Nudges und Boosts: Der Dynamik im Netz etwas entgegensetzen

Am 12.01.2021 stellte Prof. Dr. Ralf Hertwig, Direktor am Max Planck Institut für Bildungsforschung, bei einem Online-Vortrag, den das CityLAB gemeinsam mit der Max Planck Gesellschaft organisierte, neue Tools vor, die die Kommunikation im Netz verändern könnten. Anschließend gab es ein Q&A, das Dr. Benjamin Seibel, der Leiter des CityLABs, moderierte.

Kaum zu glauben, aber als sich das Internet vor 20 Jahren langsam zu einem relevanten Kommunikationsmedium entwickelte, waren daran viele Hoffnungen geknüpft. Mehr Teilhabe, mehr Dialog, mehr Demokratie. Das klingt vor dem Hintergrund des Sturms aufs Capitol vor wenigen Tagen geradezu absurd. Anstelle dessen, stellte Prof. Hertwig eingangs fest, leben wir in einer polarisierten Gesellschaft, in der selbst über grundlegende Fakten kein Einvernehmen mehr besteht. Er hofft, dass vor diesem Hintergrund eine grundsätzliche Diskussion über die Zukunft des Internets einsetzen wird und macht auf Möglichkeiten aufmerksam, die Manipulation im Netz zu erschweren.

Lies spread faster than the truth

Internet und Social Media sind nicht die Ursache von gesellschaftlicher Polarisierung, aber sie triggern sie mit ihren Algorithmen und persuasiven Tools. Aufmerksamkeit ist die Ware, um die sich in der digitalen Welt alles dreht. Klickzahlen bestimmen den Preis von Webseiten und Social Media-Kanälen. Da viele Falschmeldungen mehr Aufmerksamkeit und Neugierde hervorrufen als Fakten, werden sie von der Technik gefördert. Die Folge: Gerade sie verbreiten sich im Netz besonders schnell. Das weitere „Informations“angebot, das auf der Grundlage von Vorlieben der Nutzer*innen errechnet wird, präsentiert dann zusätzliche alternative Fakten…

Die damit verbundene Spirale kennen wir alle: Selbst objektive Tatsachen werden zunehmend abgelehnt, alternative Fakten und Verschwörungstheorien beherrschen die öffentliche Diskussion. Aktuell haben Twitter, Facebook & Co. ins Geschehen eingegriffen und die Dynamik in der US-amerikanischen Debatte um die Wahlen unterbrochen. Bekanntlich ist beispielsweise der Twitter-Kanal von Donald Trump zurzeit gesperrt. Solche Eingriffe von Unternehmen in öffentliche Debatten mögen die Dynamik unterbrechen, lösen aber neue Fragen aus. Denn Privatunternehmen sind für solche machtvollen Interventionen nicht legitimiert.

Prof. Hertwig, der Psychologe und Verhaltensforscher ist, schlägt vor, die Entscheidung beim Nutzer/bei der Nutzerin zu belassen, aber die allein auf Aufmerksamkeit fokussierte Technologie durch verhaltenswissenschaftlich fundierte Interventionen zu ergänzen. Es mag paradox klingen, aber gerade Nudges und Boosts helfen, in einer manipulativen Netzumgebung bei sich zu bleiben.

Nudges und Boosts stärken die Nutzer*innen im Netz

Nudges: Bereits mit kleinen Interventionen können Verhaltensweisen beeinflusst werden, ohne dass grundsätzliche Einstellungen berührt werden. Warum nicht vor dem Liken oder Retweeten eine Bestätigung einholen und damit die schnelle Weiterverbreitung unterbrechen? Warum nicht bestimmte Voreinstellungen ändern und damit eine andere Ausgangssituation schaffen oder Nutzer*innen mit regelmäßigen Pop ups beispielsweise zu ermahnen, skeptisch zu bleiben? Prof. Hertwig bezeichnet Nudges als leichte Stupser, die Menschen helfen, Trägheit zu überwinden oder Information vor der Weiterverbreitung noch mal zu überdenken.

Boosts: Das Menschenbild, das hinter Boosts steht, ist etwas anders. Hier sollen Menschen mit Transparenz gestärkt werden, Nachrichten richtig einzuschätzen. Die Technik bietet weiterführende Informationen zum Thema an oder macht die hinter dem jeweiligen Tweet liegende Kaskade deutlich: Wer hat wann retweetet, über welche Pfad hat sich die Nachricht verbreitet? Die EU favorisiert die Entwicklung von Boosts. Harte Gegensätze sind die beiden Interventionsmöglichkeiten der Nudges und der Boosts aber nicht. Und für beide Ansätze gilt, dass sie nur solche Nutzer*innen erreichen, die gewillt sind, ihr Verhalten im Netz zu hinterfragen

Fazit

Es gibt technische Möglichkeiten, den Algorithmen der großen, das Internet beherrschenden Anbieter*innen etwas entgegenzusetzen. Man muss sich der gewinnorientierten und äußerst persuasiven Technologie nicht schutzlos ausliefern und kann Nudges und Boosts in diesem Zusammenhang als Unterstützung begreifen und nutzen.

Im an den Vortrag anschließenden Q&A kam auch die Frage nach einer von der EU finanzierten europäischen Plattform auf. Auch solche Alternativen sollten im Gespräch bleiben.

Die Veranstaltung gibt es hier zum Nachschauen.