Frau Luna und der Mann im Mond

„The Eagle has landed“, lautete der Funkspruch der Apollo 11-Besatzung in der Nacht vom 20. auf den 21. Juli 1969. Und als Neil Armstrong mit den legendären Worten „Ein kleiner Schritt für einen Menschen aber ein großer Sprung für die Menschheit“ exakt um 3:56 MEZ seinen Fuß erstmals auf einen außerirdischen Himmelskörper setzte, hatten die USA den Wettlauf zum Mond gewonnen. Den hatte Präsident John F. Kennedy 1961 eingeleitet: „Wir haben entschieden zum Mond zu fliegen, nicht weil es einfach ist sondern schwierig“.

ESA-Generaldirektor Johann Dietrich Wörner, damals 15 Jahre alt, verfolgte die Landung am Fernsehen. „Ich war so aufgeregt und fasziniert davon, dass man wirklich Menschen auf den Mond schicken konnte.“ Astronaut Thomas Reiter wurde zum Ereignis von seinem Vater geweckt. Sie schauten sich das beim Nachbarn an, der einen Farbfernseher hatte, aber „die Übertragung war schemenhaft und in Schwarzweiß“. Dennoch war dieser Moment für ihn elektrisierend. „Unmittelbar danach wollte ich Astronaut werden“, so Reiter. Ganz anders erging es Ralf Jaumann, heute der Experte vom Institut für Planetenforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Berlin-Adlershof, wenn es um die Geologie außerirdischer Himmelskörper geht. Er lebte damals im Internat und wurde ins Bett geschickt. Fernsehen war verboten. Erst am nächsten Morgen erkannte der Direktor die Dimension und zog die Konsequenz. „Die Mondlandung hat mir schulfrei eingebracht, das fand ich gut“, resümiert Jaumann.

Danach war es für lange Zeit still um den Mond. Erst 2019 ist er wieder in den Fokus gerückt, Israel, Indien, China und Japan haben Mondmissionen, Amerika will in 5 Jahren auf dem Mond sein und auch Europa spielt mit. So rüstet sich das Berliner Startup PTScientists mit Lander und Rover für die Mondfahrt, „um dort wissenschaftliche Experimente durchzuführen“, betont Torsten Kriening. Geplant sei gemeinsam mit einem großen Mobilfunkanbieter der Aufbau eines LTE-Funknetzes auf dem Mond. „Wir nehmen Wissenschaft mit und wir ermöglichen Wissenschaft“, so Kriening, Finanzchef der PTScientists. „Gemeinsam mit der ESA wollen wir Wasser finden, als Basis für Leben auf dem Mond.“

Aber „back to the moon, das kommt für mich nicht in Frage“, sagt Johann-Dietrich Wörner, nicht im Wettlauf zum Mond fliegen, wie im Kalten Krieg vor 50 Jahren sei angesagt, sondern „vorwärts zum Mond, forward to the moon, mit privaten Initiativen, mit weltweiter Kooperation“. Wörners Vision ist die eines Moon Village. Frau Luna und der Mann im Mond sollen dauerhaft Besuch von der Erde bekommen. Aber „der Mond ist das Dorf, nicht ein einzelnes Dorf mit Einfamilienhäusern, einem Dorfgemeinschaftshaus, einer Kirche, einer Bar und einem Bestattungsunternehmen“, sagt Wörner. „Das nächste Mal gehen wir gemeinsam hin, nicht im Konflikt." Doch eine Kolonialisierung des Mondes findet er unsinnig. „Der Mond ist ein Ort für die Forschung, ein Ort der Technologieentwicklung, der Mond ist ein Ort für Zusammenarbeit, für Fantasie und Neugier aber der Mond ist kein dauerhafter Ort für Menschen.“ „Wir haben noch so viele Fragen über den Mond und wo er herkommt und warum wir einen Mond haben“, ergänzt Jaumann. „Ich würde auf dem Mond herumlaufen, um einige Fragen zu klären“. Zwar hätten die bisherigen Missionen viel Material für die Forschung zur Erde gebracht, das reiche ihm aber nicht, „das hat uns eigentlich erst so richtig Appetit auf den Mond gemacht“.

Aber wie sicher kann man sein, dass Menschen wirklich auf dort waren? 
„We never went to the Moon“, heißt Bill Kaysings Standardwerk für Verschwörungstheoretiker. Für die sind die Mondlandungen eine gigantische Inszenierung von Hollywood!

Er sei „100prozentig sicher“, sagt Thomas Reiter, die Landestellen habe er sehen können. Und ESA-Chef Wörner berichtet von einem Gespräch mit seinem NASA-Kollegen. Auf die eher scherzhafte Frage, ob sie denn wirklich da gewesen seien, antwortete dieser, dass es „viel teurer gewesen wäre, alle zum Schweigen zu bringen, die davon gewusst hätten“. Und Torsten Kriening ergänzt, dass sie mit der PTScientist-Mission zur Apollo17-Landestelle fliegen werden, um diese und die zurückgelassenen Gerätschaften wissenschaftlich zu untersuchen. „Wir wollen dort eine Brücke schlagen von der Vergangenheit der Menschen auf dem Mond hin zu einer gemeinsamen Zukunft der Menschen auf dem Mond.“

Reisen zum Mond haben die Menschheit schon seit Tausenden von Jahren beschäftigt. Mit der Göttin Selena – römisch Luna - ist der Erdtrabant Bestandteil der Mythologie, Lukian unternimmt als erster Autor eine Reise zum Mond und deren Bewohnern, den Seleniten, Jules Verne prägte seit dem 19. Jahrhundert den Traum vom Reisen zum Mond und Regisseur Fritz Lang startet 1929 mit 'Frau im Mond' eine filmische Reise dorthin. Wann wird es auch touristische Reisen zum Mond geben?

Das sei in überschaubarer Zukunft möglich, ist sich Ralf Jaumann sicher, wenn es eine Rakete gibt. „Das sind drei Tage hin, drei Tage zurück und fünf oder sechs Tage auf dem Mond“. Da könne man zum Beispiel gigantische Berge besteigen, schwärmt Jaumann. “Das ist das Gleiche wie vor 100 Jahren nach Amerika zu fahren“. Thomas Reiter ist weniger optimistisch. „Bis die technischen Voraussetzungen geschaffen sind, wird es noch ein Weilchen dauern.“ Er sei zwar von den Visionen eines Elon Musk (Tesla, SpaceX) beeindruckt, bald Touristen ins All und zum Mars zu bringen, seine Auftritte hätten „den Charakter, als wenn eine Rockband auftritt.“ Aber, so Reiter, „auch für einen Elon Musk gilt die Physik. Mit den heutigen Transportsystemen wird es schwer möglich sein, das geht nicht so schnell.“

Dennoch, die Betrachtung des Mondes weckt Fernweh, erinnert Thomas Reiter sich an seinen Aufenthalt auf der Internationalen Raumstation ISS. Er freut sich darauf, wenn auch europäische Astronauten zum Erdtrabanten fliegen, „auch wenn ich das selbst nicht mehr aktiv erleben werde“, glaubt der 61jährige. „Nicht dass du denkst, du bist aus der Pflicht raus“, wirft augenzwinkernd ESA-Chef Wörner ein, „für mich bist du immer noch ein Astronaut.“ Thomas Reiter sei schließlich noch viel jünger als NASA-Astronaut John Glenn, der mit 77 Jahren seinen letzten Flug absolvierte. 

Und so gilt, der Mond ist „ein tolles Ziel“ (Wörner), „erreichbar für die Zukunft“ (Kriening), und „ein Sprungbrett für die weitere Erkundung des Weltraums“ (Reiter). Aber auch „unabdingbar notwendig, damit ich auf der Erde sein kann“ (Jaumann).

Auf dem Podium waren:

  • Prof. Dr. Ralf Jaumann
    Abteilungsleitung Planetengeologie
    DLR-Institut für Planetenforschung, Berlin
  • Torsten Kriening
    Chief Commercial Officer
    PTScientists
  • Dr. h.c. Thomas Reiter
    Astronaut, Koordinator Internationale Agenturen & Berater des Generaldirektors
    European Space Agency
  • Prof. Dr.-Ing. Johann-Dietrich Wörner
    Generaldirektor
    European Space Agency, Paris

Der Treffpunkt WissensWerte ist eine Reihe der Technologiestiftung Berlin und Inforadio (rbb). Die Aufzeichnung der 102. Sendung fand am 03.06.2019 im Zeiss-Großplanetarium statt.

Der Treffpunkt WissensWerte wird gefördert durch die Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe und die Investitionsbank Berlin aus Mitteln des Landes Berlin.

Ein Blogbeitrag von Thomas Prinzler, Journalistenbureau.

Wiederholung der Sendung des Treffpunkt WissensWerte „Frau Luna und der Mann im Mond“ am Jahrestag der Mondlandung, 21.07.2019, um 09:22 Uhr und 13:22 Uhr, nachhörbar auf www.inforadio.de und in der ARD-Audiothek.