Kultur in Zeiten der Pandemie: Theater auf 5 Zoll

Wie können Kulturveranstaltungen digital umgesetzt werden? Welche Tools benötige ich, was hat sich in der Praxis bewährt? Und was, wenn vorhandene Software als Ausdrucksmittel nicht reicht? Diese Fragen beschäftigen den Kultursektor nicht erst seit Corona, haben aber in den letzten Wochen noch einmal verstärkt an Bedeutung gewonnen. Gemeinsam mit dem Performing Arts Programm Berlin zog kulturBdigital daher am 16. Juni 2020 in einer Online-Diskussionsrunde eine kleine Zwischenbilanz.

Bei der Veranstaltung ließen Kulturschaffende aus Theater, Museum und Bibliothekswesen ihre Erfahrungen zu unterschiedlichen Formaten der Online-Kommunikation und zu digitalen (Präsentations-)Szenarien außerhalb physischer Kulturorte Revue passieren – vom Online-Festival, über virtuelle Führungen, bis hin zur technisch niedrigschwelligen Performance per Telefonanruf. Ein besonderer Fokus dabei: digitale Ergänzungen zum analogen Theaterbau.
 
Für das Team des Theater-Game-Kollektivs machina eX liegt eine mögliche Lösung in neuen Formen der Narration, die sich das Smartphone als ubiquitäres Unterhaltungsinstrument als alternative Spielstätte zu Nutze machen. Für ihre Inszenierung „Lockdown“ kreierten sie ein Stück, das sich über den Messenger-Dienst Telegram auf den Mobilgeräten des Publikums entfaltet. Die Inszenierung fernab klassischer Bühnen erfordere nicht nur eine andere Art des Storytellings, wie machina eX-Dramaturg Yves Regenass betont, sondern auch neue Formen der organisatorischen Gestaltung: Im Messenger rezipiert das Publikum das Geschehen nicht still, sondern wird – inspiriert von Mechanismen des Gamings – Teil der Inszenierung, interagiert mit einzelnen Figuren der Handlung und erschließt sich die Story über strategisch platzierte Sprachnachrichten, Aufforderungen zu gezielten Webrecherchen und den intensiven Austausch untereinander. Losgelöst vom physischen Raum sind dabei gleich mehrere Aufführungen gleichzeitig möglich, denn das Spielgeschehen steuert nicht die Theatergruppe persönlich, sondern ein vorprogrammierter Chatbot. Für machina eX bedeutet dieser Ansatz neuartige Arbeitsmodi, wie Programmierer Lasse Marburg betont: An die Stelle eines linearen Skripts trete das individuell angepasste Messenger-Backend, statt Live-Performances kreierten die Schauspieler*innen Voice-Recordings und Bug-Fixing ersetze die Generalprobe.

Mit Yves Regenass, Gründungsmitglied von machina eX, habe ich ein Interview dazu geführt, dass man auf der Webseite von kulturBdigital lesen kann. Bei der Veranstaltung am 16. Juni stellte Lasse Marburg, der zum machina eX-Ensemble gehört, das Projekt vor.

Darüber hinaus gab es Einblicke in weitere innovative Projekte.

  • Danilo Vetter, öffentliche Bibliotheken des Bezirks Pankow, berichtete, wie sein Team den Ausnahmezustand nutzt, um intern erstmals agile Methoden im Bibliotheksalltag zu erproben.
  • Max Westphal, Pinakotheken München, gab einen Einblick in die Organisation pandemiegerechter Museumsführungen auf Instagram: Während Kunstwerke live im Ausstellungsraum gefilmt wurden, schalteten sich Kurator*innen von zu Hause hinzu und traten – moderiert durch die Museumspädagogik – über das Soziale Netzwerk mit dem Publikum in einen Dialog.
  • Susanne Schuster & Ricardo Gehen vom Theaterkollektiv ‚Out of the Box‘ gaben einen Einblick in ihre kreative Arbeit auf der Schnittstelle von Theater-Dramaturgie und Programmierung: Für die Übersetzung ihrer interaktiven Rauminszenierungen ins Digitale machen sie sich die Game-Engine Unity als ‚Proberaum‘ zu Nutze.
  • Eine technisch niedrigschwellige Lösung fand hingegen das Team von Lisa Lucassen von der Theater-Performance-Gruppe SheShePop: Für eine möglichst persönliche Wirkung ihres Stücks „Kanon“ griffen sie auf das Medium Telefon zurück und ließen sich von ihrem Publikum kurzerhand für 1:1-Aufführungen anrufen.
  • Und einen Blick in alternative Theaterwelten warf schließlich noch Christiane Hütter (Game Designerin, Mitbegründerin Initiative Interface, Netzwerk Invisible Playground). Im Hackathon und Festival „Weltübergang“ tüftelte sie mit Kreativen verschiedenster Disziplinen an Formaten für ein soziales Miteinander im digitalen (Theater-)Raum.