„Mit digitalen Tools können die Museen neue Zielgruppen erreichen“

Edmundo Galindo arbeitet seit Juli 2018 bei uns und hat im Februar eine Zusatzausbildung zum Bachelor of Arts in der Fachrichtung Interface Designer an der Fachhochschule Potsdam abgeschlossen. In seiner Abschlussarbeit zeigt er am Beispiel des Náhuatl-Schriftsystems, wie digitale Technologien den Museumsbesuch im 21. Jahrhundert bereichern können. Seine Vorschläge sind natürlich auch auf andere kulturelle Zeugnisse übertragbar.

Edmundo, bevor wir über die Digitalisierung der überlieferten Quellen sprechen, solltest Du uns das Náhuatl-Schiftsystem und die damit gestalteten Codizes kurz vorstellen.

Edmundo: Die Hochkulturen Mittel- und Nordamerikas haben schriftliche Zeugnisse hinterlassen. Diese präkolumbischen Kodizes bestehen aus Texten zu Astrologie, Literatur, Architektur und anderen Bereichen, die für die Wissenschaft von großem Wert sind und ein wichtiges kulturelles Erbe darstellen. Damals wie heute werden Kulturgüter durch Krieg, Eroberungen, Raub oder Naturkatastrophen unwiderruflich zerstört. Azteken- und Maya-Almanache und -Kodizes wurden durch die spanische Eroberung fast komplett vernichtet, um die kulturelle Identität auszulöschen und durch spanische Kultur und Sprache zu ersetzen.

Es existieren heute nur wenige komplette und eine Reihe von Bruchteilen weiterer Kodizes, die nur für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zugänglich sind. Sie befinden sich in Archiven, Bibliotheken, Museen und wissenschaftlichen Institutionen. Nur sehr selten sind Kodizes oder erhaltene Bruchstücke in Ausstellungen zu sehen.

Die Texte sind auf Hirschhaut oder Baumwollgewebe festgehalten, laufen oft über mehrere Meter, der längste überlieferte Kodize ist rund 18 Meter lang. Das Schriftsystem besteht aus sogenannten Glyphen, die nicht - wie wir es gewohnt sind - von links nach rechts und von oben nach unten geschrieben sind. Selbst wenn man mit den Zeichen und Symbolen vertraut ist, findet man sich also nicht leicht zurecht.


Was hast Du gemacht?

Edmundo: Zunächst einmal ist es natürlich wichtig, die Schriftstücke in ihrer Länge und in ihrer Komplexität darzustellen. Ich habe hierzu einen 14 Meter langen Monitor genutzt, auf dem ein digitalisierter Kodize zu sehen ist. Ein von mir entworfenes Interface hilft Besucherinnen und Besuchern dabei, sich den Kodize selbst zu erschließen. Im analogen Museum wären neben dem Exponat Informationen wie der Titel, die Entstehungszeit und der Fundort angebracht. Vielleicht ist es möglich, über einen Audioguide noch ein paar Informationen zusätzlich abzurufen. Digitale Exponate können viel mehr leisten. Dafür habe ich das Interfacedesign nicht nur für eine Wandinstallation mit Objekterkennung konzipiert, sondern auch ein Multitouch-Table Designkonzept erstellt und in ein Prototyp implementiert.

Hier kann man unbegrenzt Imageansichten abrufen: Digitalisate von Einzelabschnitten des Originalexponats aus dem British Museum wurden von mir hierzu aufbereitet und verknüpft.Das entstandene digitale Duplikat erlaubt, auch Detailansichten des Kodizes originalgetreu in verschiedenen Größen anzuschauen, zu drehen und zu bewegen. Overlays bieten umfangreiche oder versteckte Informationen über mehrere Ebenen an. Für unterschiedliche Zielgruppen werden personalisierte Sichten und Darstellungsformen angeboten. Es gibt Input- und Output-Tools, die geteilt, ergänzt, gespeichert und für eigene Zwecke nachhaltig studiert werden können.

Die Interaktion mit den Objekten regt die individuelle Auseinandersetzung und den Wissenserwerb an. Jeder kann selbst entscheiden, ob er sich oberflächlich oder eingehend mit dem Exponat beschäftigen möchte. Gamification als Werkzeug ist hier richtig am Platz, denn durch die Interaktion wird nicht nur Interesse geweckt, sondern auch der Informationsgewinn und die Besucheranbindung an die Museen verstärkt.

 

Was Du für die Kodizes entwickelt hast, könnte man sicher auf viele Quellenzeugnissen übertragen, die heute in Archiven lagern. Aber was bedeutet das für die Museen? Wenn die Exponate digital vorliegen, braucht man dann noch Museen?

Edmundo: Die Museen werden anders, aber sie werden ganz sicher nicht überflüssig! Viele Museen haben längst ihr Selbstverständnis weiterentwickelt. Sie verstehen sich nicht mehr ausschließlich als Orte, an denen historisch oder künstlerisch wertvolle Exponate ausgestellt werden. Sie haben sich geöffnet, wollen möglichst vielfältige Zugänge zu ihren Themen und Sammlungen bieten und sich so auf die unterschiedlichen Informationsbedürfnisse ihrer Besucherinnen und Besucher einstellen. Das finde ich toll. Ich bin auch davon überzeugt, dass gerade diese Öffnung sehr viele Chancen bringt, neue Zielgruppen zu erreichen und unsere Gesellschaft partizipativer zu machen.

Ja, digitaler Wandel ist teuer, Investitionen sind nötig und können angesichts des rasanten technologischen Wandels als Fass ohne Boden betrachtet werden. Allerdings haben viele Museen bereits erkannt, welches Potential in digitalen Technologien und Methoden für ihre Arbeit steckt. Die Aufgabe besteht eher darin, Kulturinstitutionen dazu zu befähigen, die für sie passenden technologischen Lösungen zu identifizieren und nachhaltig einzusetzen. Bei meiner Arbeit im Projekt kulturBdigital stand genau das im Fokus: Gemeinsam mit zahlreichen Kulturakteuren haben wir in Workshops verschiedene Einsatzszenarien für digitale Tools ausgelotet, Probleme bei der Umsetzung analysiert und Ideen für digitale Angebote entwickelt. Dieser Dialog auf Augenhöhe war auch für mich als Interface Designer extrem lehrreich: Ich konnte ein breites Spektrum an Sammlungen kennenlernen und erfahren, wie Museen im Innern arbeiten. Der Weg in die digitale Zukunft von Museen ist für mich ganz klar interdisziplinär.

Das ausführliche Interview mit Edmundo Galindo, in dem er seine digitalen Tools genauer vorstellt, finden Sie hier.