Die Kraft der Offenen Daten

Die vielen und langen Hitzeperioden der letzten Jahre bedeuten in einer Großstadt wie Berlin für die Stadtbäume vor allem eins: Stress. Auch 2020 hatten die Straßen- und Anlagenbäume wieder mit der Trockenheit zu kämpfen. Da kam die Plattform „Gieß den Kiez“, die das CityLAB im Mai gelauncht hat, gerade richtig. Mit dem Nutzer Nicolas Scharioth, der sich seit einigen Jahren für seine Bäume im Bötzowkiez engagiert und jetzt bei „Gieß den Kiez“ aktiv ist, sprachen wir über die das Berliner Baumkataster, Bürgerengagement und darüber, warum und wie er die Plattform nutzt.

Der Kontakt zu Dir lief über den Slack-Kanal von Gieß den Kiez. Dein Engagement für das Thema ist aber älter als unsere Plattform, oder?

Als ich 2016 mit meiner Familie zugezogen bin, habe ich schnell gesehen, dass sich im Bötzowkiez viele für ihr Umfeld engagieren, zum Beispiel Müll sammeln oder am Arnswalder Platz gemeinsam gärtnern. Diese Identifikation mit dem Kiez spürt man, wenn man durch die Straßen geht. Ich wollte den guten Geist des Ortes auch nördlich der Danziger Straße verbreiten, und pflege die drei Bäume vor unserem Haus, habe da auch mit Nachbarn Baumscheiben angelegt.

Ich finde es spannend zu sehen, wie sich die Einschätzung zu diesen Bürgeraktionen im Laufe der Zeit geändert hat. Am Anfang haben die Verantwortlichen eher kritisch verfolgt, was bei solchen Aktionen passierte. Mittlerweile werden wir mit Material, zum Beispiel Mülltüten, unterstützt. Das finde ich sehr positiv, für mich erhöht es die Identifikation mit meinem Umfeld. Ich wohne hier sehr gerne!

… und engagierst Dich weiter. Was bringt Dir dafür die Plattform „Gieß den Kiez“?

Ich finde es super, dass Gieß den Kiez das Thema der Straßenbäume in den Fokus nimmt. Schon die Karte an sich ist interessant. Da kann man sich informieren, was für Bäume vor der eigenen Haustür wachsen. Bei mir sind es Spitz-Ahorne, was ich vorher nicht wusste. Ich bin auch beeindruckt davon, was die Öffentliche Hand alles über die Straßenbäume weiß und in einem umfangreichen Baumkataster dokumentiert und pflegt.

Außerdem ist mir aufgefallen, dass in meinem Wohnumfeld viele Bäume stehen, dass es aber auch immer wieder deutliche Lücken gibt. Zum Beispiel fehlen ganz offensichtlich auf der Danziger Straße oder auch auf der Greifswalder Straße zig Bäume. Das bringt einen zum Nachdenken: Wieso ist das so? Könnten nicht diese öffentlich zugänglichen Straßenbaumdaten auch für ein gezieltes Baumpflanzprogramm genutzt werden? In Zeiten der Klimakrise sollten wir jedenfalls alle Möglichkeiten nutzen und scheinen sie noch so klein. Plötzlich setzt man sich also mit seiner Umgebung auseinander. Ich finde es deshalb sehr gut, dass die Verwaltungen solche Daten mit ihren Bürger*innen teilt. Stichwort „Open Data“. Das ermöglicht uns allen einen anderen Zugang zu unserer Stadt und regt zu einer Auseinandersetzung mit unserer direkten Umgebung an. Mehr offene Daten führen zu mehr Engagement, bin ich überzeugt.

Ich fühlte mich durch die Karte selbst auch zusätzlich motiviert zu gießen, was in diesem heißen Sommer wieder sehr sinnvoll war. Ich selbst habe auch den Slack-Kanal genutzt und finde, gerade für Vernetzung und Austausch ist so eine Plattform super. Ich würde mir da auch noch mehr Features wünschen. Warum nicht mal einen Wettbewerb starten, um den aktivsten Kiez zu ermitteln oder eine weitere Vernetzung der Aktiven über die Plattform ermöglichen? Das sind allerdings jetzt alles Vorschläge für den nächsten Sommer. 2020 hat die Karte erst mal deutlich die Kraft der offenen Daten gezeigt.

Auch wenn wir vereinzelt immer noch Aktivitäten auf der Seite verzeichnen: Tatsächlich geht die Saison von Gieß den Kiez zu Ende. Die Natur geht in die Winterpause. Wir auch und zwar nach einer sehr erfolgreichen Saison: Über 1.600 Nutzer*innen haben sich auf der Plattform registriert, 3584 Bäume adoptiert und insgesamt über 17.500 Gießungen mit über 522.000 l Wasser vermerkt.* Wir freuen uns sehr, dass wir damit die Bäume in Berlin dabei unterstützt haben, gut über die Sommermonate zu kommen, und an diesem Beispiel sehr eindrücklich zeigten konnten, was man mit Offenen Daten machen kann.

Wir werden die Wintersaison dazu nutzen zu klären, wie die Plattform im nächsten Jahr weitergepflegt und vielleicht  -entwickelt werden kann.

*Stand vom 02. November 2020. (Es  wurden nur tatsächlich gießende Nutzer*innen und unique adoptierte Bäume gezählt.)