„Die Prognosen zeigen allesamt nach oben“

Mit „Künstliche Intelligenz in Berlin und Brandenburg“ legt die Technologiestiftung erstmals eine branchenübergreifende Studie zu einem der derzeit größten Technologietrends und seiner Bedeutung für die Region vor. Die Studie zeigt, dass in der Region zahlreiche Forschungs- und Entwicklungsprojekte laufen, das Thema ist aber auch in der Anwendung angekommen. Ein Interview mit Nicolas Zimmer, dem Vorstandsvorsitzenden, zu den Ergebnissen der Studie.

Portrait vor Stadtkulisse von Nicolas Zimmer

Es gibt in Berlin-Brandenburg mehr als 50 Professorinnen und Professoren, die zum Thema Künstliche Intelligenz lehren; über 200 Unternehmen sind in dem Bereich tätig und holen fast die Hälfte des Venture Capitals, das in Deutschland in den KI-Bereich fließt, in die Hauptstadtregion. Hast Du diese Zahlen erwartet?

Tatsächlich war ich auf den ersten Blick ein bisschen überrascht darüber, wie stark der Standort im Vergleich zu anderen Städten und Regionen ist. Immerhin haben 48 Prozent aller KI-Startups, die im Zeitraum 2012 bis 2017 in Deutschland gegründet wurden, also fast die Hälfte, ihren Firmensitz in unserer Region.

Auf den zweiten Blick sind die Zahlen dann ganz plausibel und bestätigen wieder unser besonderes Profil: Stark sind bei uns junge, sehr kreativen Startups mit grundsätzlich neuen High-Tech-Prozessen und Verfahren. Die Zahlen zeigen, dass sich die Berliner KI-Unternehmen vor allem mit wissensbasierten Expertensystemen, mit Sprach- und Bildanalysen beschäftigen und Geschäftsprozesse effizienter gestalten. Industrielle Fertigung und ihre Modernisierung, also Robotik, spielt dagegen eine vergleichsweise kleine Rolle. 

Ebenfalls typisch: Die Unternehmen sind klein, weil sie jung sind. Unter ihnen finden sich die Champions von morgen. Die Venture Capitalisten wissen das und engagieren sich entsprechend. Sie haben in den letzten Jahren mehr als 160 Millionen Euro in fünf Berliner Startups investiert. Das sind im internationalen Vergleich sicher keine exorbitanten Summen, im europäischen Vergleich liegt Berlin damit aber deutlich über dem Durchschnitt.

Anwendungsbeispiele für Künstliche Intelligenz aus der Studie KI in Berlin und Brandenburg
Typische Branchen für Künstliche Intelligenz aus der Studie KI in Berlin und Brandenburg
Handlungsempfehlungen für die Zukunft auf Künstliche Intelligenz aus der Studie KI in Berlin und Brandenburg

Und was entwickeln die Startups? Arbeiten sie daran, den Menschen zu ersetzen?

Als wir in der letzten Woche beim Tagesspiegel unsere Studie vorgestellten, machte Prof. Igel vom DFKI darauf aufmerksam, dass wir im Bereich KI einen deutlichen Sprung gemacht haben, als unsere Fähigkeit wuchs, große Datenmengen zu verarbeiten. Und genau das tut KI: Daten verarbeiten, die Messinstrumente oder auch Bildprogramme zur Verfügung stellen - immer schneller, immer mehr. Diese Programme „denken“ anders als Menschen und ergänzen deren Möglichkeiten sinnvoll. 

Eine Software, die MRT- oder CT-Aufnahmen auswertet, ist jeden Tag konzentriert, 24 Stunden lang. Sie analysiert alle Aufnahmen gleich gründlich und sie lässt sich im Urteil auch nicht davon beeinflussen, dass bereits drei auffällige Befunde unmittelbar vorangegangen sind. Sie ist dem menschlichen Auge bei genau dieser Aufgabe überlegen und unterstützt den Arzt bei wichtigen Entscheidungen. 

Mit bild- und sprachverstehenden Systemen, die vom Menschen vorgegebene Aufgaben gründlich und objektiv ausführen, beschäftigen sich mehr als ein Drittel der Berliner KI-Unternehmen, weitere 20 Prozent arbeiten an wissensbasierten Expertensystemen. Das alles sind Hilfssysteme, die Leben und Arbeiten verändern, komfortabler, effizienter und sicherer machen. Das gilt übrigens auch für die viel diskutierten Industrieroboter. Den Menschen ersetzen, tun alle diese Hilfsmittel nicht – und das ist auch nicht das Ziel.

Im Laufe der technologischen Entwicklung haben wir uns immer stärker abhängig gemacht von Technik. Technische Geräte und digitale Programme haben Schwachstellen, sie sind nicht 100 Prozent sicher. Wenn dann größere Sprünge erfolgen – und Künstliche Intelligenz ist ein größerer Sprung – sehen viele die Unsicherheiten. Das ist verständlich, aber nicht rational. Natürlich muss man technische Schwachstellen und ethische Fragen, die mit dem Fortschritt verbunden sind, ernst nehmen und an ihnen arbeiten. Aber wir sollten vor allem die Potenziale sehen – für unser Leben und für den Standort Berlin. 

Die Prognosen dazu, wie sich die weitere Entwicklung in Umsatzsteigerungen niederschlagen, gehen weit auseinander. Eins haben sie allerdings alle gemeinsam: Sie zeigen allesamt nach oben. Wir selbst gehen davon aus, dass der Jahresumsatz mit KI in der Region von rund 500 Millionen Euro auf rund 2 Milliarden steigen wird und liegen damit im Mittelfeld. 

Was kann Berlin tun, um eine erfolgreiche Entwicklung des Bereichs in der Region zu unterstützen?

Die immer größeren Möglichkeiten, Systeme künstlich intelligent zu machen, sind nahezu überall vorhanden, wo digitale Tools in der Anwendung sind: im Prozessmanagement, im Verkehrs- und Gesundheitsbereich, in der industriellen Produktion und in der Finanzwelt. Es ist erst mal ein wichtiger Schritt, diese branchenübergreifende Kompetenz und in Berlin vorhandene Exzellenz sichtbar zu machen. Dann kann man die Bedürfnisse sehen, die Hindernisse aus dem Weg räumen und gezielt fördern.

Die Innovationspolitik sollte KI deshalb als eigenständiges Handlungsfeld in die Innovationsstrategie aufnehmen. Es ist auch sinnvoll, die vorhandenen wissenschaftlichen Aktivitäten zu fördern – wir brauchen die universitären und außeruniversitären Einrichtungen für die Ausbildung des Nachwuchses. Forschung und Entwicklung ist außerdem ein sehr wichtiger Impulsgeber. Wir sollten weiter Datenbestände öffnen und selbst Projekte für die Verwaltungen anschieben, die KI für Prozessoptimierungen nutzen. Dann profitiert der Standort gleich in mehrerer Hinsicht: wirtschaftlich und durch eine Modernisierung der Infrastruktur vor Ort.