„Tierschutz ist in Berlin erst seit zwei Jahren ein Förderbereich“

Interview mit Dr. Sebastian Meier, dem Lead Data Scientist, über die Fördermittelvisualisierung des Ideation & Prototyping Labs

Portrait Sebastian Meier Technologiestiftung Berlin

Im Lab habt Ihr die Fördermittelvergabe des Landes Berlin seit 2009 visualisiert. Das ist ein ziemlich komplexes Thema. Wie viele Daten kommen denn da zusammen?

Wir sprechen über rund 73.000 Datensätze, die dokumentieren, wie das Land Berlin seine Gelder seit 2009 vergeben hat. Das geht von der Unterstützung für den Fußballverein im Kiez, der neue Trikots kauft, bis zur Finanzierung neuer Busse und U-Bahn-Waggons für die BVG. 

Alle Daten waren zuvor auf dem Open Data-Portal des Landes bereits veröffentlicht. Wir haben nichts zusätzlich recherchiert, haben „nur“ das vorhandene Material angefasst und visualisiert. Aber diese Visualisierung bietet einen entscheidenden Mehrwert. Es werden interessante Entwicklungen deutlich, die sich beim Durchsehen der einzelnen Datensätze erst mal nicht zeigen; wie neue Themen aufkommen – Tierschutz zum Beispiel taucht erst 2016 als Förderbergriff auf, was ich ganz erstaunlich fand. Oder man sieht, wie der Senat jeweils nach den Wahlen umstrukturiert hat – daraus kann man teilweise schon relativ gut auch auf die dahinter stehenden politischen Vorstellungen und Prioritätensetzungen schließen. 

Aber es gibt auch viele Bereiche, in denen ändert sich über die Jahre relativ wenig. Auch das zeigt die Visualisierung. Hier kann man dann vor allem die hinter allem stehenden doch recht festen Strukturen erkennen, die es gibt und die den Laden zusammenhalten.

Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, die Fördermittelvergabe zu visualisieren?

Die Vorgeschichte ist ganz interessant. Denn die Idee kam aus der Senatsverwaltung selbst, als wir für unsere Open Data-Studie recherchiert haben, was es gibt, wer was nutzt und wer was vermisst im Open Data-Portal. Es war der richtige Tipp. Wir haben bereits sehr positive Rückmeldungen von den Senatsverwaltungen selbst, die unsere Visualisierung nutzen, um zu recherchieren und ihre Arbeit zu analysieren. Das freut uns natürlich sehr, weil es zeigt, dass Open Data kein Zeitfresser ist, sondern im Gegenteil verwaltungsintern zu einer Entlastung führt. 

Der bei uns angesiedelte Informationsstelle Open Data für die Berliner Verwaltungen (ODIS) helfen solche Beispiele natürlich, die die Verwaltungen nachvollziehen können. Genau solche Beispiele locken auch technisch eher zurückhaltende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sich mit dem Thema zu beschäftigen und Open Data bei der eigenen Arbeit mitzudenken. Und wer überzeugt ist, bekommt die nötige Unterstützung bei ODIS

Für uns war die Fördermittelvisualisierung aber auch deshalb ein schönes Projekt, weil über die verwaltungsinternen Gründe hinaus das Ganze natürlich von allgemeinem Interesse ist und gut zeigt, wie viele Chancen für Transparenz offene Daten bieten. Immer wieder diesen Transparenzgedanken zu äußern, ist eine Sache. Es an Beispielen nachzuweisen, ist natürlich viel überzeugender. Und genau das wollen wir im Lab: beispielhafte Anwendungen und Werkzeuge für Open Data entwickeln.

Werkzeuge entwickeln – meinst Du damit das Recherchetool, mit dem man die Daten mit bestimmten Filtern durchforsten und quasi seine eigenen Visualisierungen schaffen kann? 

Ja, das war uns wichtig. Wer bei uns recherchiert, kann das auf zwei Ebenen tun: Zum einen gibt es die Ebene „Fördermittelvergabe auf einen Blick“ und dann gibt es ein Tool, das die Möglichkeit bietet, tiefer einzusteigen, eigenen Fragestellungen nachzugehen und auch kleinste Beträge zu recherchieren.

Mit „Entwicklung von Werkzeugen“ im Lab meinte ich aber nicht nur solche Filter, die es möglich machen, Datenvisualisierungen zu hinterfragen – was man übrigens unbedingt und immer machen sollte. 

Ich meine auch technische Tools für Leute, die mit Datensätzen arbeiten wollen. Wir haben in der Vergangenheit schon Tools entwickelt, die es ermöglichten, Daten aus dem FiS-Broker, also dem Berliner Geodatenkatalog,  in Berlin-Karten zu importieren. Demnächst werden wir Berlins Gebäudeumrisse so aufbereitet anbieten können, dass auch technische Laien Berlin-Daten auf einzelne Gebäude runtergebrochen darstellen können. Jetzt wird es aber vielleicht ein bisschen zu technisch. Wer sich dafür interessiert, sollte unsere Arbeit weiter verfolgen und vor allem die Seiten des Labs besuchen. Wir bieten übrigens auch regelmäßig Workshops zu solchen Technik-Themen an, die immer gut nachgefragt werden.