„Kommunen beginnen, ihre Rolle im Digitalisierungsprozess zu definieren“

Interview mit Nicolas Zimmer zum Stand der Digitalisierung und den damit verbundenen Herausforderungen

Gesundheitssektor, Automobilindustrie – jetzt wurde auch ein Online-Rechtsdienstleister zugelassen. Beim Rückblick auf das Jahr 2019 überrascht das Tempo, mit dem sich die Digitalisierung vollzieht. Teilst Du diesen Eindruck?

Nicolas Zimmer: Die Digitalisierung ist ein umfassender Prozess, der sich mit der Zeit beschleunigt und immer weitere Lebensbereiche erfasst. Mit der Entwicklung hat sich auch die Diskussion verändert, was ich gut finde. Es wird nicht mehr so viel darüber diskutiert, ob die Digitalisierung gewünscht ist. Stattdessen ist der Fokus jetzt darauf gerichtet, wie wir die Digitalisierung organisieren wollen. Und damit sind endlich die richtigen Themen auf dem Tisch.

Mittlerweile ist es ja fast ein Gemeinplatz, dafür zu plädieren, die Digitalisierung nicht ein paar amerikanischen Unternehmen zu überlassen, bei denen alle Daten landen und die dann entscheiden, welche Leistungen sie anbieten wollen. Insbesondere haben die Kommunen begonnen, ihre Rolle im Digitalisierungsprozess zu definieren. In dieser Hinsicht hat 2019 viel gebracht.

Welche Rolle siehst Du für die Kommunen?

Nicolas Zimmer: Für die Kommunen geht es um einen darum, die Verwaltungen fit zu machen und die Kommunikation mit den Bürgerinnen und Bürger zu modernisieren. Es ist ja nicht zu vermitteln, weshalb man große Summen online transferieren kann, für die meisten Bescheinigungen aber immer noch aufs Amt muss. Vor dem Hintergrund, dass es bald auch personell sehr schwierig für die Kommunen wird, weil die geburtenstarken Jahrgänge ausscheiden, ist die Digitalisierung der Verwaltungsprozesse doppelt sinnvoll.

Ich freue mich sehr, dass wir mit dem CityLAB am Platz der Luftbrücke, das wir mit einer Zuwendung der Senatskanzlei unterhalten, einen Ort installieren konnten, an dem solche Digitalisierungsprozesse definiert und entwickelt werden. Der Bedarf ist da. Das merkt man an der sehr lebhaften Resonanz. Das LAB hat sich innerhalb eines halben Jahres fest etabliert und ich bin mir sicher, dass wir aus dem CityLAB heraus im nächsten Jahr einige interessante Impulse setzen werden.

Du siehst die Digitalisierung der Verwaltungsprozesse aber nur als einen Aspekt?

Nicolas Zimmer: Ja, die Kommunen müssen darüber hinaus grundsätzlich überdenken, welche Rolle sie im weiteren Digitalisierungsprozess spielen wollen. Sie verfügen über wertvolle Daten zu unserem Zusammenleben. Berlin verfolgt eine Open Data-Strategie, stellt die Daten offen und eröffnet damit Möglichkeiten, beispielsweise für mehr Beteiligung der Stadtgesellschaft und für junge Startups, die mit den Daten neue Dienstleistungen entwickeln können. Unser Ideation & Prototyping Lab, das wir in der Stiftung vor gut zwei Jahren gegründet haben, zeigt immer wieder mit Projekten, was man alles aus den Daten machen kann.

Die Städte und Kommunen dürfen aber nicht nur abwarten, dass Initiativen und Unternehmen etwas aus den Daten machen. Sie müssen die Vernetzung vorantreiben und am Gemeinwohl orientierte Projekte entwickeln. Wir werden im 1. Quartal 2020 eine Studie herausbringen, die zeigt, was möglich ist, wenn man Kieze stärker vernetzt und Gebäudedaten nutzt, um effizienter mit Strom und Wärme umzugehen. Warum nicht die Abwärme aus dem Rechenzentrum im Nachbarhaus für die Warmwasserversorgung nutzen etc.?

Vertraut man darauf, dass die Versorgungsunternehmen solche Projekte von sich aus auf den Weg bringen? Organisiert man als Kommune selbst eine Plattform, über die die Vernetzung geschieht? Beauftragt man einen Dienstleister? Auf solche Fragen brauchen wir Antworten. Kurz: Es müssen Betreibermodelle für die Versorgungsnetze her. Ebenfalls sinnvoll ist eine gezielte Förderung von informellen Strukturen und Prototypen. Für die Senatsverwaltung für Kultur und Europa arbeiten wir im Projekt kulturBdigital an solchen Angeboten. Auch so kann die weitere Vernetzung, die wir brauchen, von den Kommunen vorangetrieben werden.

Ich glaube, 2019 ist das Bewusstsein für die Aufgabe bei den Städten und Kommunen gewachsen und ich bin sehr gespannt, wie sich die Diskussion im nächsten Jahr weiterentwickeln wird.

Auch im Bildungsbereich tut sich einiges. Was erwartet Du hier in der Zukunft?

Nicolas Zimmer: Tatsächlich hat sich die Diskussion in den letzten Jahren gewandelt: Kaum jemand bezweifelt noch, dass es sinnvoll ist, Kindern und Jugendlichen digitale Kompetenzen zu vermitteln. Sie werden in einer Welt leben, die mit den neuen Technologien organisiert und weiterentwickelt wird. Wer in dieser Zukunft erfolgreich sein will, muss unbedingt die entsprechenden Kenntnisse erwerben, zum Beispiel selbst kleine Codes schreiben können.

Ich glaube, mit Angeboten wie der Hacking Box und unseren offenen Werkstätten, die wir regelmäßig im CityLAB anbieten, liegen wir richtig, weil wir zeigen, wie man ganz praktisch digitale Kenntnisse vermitteln kann. Der Bedarf an solchen Vermittlungsangeboten ist riesig. Die Resonanz auf unsere Angebote ist immer wieder sehr positiv. Das verstehen wir als Ansporn, dran zu bleiben.