Neue Speichertechniken oder neue Geschäftsmodelle? Was Innovation treibt

Was passiert eigentlich, wenn Datenspeicherung relevante Kosten verursacht? Vermutlich Innovation! Ein Beispiel stellen Gerome Wolf und Christian Hammel vor.

Die EDV-Presse meldet aktuell langsamer sinkende Festplattenpreise und steigende Preise für Halbleiterspeicher und gibt durchaus kontrovers Einschätzungen, was das zu bedeuten habe.

In Anbetracht sich strukturell verändernder Produktionsbedingungen einer Industrie- hin zu einer Wissensgesellschaft kommt einem zentralen Rohstoff, „Daten“, eine besondere Rolle zu, der vor allem von einigen wenigen digitalen Dienstleistern (z.B. den GAFA = Google, Amazon, Facebook, Apple) gesammelt und verarbeitet wird. Aber auch private Haushalte und kleine-mittelständische Firmen richten ihr Nutzungsverhalten an der Verfügbarkeit dieser Ressource aus und gehen dazu über, auf Daten basierte, informierte Entscheidungen zu treffen.

Wir haben uns die Entwicklung der Preise von Datenspeichern und die Entwicklung der zu speichernden Datenmengen angesehen. In der Abbildung sind exemplarisch Preise für Festplattenspeicher (1) und das Volumen zu speichernder Daten (2) dargestellt. Die Abbildung zeigt die zeitliche Entwicklung von Datenspeicherkosten auf der linken Achse. Diese sind seit 2012 im Durchschnitt um 15% pro Jahr gefallen. Die seit 2012 weltweit jährlich entstandenen Datenmengen sind im Durchschnitt um 32% pro Jahr gestiegen. Die Hochrechnung unter Annahme dieser Entwicklungsraten bis 2025 (3) zeigt deutlich, dass sich da etwas auseinanderentwickelt: Bis 2025 wäre ein jährliches Volumen von 175 Zetabytes, also einem Faktor 27 im Vergleich zu 2012, zu erwarten, was in Relation zum Preisrückgang der Speicherkosten um einen Faktor von „nur“ 17 fast explosionsartig wirkt.

Die Kosten (inkl. Energie- und Wartungskosten) für Cloud-Speicher (US$/GB) sind schon heute auf ähnlichem Niveau wie die Kosten von verfügbarer Hardware ohne Energie- und Wartungskosten (4). Wir rechnen deshalb nicht unbedingt damit, dass reale Effizienzgewinne durch bessere Datenorganisation und effizientere Nutzung der Speicher, z.B. durch intelligente Kompression oder höhere „Füllstände“ erzielt werden können, da Cloud-Rechenzentren bereits sehr effizient sind und weitere Steigerungen die Komplexität der Verarbeitung erhöhen. Das langsamer werdende Sinken der Festplattenpreise lässt auch nicht erwarten, dass man diese beliebig billig herstellen kann (wenngleich die Tendenz der beobachteten Preise dem erwarteten Verhalten in einem perfekten Wettbewerbsmarkt entspricht) und die Preise für nichtflüchtige Halbleiterspeicher immer noch deutlich höher sind als die der (magnetischen) Festplatten.

Geht uns also der Speicherplatz aus? Wohl kaum! Was ist zu erwarten? Vermutlich Innovation. Also neue oder verbesserte Speichertechnologien oder neue Geschäftsmodelle wegen real steigender Speicherpreise (inkl. Nutzungskosten). Vielleicht auch beides.

Mechanische Speicher (auf dem Markt z.B. als Drehorgel (5) mindestens seit Anfang des 18. Jahrhunderts) wurden als Datenspeicher wohl mit den letzten Lochstreifen abgeschafft, zählt man CDs und DVDs dazu, sind sie gerade erst am Verschwinden. Magnetische Speicher gibt es als Tonband seit 1899 (6) und man hat es immer wieder geschafft, die Speicherdichte zu erhöhen und die Fertigung zu verbilligen. Sie sind heute immer noch das Rückgrat der Datenspeicherung und werden nach wie vor weiterentwickelt. Halbleiterspeicher sind erst seit den 1970ern am Markt (7). Da darf man erst recht erwarten, dass wir noch einiges sehen werden, was wir heute für sehr ambitioniert halten.

Wenn neue Technologie den Bedarfsanstieg nicht voll kompensiert, ist zu erwarten, dass Innovation zu geänderten Geschäftsmodellen führt, weil das Speichern von Daten sich dann von „kostet so gut wie nichts“ zu einem relevanten Kostenfaktor entwickelt. Das stellt das wahllose Sammeln und Speichern von Daten als vorsorgliches Verhalten ohne konkrete Verwendung in Frage. Eine Prognose, ob das quasi durch die Hintertür zu der gesellschaftlich erwünschten Datensparsamkeit und privacy führt, oder ob die Unternehmen der Datenökonomie beginnen, ihre gesammelten Datenfriedhöfe produktiver zu nutzen, wäre allerdings reine Spekulation.


(1) McCallum, John C., National University of Singapore
(2) IDC, Seagate, Statista
(3) Schätzung basierend auf einem trend-stationären autoregressivem Model mit einem Lag und Drift, Regressionskoeffizient = -0,67 (p-Wert = 0,00064)
(4) https://aws.amazon.com/de/s3/pricing/
(5) https://de.wikipedia.org/wiki/Drehorgel
(6) https://de.wikipedia.org/wiki/Tonband
(7) https://de.wikipedia.org/wiki/Halbleiterspeicher