„Ich hoffe, dass die Digitalisierung einen Schub erhalten wird“

„Zuhause bleiben“ ist das Gebot der Stunde. Wo direkte persönliche Begegnungen wegfallen, wird das Digitale noch wichtiger. Selbst Skeptiker*innen sind jetzt bereit, über eine weitere Vernetzung und digitale Tools nachzudenken. Wird Corona einen Modernisierungsschub bringen oder werden die meisten schnell wieder zur Tagesordnung übergehen, wenn das Schlimmste überstanden ist? Ein Interview mit Nicolas Zimmer, Vorstandsvorsitzender der Technologiestiftung Berlin.

Seit der Ansprache der Bundeskanzlerin Mitte März dürfte sich der Anteil derjenigen, die zuhause arbeiten, erheblich erhöht haben. Viele sind dankbar für dieses Privileg. Der Alltag im Homeoffice ist aber oft auch anstrengend - gerade auch, wenn Kinder zu betreuen sind. Es wird viel improvisiert. Glaubst du, dass die jetzt entstehenden Lösungen Bestand haben werden?

Nicolas Zimmer: Ich finde es verständlich, dass zunächst darüber nachgedacht wird, wie man wichtige analoge Prozesse jetzt schnell digitalisieren kann: Wie kann man den Mitarbeiter*innen den Zugang zu Dokumenten von zuhause ermöglichen? Wie richtet man Videokonferenz aus? Es gibt eine Menge Einrichtungen und Unternehmen, in denen VPN-Tunnel, Videokonferenzen und Arbeitsplattformen in der Cloud schon vor Corona genutzt wurden, viele müssen sich solche Themen jetzt aber auch unter Zeitdruck erarbeiten. Das ist vielleicht manchmal mühsam, aber es war sowieso höchste Zeit.

Digitalisierung bedeutet aber eigentlich mehr. Sie verändert die Kultur im Betrieb oder in der Behörde - und damit auch viele Prozesse: Dinge zu dokumentieren wird einfacher, Prozesse werden transparenter, Kommunikation wird schneller. Ich bin davon überzeugt, dass die Digitalisierung ihren eigenen Sog erzeugt, wenn sie erst mal ihren Anfang genommen hat. Ich hoffe, dass die Lösungen, die jetzt erarbeitet werden, in diesem Sinne etwas verändern werden und die Digitalisierung einen Schub erhalten wird - in der Wirtschaft, aber auch in der Verwaltung, die hier erheblichen Nachholbedarf hat.


Besonders viel wird zurzeit über das Bildungssystem und die dort dringend notwendige Digitalisierung gesprochen. Die Technologiestiftung engagiert sich seit Jahren in diesem Bereich. Wie schätzt du die Situation ein?

Nicolas Zimmer: Die Digitalisierung unserer Infrastruktur muss insgesamt entschiedener angegangen werden. Aber der Bildungsbereich ist tatsächlich wegen der Schulschließungen besonders stark unter Druck. Dabei sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Schulen beträchtlich. Es gibt Schulen, an denen die schulische Begleitung der Kinder und Jugendlichen gut läuft und es gibt Schulen, an denen das gar nicht funktioniert – beispielsweise, weil zuhause kein Zugang zu Computern gegeben ist oder weil Lehrer*innen mit der Situation nicht zurechtkommen. Da muss sich dringend was ändern.

Bisher läuft im Schulbereich viel auf freiwilliger Basis. Wir haben ganz aktuell, Anfang März, mit der EduTechMap eine Übersicht über das Angebot in unserer Region online gestellt. Ich hoffe, dass unsere Seite interessierten Lehrer*innen und Eltern Anregungen geben kann. Ich glaube aber, perspektivisch muss digitale Bildung eine viel größere Rolle erhalten als das heute der Fall ist – übrigens nicht nur, damit Kommunikation und Abläufe in den Schulen effizienter und besser werden, sondern auch, weil digitales Wissen für unsere Kinder einfach immer wichtiger wird.

Was nach meinem Eindruck noch stärker unterrepräsentiert ist, ist die vorschulische Bildung in Zeiten geschlossener Kitas.


Viele befürchten, dass mit dem Druck zur Digitalisierung wichtige Werte wie beispielsweise der Datenschutz in den Hintergrund gedrängt werden. Wie siehst Du das?

Nicolas Zimmer: Ich kann verstehen, wie sich solche Bedenken entwickeln. Das Tracken von Menschen, das jetzt diskutiert wird, um die Ausbreitung des Virus mit einer App einzudämmen, beispielsweise berührt Persönlichkeitsrechte. Trotzdem werden viele Menschen die App vermutlich nutzen: weil sie sich und andere schützen wollen und weil die App das tatsächlich erleichtern wird.

Ich glaube, wir alle sollten weiter über Datenspenden nachdenken, die allen zugutekommen. Auch das ist ein Thema, mit dem sich die Technologiestiftung seit Jahren beschäftigt. Anonymisierte Daten offenzulegen und mit anderen zu teilen, also Open Data, um daraus neue Erkenntnisse oder neue Dienstleistungen für das Allgemeinwohl zu entwickeln, ist an vielen Stellen sinnvoll. Das jetzt zur Diskussion stehende Tracking gehört für mich dazu und trotz des Zeitdrucks sollten wichtige Fragen nicht aus den Augen verloren werden. Was machen eigentlich Menschen, die keine digitalen Endgeräte nutzen können? Wie beziehen wir diese in unsere Konzepte zur Infektionsbekämpfung ein?