Smart City und Mobilität: Mobiler durch autonome Fahrzeuge?

Das Verkehrsaufkommen hat sich in den letzten Jahren enorm erhöht und für den Raum Berlin ist weiterhin mit einen beträchtlichen Anstieg zu rechnen. Vollgeparkte Busspuren, unpünktliche Busse und Meldungen zu Feinstaub- und Abgaswerten von Dieselfahrzeugen begleiten uns täglich. Gesundheitliche Folgen durch Lärm und Luftverschmutzung sind nur ein Teil der Auswirkungen.

Bevor wir mehr Zeit im Stau oder an Haltestellen verbringen als im fließenden Verkehr, müssen wir Lösungen finden. Autonomes Fahren kann einen Beitrag leisten, die Mobilität der Zukunft effizienter und reibungsloser zu gestalten. Das ist gut für unsere Lebensqualität und spart Ressourcen, also genau das, was eine Smart City ausmachen sollte.

Das smarte Berlin braucht Visionen für die Mobilität der Zukunft

Wer weiß das besser als Prof. Raul Rojas von der Freien Universität Berlin? Schon 2009 startete er hier mit dem ersten Forschungsprojekt zum autonomen Fahren und heute wird in seinem AutoNOMUS Lab der in Berlin bisher einzige für den öffentlichen Straßenraum zugelassene PKW betrieben. Aktuell forscht der Professor im Projekt  SWARMS  an der Schwarmintelligenz autonom fahrende PKW im normalen Straßenverkehr in der Stadt. Implizit und explizit erwartete Reaktionen beim Fahrverhalten des Menschen werden mittels Videoaufzeichnungen, Laserscanner und Radartechnik erfasst und das dahinterliegende Kommunikationsverhalten analysiert. Das alles dient der Sicherheit und Konfliktvermeidung von autonom fahrenden Fahrzeugen und ist ein wichtiger Schritt, der diese Technologie in unserem Alltag straßentauglich werden lässt.

Technik entwickelt sich in hohem Tempo

Entwickler und Forscher planen weit in die Zukunft des Fahrens. Wagen, die in hoher Geschwindigkeit, zum Beispiel auf der Autobahn auftauchen, beschäftigen die Experten. Auf einer Schnellstraße ist eine rasante und fehlerfreie Identifizierung von Fahrzeugen und der Umgebung, die sogenannte Vehicle2X Kommunikation, lebensnotwendig. Egal, ob vom Fahrzeug ausgehend die Umgebung mit Sensorik, Radar und Videoaufnahmen direkt erfasst wird, oder ob es einen Austausch mit einer intelligenten Umgebung gibt und egal, ob die Fahrzeuge die Informationen über Internet und Cloud oder direkt austauschen: Sie ist Voraussetzung für ein konflikt- und unfallfreies Miteinander.

Report der Technologiestiftung Berlin zum updatefähigen Fahrzeug

Wird der Fahrer in Zukunft zum Passagier, ohne den allerdings bisher kein autonomes Fahrzeug fahren darf, tauchen rechtliche Fragen der Haftung auf. Hier wird es eine Verschiebung von der Fahrer- zur Produkthaftung geben müssen. Nicht zuletzt, weil vermutet wird, dass in einem autonomen Wagen der Passagier mit reinen Kontrolltätigkeiten eher zur Unaufmerksamkeit neigt als der aktive Fahrer. Die Wirtschaft und die Politik beschäftigen darüber hinausgehende Fragen zur Datensicherheit, zum Datenschutz und auf der Ebene von ethisch-moralischen Entscheidungen. Bevor diese nicht beantwortet sind, wird in naher Zukunft in der Smart City autonomes Fahren nur im Testbetrieb auf Privatgelände möglich sein und zur öffentlichen Personenbeförderung mittels Klein- oder Shuttlebussen dienen. Dafür sind verschiedenste Einsatzgebiete denkbar. Mit gemächlichem Tempo auf abgesteckten Routen, wie zum Beispiel auf einem Flughafenareal, auf einem Industriegelände oder in einem Naturpark ist das autonome Fahren bereits heute sinnvoll. In der weiter entfernten Zukunft könnte ein autonomer Kleinbus in schlecht angebundenen Randlagen oder zu wenig frequentierten Zeiten, zum Beispiel nachts oder früh morgens, oder für Querverbindungen von Randlage zu Randlage, zum Einsatz kommen.

Der „Olli“ will raus

Bisher zieht er nur im geschützten Gehege des EUREF Campus seine Runden. Im Schritttempo, als fast lautloses Elektromobil absolviert er täglich seine festgelegte Teststecke und hält sicher an, wenn sich ein todesmutiger Passant in den Weg stellt.

Der erste autonome Kleinbus „Olli“ könnte einen weiteren Beitrag zum urbanen Personennahverkehr der Zukunft leisten. Das Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ) ist Betreiber und hat mit dem „Olli“ noch viel vor. So soll im nächsten Schritt eine u. a. eine „on demand“- Lösung mit virtuellen Fahrgästen entwickelt und getestet werden. In den Nachtzeiten oder bei geringer Nachfrage könnte sich der E-Bus dank eines intelligenten Dispositionsmanagements selbstständig und passgenau auf Induktionsladeflächen auftanken und ein smarter Teilnehmer des Mikro-Smart-Grid auf dem Campus werden. „Olli´s“ Wunsch, den geschützten Testraum zu verlassen und im Shuttle-Betrieb eine Verbindung zum Bahnhof Berlin-Südkreuz einzurichten, scheitert derzeit noch an den gesetzlichen Regelungen für den öffentlichen Straßenraum.

Es ist viel in Bewegung auf dem Weg zu autonomer Mobilität

Trotz oder gerade wegen all der ungeklärten Fragen sollte Berlin weiter auf dem Weg bleiben und die Aktivitäten in der Stadt bündeln und ausbauen. Mittelfristig könnten damit einige Verkehrsprobleme der Stadt gelöst werden, wenn etwa die Menge der privaten PKW weiter reduziert und anteilig durch eine (teil-) autonom fahrende Taxi, Kleinbus- oder Carsharing-Flotte ersetzt wird. So weit gehen die Visionen des InnoZ, von Prof. Rojas oder von Dr. Nico Grasselt von der Berliner Agentur für Elektromobilität im Handlungsfeld „Urbaner Verkehr“. Weitere Zukunftstrends des autonomen Fahrens wurden mit Experten aus unterschiedlichen Disziplinen auf dem Design-Sprint Workshop des Buro Happold erarbeitet. Ideen für zukünftige Anwendungsfelder gab es reichlich, zum Beispiel „Mobilitäts-Plazas“ als zentrale Aus-, Ein- und Umsteige-Knoten für den autonomen Kleinbus als Entlastungsangebot zum Individualverkehr, um den Stress der Parkplatzsuche zu vermeiden oder Flächenverschwendung für parkende Privatfahrzeuge zu reduzieren. Unbeantwortet bleibt nach wie vor die Frage, ob durch den Einsatz von autonomen Fahrzeugen weniger Verkehr in die Stadt kommt. Aber ohne neue Wege einzuschlagen und innovative Lösungen auszuprobieren, werden wir es nicht herausfinden und heutige oder zukünftige Mobilitätsprobleme nicht lösen. Das Einrichten von Testgebieten für Vehicle2X oder (teil-) autonomes Fahren, ist ein ein wichtiger Schritt in die Zukunft der urbanen Mobilität.


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