Datenjournalismus: Ergänzung, Weiterentwicklung oder Disruption eines traditionellen Berufsbilds?

Sollten Journalist*innen Ahnung von Statistik haben? Musst Du programmieren können, um Dich Datenjournalist*in zu nennen? Und wie fängt man es überhaupt an, eine schlüssige Reportage aus Rohdaten herauszuziehen? Mit Leitfragen wie diesen hat die Organisation Journocode mit Beteiligung der Technologiestiftung ein „Bootcamp“ durchgeführt, um Einsteiger*innen die Grundlagen des Datenjournalismus nahezubringen.

Früher waren die Erwartungen an Journalist*innen anders: Ihre Hauptaufgabe war, über die Fakten zu berichten - ohne Eigenanalysen durchzuführen oder ein statistisches Verständnis der Grunddaten zu besitzen. Aber immer mehr Redaktionen heute verstehen, dass wichtige und aussagekräftige Geschichten in Daten zu finden sind. Um die aber zu finden, sind Journalist*innen mit den passenden Skills notwendig. Deshalb stellen viele Redaktionen heute entweder „Generalist*innen“ mit diversen, datenbezogenen Skills ein oder stellen komplette Teams aus Journalist*innen, Entwickler*innen und Designer*innen zusammen.

Quelle: "Infographics Group/Journocode"

Bei der JournoCon 2018, erzählten erfahrene Datenjournalist*innen von Zeitungen wie Der Spiegel oder Berliner Morgenpost, wo sie nach möglichen Datenreportagen schauen und wie sie die Daten analysieren. Zum Beispiel berichtete Vanessa Wormer von der Süddeutschen Zeitung über Werkzeuge und Strategien, die man nutzen kann, um große Mengen von Daten zu analysieren; dies erzählte sie aus erster Hand, da sie als Teil des Teams der Panama sowie der Paradise Papers arbeitete.

Daten können theoretisch überall im Netz gefunden werden – wenn sie nicht schon in einem strukturierten Format existieren (z.B. in einer Tabelle), können die auch „gescraped“ werden, wie Journocode-Mitglied Sakander Zirai in seinem Vortrag erklärte. Im besten Fall stehen die Daten schon in einem strukturierten Format bereit und sind für weitere Nutzung freigeschaltet. In diesem Kontext sollte es wenig überraschend sein, dass Open Data oft als eine ideale Datenquelle für Datenjournalismus während der Konferenz erwähnt wurde. Viele Datenjournalist*innen bei der JournoCon meinten, dass sie oft lokale und nationale OpenData-Portale durchsuchen, wenn sie nach Inspiration für mögliche Reportagen suchen. Die zwei Konzepte haben eine Art symbiotische Beziehung zueinander: Open Data ernährt den Datenjournalismus durch die Schaffung neuer Datenquellen und der Datenjournalismus stellt das Potenzial und die Nützlichkeit von Open Data dar.

Zu den Fragen, ob man Ahnung von Statistik haben sollte oder überhaupt programmieren können sollte, bot die Konferenz keine konkreten Antworten. Die Organisator*innen versuchten aber, Teilnehmer*innen beide Skills etwas näherzubringen durch einen interaktiven Workshop mit der Programmiersprache R sowie einen Vortrag über statistische Grundlagen. Die Hoffnung besteht, dass das Interesse an Datenjournalismus immer mehr wächst und die Qualität und Vielfalt von Analysen steigt.