Flora - Von Göttinnen, Menschen und der Zerstörung der Natur

Ein Blogbeitrag zum 108. Treffpunkt WissensWerte von Thomas Prinzler

In der römischen Mythologie war Flora die Göttin der Blüte, die „hauchte Frühlingsrosen… aus ihrem Munde.“ (Ovid). Und auch viele Pflanzennamen klingen wie Poesie: Zimt-Erdbeere, Schokoladen-Kosmee und Kriechender Sellerie. Aber es sind doch nur die Namen für vergangene und vergehende Pflanzen dieser Welt. Allesamt stehen sie auf der Roten Liste der ausgestorbenen oder bedrohten Arten. Nach dem Bericht des Weltbiodiversitätsrates (IPBES) vom Mai 2019 sind in den kommenden Jahren und Jahrzehnten eine Million Arten vom Aussterben bedroht – Pflanzen wie Tiere. Immer schneller zerstört der Mensch seine eigentlichen Lebensgrundlagen, untergräbt die Kapazität der Natur, sich selber zu regenerieren. Was kostet uns der Verlust Natur? Und bleibt da noch Hoffnung?

„Es liegt ganz an uns“, betont Prof. Thomas Borsch, Direktor des Botanischen Gartens und Botanischen Museums Berlin. „Wir können nicht warten bis morgen oder übermorgen, die Zeit ist jetzt, etwas zu tun.“ Flora und Fauna verschwänden nicht komplett, diese würden sich dramatisch verändern, sagt Derk Ehlert, Wildtierexperte der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz. Doch wir müssen unsere, die menschliche Lebensgrundlage erhalten. „Die Kraft der Natur ist stark genug und sie hat Zeit, sich zu erholen, aber wir leben hier und wir nehmen unsere Lebensgrundlagen und wir leben nicht mehrere Millionen Jahre.“

„Wir brauchen den Blick für das Ganze,“ ergänzt Dr. Kirsten Thonike vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK) „also auch das Klima nicht losgelöst von unseren Lebensgrundlagen, vom Funktionieren der Ökosysteme betrachten.“

Es gibt das Konzept der planetaren Grenzen, der Belastungsgrenzen der Erde, maßgeblich entwickelt von Johan Rockström, dem jetzigen Chef des PIK und Hans-Joachim Schellnhuber, dem Gründungsdirektor. Da geht es um neun Bereiche, dazu gehören Klimakrise, Landnutzung und das Artensterben - und der letzte Bereich ist rot. „Wir sind auf einem gefährlichen Weg,“ warnt Thonike, „weil wir die Aussterberate so gesteigert haben, dass unsere Lebensgrundlage, die vielen Millionen Arten, drohen, verloren zu gehen.“ Wir müssen die Erde als funktionierenden Organismus begreifen, „wo diese einzelnen Lebensbereiche miteinander interagieren und sich erhalten sollen – und dazu brauchten wir die Biodiversität“. Und das versuche das Konzept der planetaren Grenzen zu erklären. Aber es gäbe noch viel Forschungsbedarf vieler Facetten der Biodiversitätsforschung, um die genauen Belastungsgrenzen zu bestimmen.

Eigentlich weisen Wissenschaftler*innen doch immer wieder auf diese Grenzen hin, erklären, dass, wenn z.B. der Regenwald verschwindet, nicht nur die Artenvielfalt stirbt, sondern auch das Klima beeinflusst wird. Es könnte und müsste doch jeder wissen. „Das muss immer wieder wiederholt werden, wir vergessen es, wie wichtig es ist,“ meint Derk Ehlert, „weil viele den kausalen Zusammenhang nicht kennen.“

 

Was kostet uns der Verlust der Natur?

Das sei monetär nicht aufzurechnen, ist Ehlert sich sicher. Doch, widerspricht Thomas Borsch und macht das am Beispiel Kaffeeanbau in der Strauchschicht im äthiopischen Regenwald deutlich. „Da kann man eine Rechnung aufmachen und sagen ‚Ich holze den Wald ab und verkaufe und vermarkte das Holz’, da gibt es kurzfristig einen Gewinn für Person X.“ Aber, so erläutert Prof. Borsch weiter, das habe zur Folge, „dass die bäuerliche Gemeinschaft, die Jahrhunderte den Wald genutzt hat, dann nichts mehr hat“. Das habe auch Auswirkungen auf die Kultur der Menschen. Zudem gehe damit auch eine genetische Reserve für den Kaffeeanbau weltweit verloren. Und schließlich seien auf den Feldern des gerodeten Waldes die Erträge oft weniger wert als zuvor. Es könne dann auch zum so genannten Tipping Point kommen, „an dem ein ganzes Waldsystem kippt, weil sich das Klima ändert, weil die Niederschläge ausbleiben, weil letztlich eine ganze Landschaft verändert wird.“

Allerdings betont Thomas Borsch auch, „menschliche Aktivität per se ist nicht negativ, es ist nur die Frage, wie benehmen wir uns da eigentlich?“

Für Kirsten Thonike ist das auch eine Frage des Abwägens. „Wie wichtig ist mir eine bestimmte Tier- oder Pflanzenart oder auch Pilz und der Lebensraum an dem er ist. Oder kann ich das umsiedeln, um mein wichtigeres Ziel, den Ausbau der Straße, den Neubau des Hauses dann umzusetzen?“ Wir setzen als Menschen Präferenzen – und die müssen gesellschaftlich ausgehandelt werden. Augenblicklich, so Thonike, ginge dies zu Lasten der Natur, wie das Artensterben und die 30% gefährdete Arten in Deutschland beweisen. Und dabei stellt sich die Frage: Was ist eigentlich Natur?

Natur sei ein dynamisches System, definiert Borsch, „Landschaft und Organismen um einen herum. Sie ist Produkt einer ganz langen, einzigartigen Geschichte – der Evolutionsgeschichte“. Zustimmung von Kirsten Thonike und Ergänzung. Natur sei das Funktionieren der Ökosysteme mit „Wassertransport, mit Verknüpfung verschiedener Ökosysteme auch über den Stofftransport über die Luft.“ Für sie ist auch die Luft, der Wind und die Vögel, die Samen transportieren, Teil des lebenden Organismus Erde. In Deutschland gibt es für die Natur große Reservate, Schutzgebiete und Gesetze sowie Ranger und Gerichte, die sie durchsetzen. Ist das nicht ausreichend? Nein, sagt Derk Ehlert, genau das sei ein Fehler. „Wir konzentrieren unser Augenmerk auf die Naturschutzgebiete und meinen, wenn wir 5% schützen, dann muss es ausreichen…aber Natur findet überall statt. Glocke drüber und erhalten ist nicht Natur“. Evolution heißt Veränderung und die müssen wir Menschen erhalten, denn unter der Glocke ist die genetische Vielfalt gefährdet.

Steht also das Aus für Zimt-Erdbeere und Panda-Bär - für die Göttinnen Flora und Fauna - demnächst bevor?

Kein Pessimismus bei den Expert*innen beim Treffpunkt WissensWerte. Jeder und jede könne konkret etwas tun. Thomas Borsch fordert einerseits eine „biologische Alphabetisierung“, mehr Wissensvermittlung und Aufklärung über die einheimische Pflanzenwelt, das Interesse nehme er bei den Besucher*innen des Botanischen Gartens wahr. Andererseits ist für Prof. Borsch wichtig, die Ernährungswende voranzutreiben, um Stickstoffeinträge, Abholzung des Regenwaldes, lange Transportwege für Futtermittel und letztlich den Klimawandel zu vermeiden, denn alles hängt mit allem zusammen.

Kirsten Thonikes Forderung ist an die Landwirt*innen und die Politik gerichtet. Es sei dringend erforderlich, den Nutzungsdruck auf die Landwirtschaftsflächen und die Weideflächen zurückzunehmen, um beispielsweise die Stickstoffbelastung der Böden durch Düngung zu verringern. Für die Landwirt*innen müssten Bedingungen für eine nachhaltige Nutzung geschaffen werden.
Und Derk Ehlerts Plädoyer ist ganz praktisch: Fahrradfahren zur Arbeit am Morgen, regional und ökologisch Einkaufen, keine Geranien, sondern einheimische bienenfreundliche Blumen im Garten und auf dem Balkon und abends ein paar Eimer Wasser für die durstenden Straßenbäume.

Dann haben Flora und Fauna auch zukünftig eine Chance in der Welt.

Der Treffpunkt WissensWerte ist eine Reihe der Technologiestiftung Berlin und Inforadio (rbb). Der Podcast dieses Gesprächs ist über die Seite des Inforadios (rbb) oder der ARD Audiothek abrufbar. 

 

Auf dem Podium

Prof. Dr. Thomas Borsch
Direktor des Botanischen Gartens und Botanischen Museums Berlin (BGBM)

Derk Ehlert
Wildtierexperte der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz

Dr. Kirsten Thonicke
Potsdam Institut für Klimafolgenforschung
Abteilung Erdsystemanalyse, Sprecherin des Projektes „Biodiversität, Ökosystemleistungen und Klimawandel“

Moderation Thomas Prinzler
Wissenschaftsredakteur Inforadio (rbb)