„Die Themenauswahl ist datengetrieben“

Berlin ist gerade Freiwilligenhauptstadt geworden. Da kommt unser Report zum Thema Digitalisierung & Ehrenamt gerade richtig. Doch eigentlich orientiert sich die Themenauswahl für unsere Studien an anderen Kriterien. Und: Sie hat sich im Laufe der Zeit gewandelt. Im Interview erzählt Dr. Christian Hammel, dessen Bereich die Studien erstellt, mehr darüber und blickt auf Kommendes.

Gerade ist unser Report zum Thema "Digital im Verein" erschienen, der sich mit dem Stand der Digitalisierung des ehrenamtlichen Bereichs in Berlin beschäftigt. Wie würdest Du die Situation beschreiben?

Christian Hammel: Die Situation ist im Detail so vielfältig wie die Vereinswelt. Irgendeine Art Bürosoftware nutzen die allermeisten für Aufgaben wie die Mitgliederverwaltung. Spezialisierte Software für den Satzungszweck, von Ehrenamtler*innenkoordination im sozialen Bereich bis zur Trainingssoftware im Sport, sind noch recht selten. Es gibt auch nicht so viele Firmen, die diesen Markt bedienen.

Bei kleinen Vereinen bleibt es meistens an einem Vorstandsmitglied hängen, sich ums Digitale zu kümmern. Eigensetzt wird dann, was man kennt, beherrscht oder auf seinem Privatcomputer ohnehin installiert hat. Größere Vereine haben oft eine Art Cluboffice. Aber: Egal ob der Verein das Büro selbst angemietet hat oder vom Bezirk zur Verfügung gestellt bekommen hat: Viele dieser Vereinsräume haben nicht einmal einen Internetanschluss.

Andererseits sind alle gegenüber dem Thema Digitalisierung sehr aufgeschlossen. Der Nutzen wird durchaus gesehen und Corona hat das noch deutlich verstärkt. Was es jetzt braucht, ist Wissenstransfer zwischen den Vorreitern und der Breite der Vereinswelt sowie Unterstützung durch die Dachverbände und bei Förderung und Infrastruktur, vielleicht auch durch die öffentliche Hand.

Was auch klar wurde: Digitalisierung fördert und erleichtert ad-hoc-Engagement ohne Bindung an Organisationen. Um dies anzusprechen, kommen die Initiator*innen - ob Vereine, Privatpersonen oder die öffentliche Hand - an digitalen Wegen gar nicht vorbei.

Das Thema passt zeitlich perfekt, denn im Dezember ist Berlin für ein Jahr europäische Freiwilligenhauptstadt geworden. Wie sucht ihr ansonsten Eure Themen aus?

Christian Hammel: Dass der Report gerade zu dem Zeitpunkt erscheint, zu dem Berlin diese Auszeichnung Freiwilligenhauptstadt erhalten hat, ist ein schöner Zufall. Unsere Kriterien bei der Themenauswahl sind aber andere. Wir sind datengetrieben.

Im Fall dieser Studie war es so, dass uns durch die statistischen Daten  von ZiviZ zur Zivilgesellschaft  klar wurde, wie relevant das Ehrenamt für Berlin ist und wie viele Berliner*innen sich engagieren, nämlich ein Drittel. Da hat es uns interessiert, ob die Digitalisierung in den Berliner Vereinen und Stiftungen angekommen ist, ob die Zivilgesellschaft eigentlich ein Markt für Softwarefirmen ist, und nicht zuletzt, wie weit Forschung zu digitalen Möglichkeiten, z.B. in der Pflegeunterstützung oder zum Einsatz von Daten des quantified self beim Sport-Training, eigentlich in diesem Bereich schon ankommt.

Bei anderen Themen ist das nicht grundlegend anders, auch wenn sich die Quellen etwas gewandelt haben. Während in den 2000ern noch stark die Berliner Beschäftigtenstatistik im Mittelpunkt stand, um Themen zu identifizieren, die für Berlin zukünftig wichtig werden könnten, sind wir seit der wirtschaftlichen Erholung Berlins stärker technik- und trendgetrieben. Heute spielen deshalb andere Informationsquellen eine Rolle: der Hype Cycle der Gartner-Group, der die öffentliche Aufmerksamkeit für einzelne Technologien misst, oder Technologie-Forecasts und Strategien der Bundesregierung und der EU-Kommission. Hinter solchen Ausarbeitungen stecken kluge Köpfe. Solche Überlegungen schauen wir uns natürlich an und auch Anregungen unserer eigenen Mitarbeiter*innen und der Clustermanager*innen der Berlin-Brandenburger innovationspolitischen Cluster, die genau wissen, was in der regionalen Forschung passiert und was davon in die Anwendungsreife kommt.

Am Ende dieser Vorarbeit steht als "proof of concept" jeweils, dass wir Zuwendungsgeber*innen davon überzeugen müssen, wie sinnhaft die nähere Befassung mit einem Thema ist.

An dieser Stelle danke ich der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe, die diese Studie und eine Vielzahl weiterer Studien gefördert hat. So können wir mit unseren Studien und Reports wichtige Informationen ermitteln, aufbereiten und zur Verfügung stellen.

Was kommt in diesem Jahr noch an weiteren Studien aus deinem Bereich?

Christian Hammel: Wir werden in nächster Zeit wieder eine Innovationserhebung Berlin mit Zahlen und Fakten zur Innovationstätigkeit der Berliner Wirtschaft vorlegen und eine Studie zur Datenökonomie in Berlin.

Außerdem arbeiten wir an zwei neuen Studien. Eine wird als Dokumentation eines Projektes mit Stakeholdern näher beleuchten, wie man in Gebäuden durch bessere Datennutzung und Regeltechnik Energie sparen kann. Die andere wird der Frage nachgehen, ob und wie man die im Agrarsektor etablierte und ausgereifte Technologien aus der Präzisionslandwirtschaft im urbanen Kontext einsetzen kann - nicht nur wegen dem Berliner Herzensthema Stadtgrün, sondern auch, weil eine Menge der verwendeten Sensorik, Auswertetechnik und Software aus Forschungseinrichtungen der Region und aus der Industrieforschung der Region kommt.

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