Private Forschung in disruptiven Zeiten

Was macht Corona mit der Industrieforschung? Und warum sollte uns das interessieren?

Die letztere Frage ist am einfachsten zu beantworten: Wenn in einzelnen Branchen, in der Industrie noch etwas ausgeprägter als bei den wissensintensiven Dienstleistungen, schon mehr als die Hälfte der Umsätze mit Produkten gemacht wird, die nicht älter als fünf Jahre sind, dann sind die Produkte, die jetzt in der FuE-Portfolien der Unternehmen stecken, diejenigen, von denen die Unternehmen – und mit ihnen ihre Beschäftigten und ihre Region – morgen leben müssen. Deshalb ist es einigermaßen erfolgskritisch, dass die Industrieforschung auch mitten in einer Pandemie nicht abreißt und dass sie auf die richtigen Pferde setzt.

Die Frage, wie sich Corona auf die Industrieforschung auswirkt, ist leider nicht so leicht zu beantworten. Die Datenlage ist bisher dünn. Amtliche Zahlen der statistischen Ämter oder halbamtliche zu Forschungsausgaben oder Innovationsausgaben helfen nur bedingt. Die Zahlen, die jetzt langsam, sogar langsamer als sonst, kommen beschreiben die Situation aus 2019 also vor Corona. Einzelne Studien existieren aber bereits. Auf einer wissenschaftlichen Tagung der SV Wissenschaftsstatistik (gehört zum Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft) im Januar wurden erste Erkenntnisse vorgestellt, aktuell hat die Gartner Group (das sind die mit dem HypeCycle; LInks weiter unten) eine aktuelle Studie vorgelegt.

Hier im Telegrammstil ein paar Punkte aus diesen Quellen:

  • Im Gegensatz zu Finanz- oder Konjunkturkrisen wirkt die Pandemie branchenspezifischer. Besonders betroffen sind z.B. Handel, Tourismus oder Gastronomie, während die forschungsstarken Branchen aus dem verarbeitenden Gewerbe oder den wissensintensiven Dienstleistungen weniger unter Lockdowns zu leiden hatten. Deshalb wird erwartet, dass die Innovationsausgaben in ihrer Gesamtheit stabiler bleiben als in anderen Krisenszenarien. Das scheint einstweilen auch das Antwortverhalten und die Angaben zu Innovationsplanungen in Panelbefragungen zu belegen.
  • Unter dem chinesischen und im ersten deutschen Lockdown haben anfänglich auch Lieferketten in Forschungsabteilungen gelitten und FuE-Projekte in Verzug gebracht. Das konnte wohl relativ schnell kompensiert werden, so dass auch daraus keine riesigen Beschädigungen des industriellen Forschungssystems zu erwarten sind. Allerdings wird mit einer gewissen thematischen Verschiebung gerechnet, nämlich hin zu mehr Robotik und KI in der Produktion, die Produktion in räumlicher Nähe wieder wirtschaftlicher machen sollen, um künftig Störungen der supply chain weniger gravierend zu machen.
  • Was die Beschäftigung angeht, haben wissensintensive Branchen weniger gelitten als andere. Mehr Technisierung oder Digitalisierung wird in allen Branchen erwartet. Deshalb wird der Wert guter MINT-Bildung, z.B. gemessen an Gehaltsvorsprüngen, noch größer als er heute schon ist.
  • Beim Portfoliomanagement industrieller FuE-Projekte berichten Forschungsleiter*innen von einer deutlichen Zunahme sowohl der Kurzfristigkeit von Projekten als auch der Eingriffe durch das TOP-Management. Zu besseren Entscheidungen und Portfolien, gemessen an den Einkünften, dem level of disruption oder dem level of innovativeness der Organisationen, habe das aber nicht geführt. Outperformende FuE-Portfolien seinen vor allem in Firmen entstanden, die vier oder mehr Kriterien bei ihren Portfolioentscheidungen anlegen, z.B. strategischer Wert (langfristige Passfähigkeit und langfristiger Kundennutzen), Informationsqualität (gemeint ist das Projektmanagement), Genauigkeit der Auswahl (gemeint ist das Berücksichtigen alternativer Lösungen und Szenarien und von Stresstests für die zu Grunde gelegten Annahmen), Stakeholder-Einbeziehung, Formale Qualität der Auswahlprozesse und einige mehr.

Wer mehr Details wissen möchte, findet die Dokumentation zur angesprochenen Tagung unter (1) und die aktuelle Gartner-Studie unter (2). Weitere aktuelle Studien zu Corona-Auswirkungen, z.B. auf die Zukunft der Arbeit, die Konsumgewohnheiten, den „Gesellschaftsvertrag“ entwickelter Gesellschaften oder die Maßnahmen gegen den Klimawandel, legen gerade die großen Beratungsgesellschaften vor, z.B. (3),(4).

FAZIT

Ganz großen Schaden wird das Innovationssystem wohl nicht nehmen, aber können wir uns jetzt darauf ausruhen, dass bei Innovations-Zahlen zu 2021 und 2022 aktuell nicht mit ganz großen bösen Überraschungen gerechnet wird?

Wohl eher nicht! Oder haben wir alle bei der Auswahl von Entwicklungsthemen, mit denen wir uns beschäftigen, schon Auswahlkriterien, die so systematisch sind wie sie sein könnten? Oder ist die MINT-Bildung schon so gut wie sie sein könnte? An der Innovation müssen wir mehr denn je dran bleiben. Auch wenn die Pandemie die Schwerpunkte beeinflusst: Die Gründe für Innovation ändert sie nicht.

(1) https://www.zew.de/das-zew/aktuelles/einfluss-der-corona-pandemie-auf-das-deutsche-innovationssystem

(2) https://www.gartner.com/en/innovation-strategy/trends/improve-portfolio-decision-quality

(3) https://www.mckinsey.com/mgi/overview#

(4) https://www.de.kearney.com/business-policy/article/?/a/im-schatten-der-pandemie