Treffpunkt WissensWerte: Wissenschaftsstadt Berlin - Jubiläumsjahr eines Exzellenzstandortes

Über Wissenschaft und Forschung als zentrale Standortfaktoren diskutierten die Expert:innen im Haus des Rundfunks beim 114. Treffpunkt WissensWerte.

Berlin ist der leistungsstärkste und attraktivste Wissenschaftsstandort Deutschlands und die Wissenschaftsregion eine der größten Europas. An vier Universitäten, vier Fachhochschulen, vier Kunsthochschulen, zwei konfessionellen und rund 30 privaten Hochschulen lehren, forschen, arbeiten und studieren über 250.000 Menschen aus aller Welt, dazu kommen unzählige private und öffentlich geförderte außeruniversitäre Forschungseinrichtungen vom Deutschen Archäologischen Institut bis Versuchs- und Lehranstalt für Brauerei, von Max-Plank-Gesellschaft bis Leibniz-Gemeinschaft – und nicht zu vergessen die Charité - Universitätsmedizin Berlin.  

Wissenschaft und Forschung sind zentrale und die wichtigsten Standortfaktoren für die Zukunft der Stadt. „Berlin ist ein toller Schmelztiegel nicht nur der Gesellschaft, sondern eben auch der Wissenschaft. Und man begegnet auf Schritt und Tritt tollen Köpfen und starken Einrichtungen“, beschreibt Christopher Baum die Stadt. Prof. Baum ist Vorstand des Berlin Institute of Health, BIH. Hier können „exzellente Forschungseinrichtungen, eine Vielzahl von Universitäten zusammen großartige, exzellente Forschung betreiben“, ergänzt die junge Biotechnologin Dr. Anna Löwa vom Institut für Pneumologie und Infektiologie der Berliner Charité. Sie erforscht Krankheitsbilder anhand von Organoiden, das sind aus Stammzellen gewonnene Hirn- und Lungenzellen in der Petrischale. Sie untersucht, wie infektiös ein Virus für bestimmte Organe ist. Dabei ist für sie die interdisziplinäre Kooperation auch über Institutsgrenzen hinweg besonders wichtig. Das sieht auch Prof. Sabine Kunst so, Präsidentin der Humboldt Universität zu Berlin und Sprecherin der Berlin University Alliance, des Verbundes der Exzellenzuniversitäten. Berlin ist die Stadt „der Kooperation und der leichtgängigen Interaktion.“ Aber Berlin sei auch „mühsam geordnetes Chaos mit zahlreichen Möglichkeiten, von denen wir noch ganz viele entdecken können“, meint der Mathematiker Prof. Christof Schütte, Präsident des Zuse-Instituts Berlin und Sprecher des Exzellenzclusters Math+. Dieser Cluster, einer von drei deutschlandweit, sei der einzige für anwendungsorientierte Projekte, um „also zu zeigen, was man mit Mathematik machen kann, was relevant für die Gesellschaft, für die Menschen und für unsere Zukunft ist.“ Und damit stehe man in der Tradition von Konrad Zuse, der vor 80 Jahren mit dem Z3 in Berlin den ersten funktionsfähigen Computer vorgestellt hat. Dessen Idee war, so Prof. Schütte, „dass ein Computer nicht nur irgendeine Maschine ist, die rechnet, sondern dass sie rechnen soll, um zu gestalten und dem Menschen das Leben einfacher zu machen.“ Das geschehe am Zuse Institut von Wetter-, Klima- bis Energieforschung oder Medikamentendesign. Und manche Projekte würden auch Teil der Regierungsberatung durch die Wissenschaft. Man habe am ZIB beispielsweise ein Modell entwickelt, das zeigen konnte, wie sich die Corona-Infektion in Berlin ausbreitet. Dazu wurden praktisch alle Einwohner:innen im Computer simuliert, wie sie miteinander interagieren, sich treffen, mit welchen Wahrscheinlichkeiten Infektionen übertragen werden. Dazu bedarf es sehr großer Rechner, Supercomputer, wie sie am ZIB vorhanden sind. Überhaupt ist medizinische Forschung ohne Mathematik und Computermodelle im einundzwanzigsten Jahrhundert undenkbar. Die Mathematik sei in der Bioinformatik verankert, sagt Dr. Löwa. Die Analyse der unterschiedlichsten Zelltypen in den verschiedenen Organen zum Beispiel durch die so genannte Single Cell Sequenzierung, die Einzelzellanalyse, erzeuge milliardenfache Datensätze. Wir haben einen „Wust an Daten, der analysiert werden muss, um da wirklich spezifisch auf einen Zelltyp sagen zu können, was genau pathologisch verkehrt läuft.“ Man müsse sehr viel Tiefenanalyse betreiben, ergänzt Prof. Baum, um in der komplexen Welt des menschlichen Organismus die medizinischen Probleme zu erkennen. „Und das funktioniert nur, wenn klinische Expertinnen und Experten, Ärztinnen und Ärzte und Forschende sehr eng miteinander interagieren“. Das sei das Leitmotiv des BIH: Translation - aus Forschung wird Gesundheit, vom Labor ans Krankenbett. Diese Tiefe der Forschung, das tiefe Expertenwissen, sei Voraussetzung, um in die Breite wirken zu können, in die Gesellschaft hinein, auch als Politikberatung, so Christof Schütte, aber „es muss danach auch wieder Zeit sein, einige Dinge noch einmal in die Tiefe zu verfolgen. Denn wenn wir das nicht machen werden, werden wir aus dem, was jetzt im letzten Jahr alles passiert, nichts lernen. Und das wäre fatal.“ Er habe insgesamt aber das Gefühl, dass die Wissenschaft, das wissenschaftliche Erkenntnisse, trotz mancher Probleme im Wechselspiel von Politik und Gesellschaft angekommen seien. „Wissenschaft kann ja am Ende die Frage nicht beantworten: Was sollen wir wirklich tun? Die kann nur sagen, diese Sachen stehen in diesem und jenem Zusammenhang zueinander. Und am Ende muss die Politik entscheiden und damit die Gesellschaft, was sie tun will.“ Christopher Baum findet es extrem bemerkenswert, dass eine neue Kultur des Zuhörens zwischen Politik und Wissenschaft entstanden sei. „Die besten Leute sind die klugen Zweifler. Die wissen immer genau, wo die Grenzen ihres Wissens und das ihrer Community liegen“. Auch Sabine Kunst sieht das so, die Wissenschaft sei „in einem Maße gut gehört worden, wie wir es sonst zuvor noch nicht erfahren haben.“ Und sie betont die Freiheit der Wissenschaft, die komplexe Vorbereitung unterschiedlichster Themen, die die Grundlage dafür seien, dass sie „ad hoc liefern können. Man weiß ja nicht genau, zu welcher neuen Katastrophe (z.B. Klimakrise) Wissenschaft wieder zur Lösung von Problemen ganz dringend benötigt wird.“   

In diesem Zusammenhang verwies Prof. Kunst auf die Ausschreibung der Forschungsvorhaben der Berlin University Alliance zu den Grand Challenges, die bereits vor der Corona-Pandemie erfolgte. Da sei einerseits das Thema „Gesellschaftlicher Zusammenhalt“, Stichwort gesellschaftliche Spaltung durch Coronaleugner, und andererseits „Global Health“. Beide Themen sind durch die weltweite Coronakrise hochaktuell.

Es gibt für Berlin sehr viele Pläne, sie soll als Wissenschaftsstadt ein internationaler Leuchtturm sein, ebenso in der Kultur oder Mobilität. Und Berlin soll auch zur internationalen Gesundheitsmetropole werden, festgelegt im Strategiepapier Gesundheitsstadt 2030. Und wie international ist sie schon?

„Immer mehr international“, sagt Prof. Baum, doch „wir müssen noch internationaler werden“. Man habe schöne Programme beispielsweise von der Einstein-Stiftung oder auch von der Berlin University Alliance zur Förderung der Internationalisierung, aber „dort haben wir Federn gelassen.“ Zahlreiche Versuche, internationale Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen nach Berlin zu holen, seien im letzten Jahr „schlichtweg an den Einreisebestimmungen gescheitert“. Für Anna Löwa ist ein internationales Arbeitsumfeld Alltag. Was sie aber vermisst, sind direkte, persönliche Kontakte zu Wissenschaftler:innen weltweit auf Konferenzen oder bei Studienaufenthalten, da hoffe sie auf die Zeit nach Corona. „Es gibt Förderprogramme auch für Postdoktoranden oder junge Nachwuchswissenschaftlerinnen. Das ist etwas, was man nutzen kann und was ich jetzt auch nutzen werde.“

Und wie sieht der Blick auf die Wissenschaftsstadt 2030 aus?

Zur DNA der Stadt und der Exzellenz gehört die Internationalisierung. Berlin wird mittendrin sein in der nächsten Etappe der Exzellenzstrategie, ist sich HU-Präsidentin Kunst sicher. Internationale Wissenschaftler:innen werden die Stadt „ganz anders auf dem Ticker haben als heute, als Ort, an dem ein schnelles agiles Finden von Teams und Netzwerken möglich ist.“ Für Christopher Baum wird dann Team Science ein zentraler Begriff für die Forschung sein. „Die richtig erfolgreichen Menschen der Wissenschaft werden noch viel mehr als jetzt in großen Konsortien unterwegs sein und (diese)auch immer wieder neu konfigurieren, entsprechend ihrer Fragestellungen.“ Dazu müssten aber die Rahmenbedingungen stimmen - finanziell trotz schwieriger Corona-Finanzlage aber auch in Hinblick auf die Digitalisierung. Es fehlten dafür an vielen Stellen Investitionen, um den integrierten Forschungsraum weiter entwickeln zu können, beklagt Prof. Kunst. „Und um das wirklich ausschreiten zu können, bedarf es eines solch schnöden Handwerkszeugs wie eine solide Digitalisierung sowohl infrastrukturell als auch dann in Umsetzung.“ Es sei „ganz schön finster“ ergänzt Christof Schütte, insbesondere was die Digitalisierung der Verwaltung betrifft, „wenn sich nichts ändert, wird es lustig“. Dem setzt Christopher Baum seine positive Ermutigung entgegen. Man müsse von guten Beispielen lernen, wie die schnelle und unbürokratische Zulassung der Corona-Impfstoffe durch das zuständige Paul-Ehrlich-Institut als oberste Zulassungsbehörde. „Die sitzt jetzt nicht in Berlin, aber die hätte es auch geschafft, wenn sie in Berlin sitzen würde. Solche Best-Practice-Beispiele muss man sammeln und dann aber eben auch in den Landesbehörden realisieren.“

Die Wissenschaftsstadt Berlin ist im Werden, ganz im Sinne des Publizisten Karl Scheffler, der schrieb 1910: „Berlin ist dazu verdammt: immerfort zu werden und niemals zu sein“.

Das Gespräch führte Thomas Prinzler, Wissenschaftsredaktion (rbb) mit

  • Prof. Dr. Christopher Baum, Vorstandsvorsitzender des Berlin Institute of Health Vorstand für Translationsforschung der Charité – Universitätsmedizin Berlin 
  • Prof. Dr.-Ing. Dr. Sabine Kunst, Präsidentin der Humboldt Universität Berlin Sprecherin der Berlin University Alliance
  • Dr. Anna Löwa, Charité – Universitätsmedizin Berlin, Medizinische Klinik mit Schwerpunkt Infektiologie und Pneumologie
  • Prof. Dr. Christof Schütte, Präsident des Zuse-Instituts Berlin Freie Universität Berlin, Fachbereich Mathematik und Informatik

Der Treffpunkt WissensWerte ist eine gemeinsame Veranstaltungsreihe der Technologiestiftung Berlin und Inforadio (rbb).
Die Sendung ist hier nachzuhören.