Smart City ohne Bürger*innen?

Sie war vor wenigen Jahren ein Hype: Smart City, die intelligente Stadt, die mit Sensoren, Datenknoten, Kameras, mit Smart Homes, Smart Traffic und smarter Verwaltung alles mit allem vernetzt. In Vorzeigeprojekten wie der südkoreanischen Stadt Songdo haben kreative Köpfe großer Konzerne und der Verwaltung ihre Vision verwirklicht. Doch die Bürger*innen blieben dort und in vielen anderen Projekten oft außen vor. Was also ist die intelligente Stadt der Zukunft?

„Smart City Berlin ist eine Vision, Berlin für die Zukunft zu rüsten“, sagt Beate Albert, Bereichsleiterin Smart Cities bei der Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie GmbH. Es gehe darum, „eine lebenswertere Stadt mithilfe von technologischen, sozialen und ökologischen Innovationen zu gestalten.“

Für unseren Kollegen Dr. Benjamin Seibel ist Smart City aber nicht zuletzt ein „Marketingbegriff, der seine Wurzeln nicht in der Politik hat, sondern von großen IT-Unternehmen vor 10 Jahren mit dem Ziel geprägt wurde, Produkte an die öffentliche Verwaltung zu verkaufen.“ Daher müsse sie neu definiert werden. Zustimmung von Jochen Rabe, Professor für Urbane Resilienz und Digitalisierung am Einstein Zentrum Digitale Zukunft, denn intelligente Stadtplanung hätte es schon immer gegeben. Neu sei, dass sie digital sein wird. „Die Smart City von morgen sieht fast so aus wie heute“, so Rabe, „aber wir werden sie deutlich anders nutzen.“
 
Demografischer Wandel und Klimawandel, aber auch begrenzte Ressourcen und Digitalisierung erfordern ein Umdenken für die Stadt der Zukunft. Da sind Ingenieur*innen, Stadtplaner*innen, Datenwissenschaftler*innen sowie Sozialwissenschaftler*innen und die Bürgerschaft selbst gefragt. Die Digitalisierung bietet der Stadtgesellschaft Möglichkeiten, ihr Umfeld selbst mitzugestalten, die nur von ihrer Phantasie und dem technischen Können beschränkt werden. 
 
„Wir versuchen, Stadt neu zu denken“, sagt Beate Albert. Es gäbe Energie- und Wärmeprojekte,  aber auch sehr viele zur Mobilität, um die Verkehrswende zu ermöglichen. Logistik-Hubs seien ein Beispiel, um für die letzte Meile im Wohnquartier nicht den Transporter sondern das Lastenfahrrad für die Belieferung zu nutzen. „Solche Dinge braucht die Stadt, das ist intelligente Nutzung von öffentlichem Raum.“ Es komme darauf an, die Daten- und Digitalisierungsinfrastruktur intelligent zu nutzen, so Benjamin Seibel und ergänzt weitere Beispiele: „Die Mülltonne, die meldet, wenn sie voll ist. Die Straßenlaterne, die meldet, dass ein Stau ist oder dass die Luftqualität sich verschlechtert.“ Dazu gehören aber auch Open Data-Projekte wie www.kita-suche.berlin für die Übersicht unterschiedlicher Kita-Profile und -Angebote oder www.badegewaesser-berlin.de, wo es Auskunft über die Qualität Berliner Seen gibt. Dabei werden Daten der Verwaltung für die Bürger*innen öffentlich gemacht. Wichtig seien auch, betont Beate Albert, bottom-up-Initiativen von Bürger*innen, die ihr Umfeld aktiv gestalten wie Flussbad e.V zur Umgestaltung eines Spreearmes am Berliner Dom zum Badegewässer. Interessant sind auch Projekte wie der Einbau von Ampeln auf dem Boden des Fußweges, um nach unten schauende Smartphonenutzer*innen vor dem Verkehr zu warnen. Insgesamt braucht Berlin größere Experimentierfelder und Freiräume, um diese Projekte zu testen. Darin sind sich alle einig. Nischen wie der EUREF-Campus reichten dafür nicht aus. Jochen Rabe warnt aber vor einer absolut userfriendly City, „denn wenn man das weiterdenkt, und alle Leute maximal individualisiert sind, heißt das nicht zwangsläufig, dass da gute Gemeinschaften rauskommen.“ Darum hoffe er, dass die „Smart City der Zukunft eine uns Menschen als Individuum und als Gemeinschaft entsprechendere sein wird.“
 
„Bürger und Bürgerinnen der Smart City werden nicht nur Konsumenten von öffentlichen Diensten sein“, ist Beate Albert überzeugt, sondern „sie sind aktive Mitgestalter im Prozess auf Augenhöhe mit den anderen Stakeholdern der Smart City wie der Wissenschaft, der Wirtschaft und der Verwaltung.“ Es wird eine Stadt sein, hofft Dr. Seibel, an der mehr Menschen an ihrer Entwicklung teilhaben können. “An der wir jeden Tag überrascht werden können, in der es Möglichkeiten gibt, kreativ zu sein und neue Formen der Gemeinschaft erlebt werden können.“
Die Stadt ermöglicht die Gleichzeitigkeit von Unterschiedlichem.

Auf dem Podium waren:

  • Beate Albert
    Bereichsleiterin Smart Cities
    Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie GmbH
  • Prof. Jochen Rabe
    Urbane Resilienz und Digitalisierung
    Einstein Zentrum Digitale Zukunft / Technische Universität Berlin
  • Dr. Benjamin Seibel
    Leitung Ideation & Prototyping Lab
    Technologiestiftung Berlin

Treffpunkt WissensWerte ist eine Reihe der Technologiestiftung Berlin und Inforadio (rbb). Die Aufzeichnung der 101. Sendung fand am 09.04.2019 in der Technologiestiftung Berlin statt.

Der Treffpunkt WissensWerte wird gefördert durch die Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe und die Investitionsbank Berlin aus Mitteln des Landes Berlin.

Ein Blogbeitrag von Thomas Prinzler, Wissenschaftsredakteur bei Inforadio (rbb).