Gesamte Gebäudedaten auf einen Blick: „EnergyMap Berlin“

Mit dem Report Das Intelligente Quartier, der sich mit der datentechnischen Vernetzung ganzer Stadtquartiere beschäftigt, haben wir im letzten Jahr ein Zukunftsthema der digitalen Stadtentwicklung aufgegriffen. Dort konnten wir zeigen, welche Daten die Gebäude liefern und wie man über diese Daten beispielsweise die Energie- und Wasserversorgung effizienter steuern kann. Doch die Daten der Gebäude und ihrer Umgebung sind noch weitgehend unerschlossenen. Das möchte das Forschungsprojekt EnergyMap ändern.

EnergyMap Berlin möchte nicht weniger, als den Wärmeverbrauch des gesamten Berliner Gebäudebestandes kartieren. In einer datenbankgestützten Multi-User-/Multi-Source-Applikation soll, unter Einbeziehung einer Online-Plattform, ein gebäudescharfes digitales Wärmekataster für Berlin entstehen. Geplant ist, eine maximal transparente Datengrundlage zum aktuellen räumlich differenzierten energetischen Zustand des Gebäudebestands der Stadt zu schaffen, die allen gesellschaftlichen Akteuren der Energiewende als Planungsgrundlage frei zur Verfügung stehen wird. Mit den Projektpartnern Prof. Dr. -Ing. Christoph Nytsch-Geusen von der Universität der Künste Berlin und Jörg Zander vom Umwelt- und Naturschutz Charlottenburg-Wilmersdorf habe ich im Mai 2021 über das Projekt gesprochen.

Die „EnergyMap Berlin“ ist ein Projekt, dass die Energieverbräuche von Berlin gebäudescharf auf einer Online-Plattform als ein sogenanntes Wärmekataster erfassen möchte. Was ist das Ziel dieses Projektes?

Die Datenlage der Energieverbräuche von Berliner Gebäuden ist bekanntermaßen dürftig oder schlecht aufbereitet. Das soll mit diesem Projekt geändert werden. Anders als bei anderen Plattformen sollen hier theoretische Berechnungswerte und reale Wärmeverbrauchswerte für alle Gebäude der ganzen Stadt transparent und vergleichbar vereint werden. Es soll eine valide Datenbasis in Form eines flächendeckenden gebäudescharfen Wärmekatasters entstehen, welche die Grundlage für eine strategische Stadt- und Klimaschutzplanung mit einem CO2-neutralen Gebäudebestand bildet.

Ein Kernstück von EnergyMap Berli“ ist die Mierendorff-Insel. Wir haben schon seit Jahren von Projekten zur Nachhaltigkeit in diesem Areal gehört, warum kommt jetzt dieses Projekt?

Die langjährige Projektarbeit im Quartier hat zu vielen erfolgreichen Vorhaben mit starker Bewohnerbeteiligung geführt, im Bereich Mobilität, bei der Klimafolgenanpassung u.a. Wir sind als Bezirk aber auch steckengeblieben mit dem Vorhaben, möglichst viele Gebäudeeigentümer für energetische Sanierungen ihrer Häuser und die grundsätzliche Modernisierung der Wärmeversorgung im Quartier zu gewinnen. Wir haben lernen müssen, dass es dazu auch solcher Instrumente wie eines Wärmekatasters und einer kommunalen Wärmeplanung bedarf, die nicht eben einfach zu schaffen sind. Mittlerweile kennen wir das Quartier aber auch sehr gut und wollen das Areal, für dessen ca. 600 Gebäude mit Unterstützung vieler Akteure in EnergyMap zuerst ein Quartiers-Wärmekataster aufgebaut wird, als Labor und Blaupause für die gesamte Stadt Berlin nutzen, welche ca. 360.000 Gebäude umfasst.

Bei allen datengetriebenen Projekten, die Daten auf einer Plattform sammeln, gibt es ähnliche Hürden. Woher kommen die Daten, wer kümmert sich um die Pflege und wie ist der Datenschutz geregelt? Wie werden sie diese Herausforderungen meistern?

Diese Fragen sind in der Tat entscheidend. Beim Zugang zu den Daten setzen wir auf ein Zusammenführen der verschiedenen bereits jetzt öffentlichen oder in nächster Zeit zugänglich werdenden Datenquellen, auf die Zusammenarbeit mit der Wohnungswirtschaft und den Versorgern GASAG und Vattenfall Wärme, nicht zuletzt auf das Crowd Sourcing, also die Mitarbeit vieler Bewohner und Mieter, die bereit sind ihre anonymisierten Wärmeverbrauchsdaten beizusteuern. Dabei gilt es auch größere Hürden zu meistern, etwa bei Daten zum Wärmebedarf von Gewerbegebäuden. Aber wir sind zuversichtlich. Auf der Mierendorff-Insel kennen wir schon von ca. 15% der Gebäude die realen Wärmeverbräuche, und das vor Projektstart und bevor wir dort intensiv um die Datenbereitstellung geworben haben. Und EnergyMap Berlin ist so angelegt, dass wir mit Modellrechnungen die Lücken schließen bei den Gebäuden, zu denen uns keine echten Verbrauchsdaten vorliegen.

Letztendlich ist das Wärmekataster eine wachsende Datenbank, die dauerhaft gepflegt wird und in der reale Verbrauchsdaten wie berechnete Daten regelmäßig aktualisiert werden müssen.

Das alles ist herausfordernd, aber wir haben in unserem Projekt sechs volle Stellen und weitere Kapazitäten eingeplant, die die Expertise der Projektpartner ergänzen und „auf die Straße bringen“ werden. Datenschutz ist dabei eines der Aufgabenpakete, das sich durch das gesamt Projekt zieht; ohne ihn wird es kein Wärmekataster geben.

Das Projekt steht in den Startlöchern für eine BMWi-Förderung von über 1,6 Mio. Euro. Was war das ausschlaggebende Kriterium für die Förderung?

Zwei Punkte waren ausschlaggebend. Zum einen der innovative Ansatz, der allen Bürgern, Gebäudebesitzern, Unternehmen und der öffentlichen Hand eine Beteiligung ermöglicht und einen Nutzen bringt. Zum anderen die technische Umsetzung, die darauf abzielt, sowohl modellierte Referenzdaten als auch echte Verbrauchsdaten bereitzustellen und diese sinnvoll miteinander zu verknüpfen.

Viele Projekte wurden dank EU- oder Bundes-Förderungen verwirklicht. Leider wurden die meisten Projekte nach Ablauf des Förderzeitraumes nicht in den Regelbetrieb überführt. Ihre Förderung wird über 36 Monate laufen, was passiert danach?

Derzeit haben wir dafür schon einige Ideen entwickelt. Wir könnten uns zum Beispiel    eine Übernahme der EnergyMap Berlin durch die öffentliche Hand vorstellen. Das könnte eventuell in Form einer digitalen Applikation erfolgen oder durch eine Verknüpfung mit dem Berliner Energieatlas. Auch denkbar wäre ein Dienstleister, der für die Stadt die Plattform betreibt. Im Laufe des Projektes werden wir zusammen mit unserem Expertenbeirat weitere Vorschläge für die Zukunft der EnergyMap Berlin ausarbeiten.