„Innovationen sind in den wenigsten Fällen shiny“

Am 01.03. hatte die Wirtschaftsgeografin Anett Kuntosch ihren ersten Arbeitstag bei uns im Bereich Innovation Policies and Research. Etwas mehr als zwei Wochen blieben ihr, um sich zu orientieren und ihre erste Aufgabe anzugehen, die Erstellung einer Studie zum Thema Datenökonomie. Dann kam der Shutdown. Wie sie das erlebt hat und wie sie sich trotzdem ins Thema eingefunden hat, erzählt Anett im Interview.

Bei uns gehörte mobiles Arbeiten bereits vor Corona zum Arbeitsalltag, dennoch mussten sich alle in die neue Situation erst mal einfinden. Du konntest auf keine Routine zurückgreifen. Wie hast Du das Ganze erlebt?

Anett: Es war schon schwierig. Gerade wenn man sich irgendwo einleben will, sind ja nicht nur Fakten wichtig. Oft spürt man Stimmungen oder bekommt im Büro automatisch Dinge mit, die gar nicht groß thematisiert werden, aber helfen, sich zu orientieren. Das alles gab es im Shutdown nicht.

Mein Team hat toll reagiert: Wir sehen uns an jedem Arbeitstag um 11 Uhr per Videokonferenz. Die Treffen finden auch dann statt, wenn nicht unbedingt ein großes Thema anliegt. Dieser tägliche Austausch ist für mich sehr hilfreich und bringt neue Ideen und Impulse. Dennoch: Ich freue mich sehr, dass ich jetzt seit einiger Zeit auch wieder regelmäßig ins Büro kommen kann und nutze das sehr gerne!

Auch die Interviews für die Studie, an der ich arbeite, würde ich gerne bei persönlichen Begegnungen machen – gerade weil das Thema „Datenökonomie“, mit dem ich mich beschäftige, abstrakt ist und wir oft über komplexe Prozesse sprechen. Wenn man an einem Tisch sitzt, greifen die Interviewten auch mal zum Stift und skizzieren etwas oder das Gespräch schweift ab und dann erweist sich die Abschweifung als interessante Ergänzung. Darauf muss ich jetzt meistens verzichten, Telefoninterviews  funktionieren anders. - Aber ich habe mich gut eingefunden und bereits einige sehr interessante Experteninterviews geführt.


Was genau untersuchst Du denn?
 
Anett: Im Prinzip schaue ich mir an, wie man Daten sinnvoll nutzen kann, beispielsweise im Rahmen von datengetriebenen Geschäftsmodellen. Das schließt das Sammeln, Auswerten und Analysieren sowie die Nutzung von Daten zur Lösung von konkreten Problemen ein. Insbesondere schaue ich, wie Rahmenbedingungen gestaltet sein müssen, damit sie die Datenökonomie sinnvoll unterstützen können.
 
Im diesem Zusammenhang komme ich praktisch mit allen Themen in Berührung, die zurzeit prominent diskutiert werden: von der Datensicherheit und der Digitalen- sowie Datensouveränität – also eher rechtliche, administrative Aspekten – bis zu technischen Fragen und Datengovernance  auf allen Ebenen: von der EU bis zum Einzelunternehmen.

Dabei begreife ich Daten nicht  als das „neue Öl“ oder einen „Rohstoff“, wie es manchmal heißt. Daten sind eher als mitbestimmender Faktor im Produktionsprozess zu sehen:  immer wieder neu kombiniert können sie zur Lösung unterschiedlichster Probleme beitragen – was das Ganze noch vielschichtiger macht. Außerdem ist das Thema branchenübergreifend. Von der Nutzung von Daten zur Verbesserung von Prozessen, beispielsweise in der Medizin, über Plattformen zum Data Sharing bis zum  Datenhandel findet sich alles unter dem Thema Datenökonomie.


Du bist von Haus aus Wirtschaftsgeografin. Hast Du Dir solche Themen vorgestellt, als Dich für das Fach entschieden hast?

Anett: Ich habe mir das Fach tatsächlich ausgesucht, weil es thematisch umfassend ist. Als Wirtschaftsgeografin muss ich agil sein, mich schnell in übergreifende Themen einarbeiten, die übrigens in der Nahsicht dann ganz schnell sehr konkret werden. Das sieht man auch beim Thema Datenökonomie: Innovationen sollten, wenn sie sich erfolgreich durchsetzen wollen, ganz konkrete Probleme lösen. Das ist in den wenigsten Fällen „shiny“: In der Praxis sind Innovationen selten wirklich disruptiv. Oftmals geht es eher um schrittweise Verbesserungen, beispielsweise in Prozessen.  


Lag Dein Fokus als Wirtschaftsgeografin immer schon auf dem Thema Innovation?

Anett: Ja, Innovationen beschäftigen mich seit dem Studium. Wie kann man Innovationsprozesse fördern? Wie kann man sie nachhaltiger gestalten? Mit solchen Fragen habe ich mich in der Vergangenheit beschäftigt, habe mir Innovationsprozesse und deren Rahmenbedingungen auch in anderen Regionen der Welt angesehen, in der Möbelindustrie in Hickory/North Carolina, im Landmanagement in Berlin/ Brandenburg und in der afrikanischen Landwirtschaft.

Die Rahmenbedingungen und Kontexte sind natürlich ganz unterschiedlich. Aber letztlich bleibt völlig unabhängig davon eine Grundkonstante: Innovation ist nicht planbar und der Erfolg ist keineswegs sicher. Die menschliche Natur und der Zufall, zur richtigen Zeit eine gute Idee voranzubringen, spielen eine große Rolle.