auf Human Enhancement oder allgemein Mensch-Maschinen-Interaktionen: Ich bin davon überzeugt, dass wir erst am Anfang der Entwicklungen stehen. Mir macht das Nachdenken darüber weiterhin sehr viel Spaß - aber es macht auch Spaß, sich jetzt für kulturBdigital eher mit ganz praktischen Fragen der Digitalisierung auseinanderzusetzen.

Was für konkrete Fragestellungen sind es denn, die den Kulturbetrieb im Zusammenhang mit der Digitalisierung beschäftigen?

Zunächst muss ich sagen, dass ich ziemlich erstaunt darüber war, wie weit sich viele Kultureinrichtungen bereits mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Egal ob wir mit Bibliotheken, Musikschulen, Gedenkstätten oder Theatern zu tun haben: Uns begegnen nur sehr selten grundsätzliche Vorbehalte. Die meisten Einrichtungen haben längst verstanden, welche Chancen die Digitalisierung bringt. Sie wollen diese Chancen unbedingt nutzen und dafür wollen sie lernen, lernen, lernen.

Auffindbarkeit beispielsweise ist ein großes Thema, auch die Erschließung neuer Zielgruppen und die Vernetzung unter den Kulturakteuren selbst. Entsprechend haben wir kulturBdigital ausgerichtet. In den zurückliegenden Monaten haben wir die unterschiedlichsten Formate angeboten. Einen dreitägigen Design Sprint, bei dem die Teilnehmer*innen Ideen kreierten. Es gibt aber auch andere Formate, bei denen es vor allem um Wissensvermittlung geht. Unsere Infoveranstaltung zur Suchmaschinenoptimierung beispielsweise war ein Renner.

Die Leute schätzen es außerdem, wenn wir Begegnungs- und Vernetzungsangebote machen. Das hat unsere Konferenz Anfang Dezember gezeigt. Die Veranstaltung hatte eine riesige Resonanz. Das macht sehr viel Spaß, zumal wir uns im Team sehr gut ergänzen und jeder besondere Expertise einbringt und durch seine spezifischen Stärken das Projekt bereichert. kulturBdigital hat aber auch noch eine weitere Facette.

Ihr seid angetreten, Pilotprojekte durchzuführen, die die Digitalisierung des gesamten Kulturbereichs voranbringen sollen. Wie steht es damit?

In den ersten Monaten haben wir Ideen für Pilotprojekte entwickelt. In diesem Jahr wird es darum gehen, diese umzusetzen. Wir werden beispielsweise dafür sorgen, dass die Kultureinrichtungen im Netz besser zu finden sind, sie sich mit Bewegtbildern auseinandersetzen und man sich auch mobil schnell und unkompliziert über Anfahrtswege, Öffnungszeiten, Sonderausstellungen etc. informieren kann. Vorbild hierfür ist die Kita-Suche, die unser Lab seit letztem Jahr mit großer Resonanz anbietet.  

Wir wollen das Datenmanagement optimieren und einen Metadatengenerator entwickeln, der in den häufig personell sehr dünn besetzten Kommunikationsabteilungen der Kultureinrichtungen die Pflege von Webinhalten erleichtert und audio-visuelle Inhalte entwickeln, also so etwas wie eine Mini-Videoplattform für den Berliner Kulturbereich initiieren. Letzteres war übrigens eine Idee, die während unseres Design Sprints mit Kulturschaffenden entwickelt wurde. Aber mehr will ich jetzt noch gar nicht ankündigen. Die ersten Monate haben gezeigt, wie dynamisch sich kulturBdigital entwickelt. Ich bin mir sicher, das wird sich fortsetzen. Ich bin sehr gespannt auf das neue Jahr!

Für alle, die mehr wissen wollen, hat Jessica Frost die Ergebnisse der Konferenz am 5. Dezember in einem Blogbeitrag zusammengetragen.

Auf YouTube bietet ein Trailer einen Eindruck von der Konferenz.