Treffpunkt WissensWerte Spezial: Corona – Und wie weiter?

Zusammenfassung des Interviews mit dem Virologen Jonas Schmidt-Chanasit. Von Thomas Prinzler

"Die Pandemie ist ein Marathonlauf und wir befinden uns erst bei Kilometer drei oder vier", sagt der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit. Das Spezialgebiet von Prof. Dr. Schmidt-Chanasit vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin und vom Deutschen Zentrum für Infektionsforschung sind neu auftretende Infektionskrankheiten, insbesondere Zoonosen, also vom Tier auf den Menschen überspringende Krankheiten. Er gehört mit dem Berliner Virologen Christian Drosten von der Charité zu den renommiertesten Wissenschaftlern, die sich mit der Erforschung des Virus SARS-CoV-2 befassen.

Bekannt sind beide für ihre allgemeinverständlichen Erläuterungen rund um die Virologie. Sie sind momentan die neuen Medienstars. „Ich habe mir das weder ausgesucht noch gewünscht“, sagt Schmidt-Chanasit. Eigentlich würde er jetzt im Urwald schauen, „welche Viren von Wildtieren übertragen werden. Aber, wenn man sich einmal dazu entscheidet, diese Pressearbeit zu machen, die gerade wichtig ist, dann ist das so und dann kennt man auch die Risiken, die damit einhergehen.“ Das ist einerseits die fehlende Zeit für die Forschung, die nun abends bis in die Nacht stattfindet, andererseits sind es auch die sie über die sozialen Medien erreichenden Anfeindungen, Beschimpfungen bis hin zu Morddrohungen, wie sie Prof. Drosten erhalten hat.

Weltweit gibt es weit über 3 Millionen mit dem Sars-Cov-2-Virus Infizierte, in Deutschland etwa 160.000. (Stand 30. April 2020). Wir sind gerade dabei, meint Schmidt-Chanasit, unser Tempo für den Marathon zu finden. „Dadurch, dass wir den Marathon das erste Mal laufen, wissen wir nicht, was die beste Strategie ist, um bis Kilometer 42 zu kommen. Da hat jedes Land seine unterschiedlichen Ideen… Es ist ein Lauf ins Ungewisse, niemand hat eine Blaupause und wir befinden uns relativ am Anfang von diesem Lauf.“

Denn, so der Virologe, man wisse immer noch zu wenig über dieses neue Corona-Virus und seine Verbreitung, obwohl bereits viele neue Erkenntnisse in Windeseile erbracht wurden. Es gibt hunderte von Studien, und tausende von Wissenschaftler*innen arbeiten weltweit mit Hochdruck an der Erforschung des Virus. „Das wäre vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen und genau das führt dazu, dass wir in einigen Ländern noch eine gute Lage haben und keine Zustände wie 1918, als die Spanische Grippe große Teile der Welt in Mitleidenschaft gezogen hat.“

Seit ein paar Tagen haben vielfach die Geschäfte wieder geöffnet, Schule startet, Museen und Tiergärten stehen vor der Wiedereröffnung. „Es ist zu früh, Restriktionen zu lockern!“ warnen die Expert*innen vom Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig, man müsse das Virus konsequent austrocknen. Aus epidemiologischer Sicht kann Jonas Schmidt-Chanasit diese Sichtweise nachvollziehen, sie sei aber letztlich eine nicht zu überprüfende Behauptung. „Sie ist realitätsfern. Es ist eine Pandemie und wir können uns nicht einschließen in eine Glaskugel für die nächsten Jahre.“ Man könne nie alle Infektionsketten nachvollziehen, daher sei eine pragmatische Herangehensweise sinnvoll. Man müsse schauen, „wie man da langsam, Schritt für Schritt, behutsam mit Augenmaß rauskommt. Mit dem Virus leben und soweit, wie es geht die schädlichen Folgen minimieren.“

Lange hieß es vom Robert-Koch-Institut, von der WHO und von vielen Virolog*innen, Gesichtsmasken nützten nichts. Inzwischen sind die Mund-Nasen-Masken doch weit verbreitet, sind im ÖPNV und beim Einkaufen Pflicht. Aber gibt es wissenschaftliche Erkenntnisse zur Wirksamkeit? Das sei ein sehr komplexes und aufgeladenes Thema, betont der Hamburger Virologe. Richtig sei, dass Gesichtsmasken von denen verwendet werden sollen, die krank sind, weil Tröpfchen abgefangen werden. Und es gäbe auch neue Untersuchungen, die besagen, dass zum Teil auch Tröpfchen von anderen verhindert werden. „Sie können auch einen gewissen Schutz bieten“, aber nur, wenn die Maske richtig angewendet werde. Sie sei sinnvoll da, wo viele Menschen aufeinandertreffen und der Mindestabstand von 1,5 Metern nicht eingehalten werde. Unsinnig sei es, den Mund-Nasen-Schutz beim Spazierengehen im Wald zu tragen, so Schmidt-Chanasit.

Über Twitter hatten Interessierte die Möglichkeit, Fragen an Prof. Schmidt-Chanasit zu stellen. Wie wirksam Plexiglasscheiben zwischen Büromitarbeiter*innen seien, war eine der Fragen. Sie böten durchaus Schutz, so die Antwort des Virologen, aber man solle den Raum gut durchlüften und nicht zu lange im selben Raum verweilen, denn die Aerosole der Atemluft, in der Viren enthalten sein könnten, würden auch um die Scheiben herum schweben können.

Weitere Fragen bezogen sich auf die Wirksamkeit von Tests und auf Berichte, wonach es in Südkorea zu Neuinfektionen eigentlich wieder gesundeter Patient*innen gekommen sein soll. Die sogenannten PCA-Tests bewertet Schmidt-Chanasit als sicher und zuverlässig. Probleme könnte es lediglich bei der Probenentnahme geben, wo es zu Verunreinigungen und zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen könnte. Die erwähnten Fälle in Südkorea seien keine Reinfektionen, betont er, es sei der Nachweis von Erbgut des Erregers, „aber das Virus selbst ist nicht mehr infektiös.“ Es gibt dann also keine Ansteckungsgefahr mehr. Eine Studie von Prof. Drosten habe gezeigt, dass dieses Erbgut, diese RNA, noch 4 bis 5 Wochen nachgewiesen werden könne, nachdem das Virus infektiös war.
Und schließlich gab es noch eine wichtige Frage im WissensWerte-Gespräch zu klären, die nach der Ursache und Herkunft des SARS-CoV-2-Virus. Spekulationen, die vom US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump befeuert werden, besagen, dass das Virus aus einem Hochsicherheitslabor im chinesischen Wuhan stammen könnte. Prof. Schmidt-Chanasits Antwort war eindeutig: „Es gibt ganz klare Untersuchungen aufgrund der sehr guten Datenlage, was das Erbgut des Erregers betrifft: Es ist ein natürlich entstandenes Virus, das aus der Fledermaus kommt …es ist nicht gentechnisch verändert, manipuliert.“ Und dass das Virus aus dem Labor entflohen sein könnte, hält er für abwegig: „Die chinesischen Labore sind sehr sehr gut, sehr gut gesichert, und es gibt keine Hinweise darauf, dass mit diesem Virus in dem Hochsicherheitslabor gearbeitet wurde.“

Das Virus sei über einen Zwischenwirt auf den Markt in Wuhan gelangt. Den kenne man jedoch noch nicht, das könnten aber ein Hausschwein oder kontaminierte Früchte gewesen sein.
Und wie lange werden wir noch mit Corona leben müssen? Wir sind ganz am Anfang des Marathonlaufs, betont Jonas Schmidt-Chanasit. „Natürlich wird das Virus besiegt werden“, ist er sich sicher, wir werden einmal einen Impfstoff haben, vielleicht nächstes Jahr oder erst 2022/23. „Es ist dieser berühmte Marathon, da dürfen wir nicht vorher schlapp machen, indem wir die Maßnahmen überziehen – kompletter Lockdown und alle drehen nach drei Monaten komplett durch. Da müssen wir unser Tempo finden, das richtige für Deutschland, um durch die nächsten Monate, vielleicht Jahre zu kommen.“

Das Gespräch führte Thomas Prinzler, Wissenschaftsredaktion Inforadio (rbb).
Die Sendung kann man hier nachzuhören.


Links:
Prof. Dr. Jonas Schmidt-Chanasit
Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin
Deutsches Zentrum für Infektionsforschung
Robert Koch Institut