Daten als Neue Währung

Datenschutz, Pokémons und Naive Natives

„Es gibt viele Aspekte, die dagegen sprechen,  dass persönliche Daten als neues Zahlungsmittel anzusehen sind“, nimmt Dr. Nicola Jentzsch vom DIW Berlin gleich am Anfang den Veranstaltungstitel auseinander und machte damit den Auftakt zu einer lebhaften Diskussion im Rahmen unserer Kampagne Smarte Bürger. Die Veranstaltung war eine Kooperation zwischen der Technologiestiftung Berlin und der Medienanstalt Berlin-Brandenburg.

Am 25. Juli waren wir mit einem Expertenpodium im hub:raum zu Gast, um über „Daten als Neue Währung – Zwischen Innovation und Regulierung“ zu sprechen. Mit dabei waren die Staatssekretärin für Justiz und Verbraucherschutz, Sabine Toepfer-Kataw, die Direktorin der Medienanstalt Berlin Brandenburg, Dr. Anja Zimmer, Ralf Krebs von der Neofonie GmbH und Dr. Nicola Jentzsch. Moderiert wurde der Abend vom Vorstandsvorsitzenden der Technologiestiftung, Nicolas Zimmer.

Persönliche Daten können durchaus Eigenschaften von gesetzlichen Zahlungsmitteln  teilen, erläuterte Jentzsch, wer aber Gratisgüter und Dienstleistungen wie   Suchmaschinen nutze und so persönliche Daten preisgebe, der gehe  aber ein soziales Tauschgeschäft ein, bei welchem kein Preis existiere. Das Kalkül des Nutzers in einer solchen Transaktion unterscheide sich erheblich von anderen ökonomischen Transaktionen.

„Daten sind Teil einer langen Wertschöpfungskette“, ergänzte Ralf Krebs. „Bevor ein wirtschaftlicher Nutzen generiert werden kann, müssen die Daten zusammen- und bereitgestellt, analysiert und ausgewertet werden.“ Bei der Nutzung für Werbeanzeigen, ist dies ein Mehrwert für KundInnen – allerdings „wissen“ die Algorithmen auf dem heutigen Stand nicht wirklich, was NutzerInnen wollen und richten sich rein nach dem Surfprotokoll. So kommt’s, dass lange nach einem Onlinekauf einem oft das gleiche Produkt als Anzeige angeboten wird.

Dass sich über einen längeren Zeitraum Oligopole und Monopole bilden – neben dem Onlinehandel umfasst dies im übertragenen Sinne auch soziale Netzwerke – läge vor allem an der Produktionskostenstruktur für digitale Güter, erklärte Jentzsch.  Problematisch werde es dann, wenn Plattformbetreiber wie Google, Amazon oder Facebook basierend auf den gesammelten Nutzerinformationen detaillierte Profile erstellten, die zur nachteiligen Personalisierung von Preisen durch Dritte benutzt werden könnten .

„Aus Verbraucherschutzsicht muss es Vielfalt und Wahlmöglichkeiten geben“, bekräftigte Staatsekretärin Toepfer-Kataw, „Es muss eine Wahlfreiheit über die Datenfreigabe und –weitergabe geben, die bisher fehlt.“

Derzeit gibt es in Deutschland eine Diskussion darüber, ob  es  ausreichenden Mittel gibt, um den Missbrauch von Marktmacht festzustellen und zu ahnden. Zwar sind gute Datenschutzbestimmungen vorhanden, aber diese müssen ernster genommen und auch bei Internetriesen durchgesetzt werden. Genauso wichtig ist es, Vielfalt zu sichern. Es darf nicht sein, dass am Ende marktstarke Internetunternehmen entscheiden, welche Informationen Nutzer/innen zu sehen bekommen, so Anja Zimmer. Internationale Unternehmen müssten sich den nationalen Gesetzen anpassen und sollten den Dialog mit Politik und Entscheidern suchen. Im Prinzip spräche nichts dagegen, zum Beispiel ein Facebook US und ein Facebook Deutschland zu haben, ergänzte Nicolas Zimmer.

 

Einer Plattform nachzuweisen, dass ihre Algorithmen eigene Dienste übervorteile  sei schwer, erklärte Jentzsch. Dafür werden diese zu oft und schnell angepasst, verändert oder Teile ersetzt. Statt nur zu reagieren, sollten EU-weite Regelungen geschaffen werden, waren sich einige der Podiumsteilnehmer einig. Diskriminierungsfreiheit und Transparenz sei dazu ein erster Schritt. Das allein reiche aber nicht. Wichtig sei z.B. auch, dass Nutzer/innen ihre Profile mitnehmen könnten und ein Austausch zwischen verschiedenen Plattformen erfolge. Die Regulierer könnten in Deutschland z.B. die Landesmedienanstalten anführen, da diese schon Erfahrungen mit Plattformen für Funk und Fernsehen haben.  Auch dort gilt: jeder Teilnehmerin und jedem Teilnehmer ist der uneingeschränkte Zugang zu gewährleisten, einzelne Angebote dürften nicht bevorzugt werden.

Das Internet besteht nicht nur aus Plattformen und Datenströmen sondern auch aus denen, die dahinter stehen: Große Anbieter wie Google oder Facebook bieten für Personal, von den ProgrammiererInnen bis zu den WissenschaftlerInnen, gute Arbeitsbedingungen und beschränken sich dabei schon lange nicht mehr auf Netz-Themen, sondern sind z.B. im Verkehrs- und im Gesundheitssektor unterwegs. Hier müsse darauf geachtet werden, dass nicht der Anschluss der anderen Anbieter und der öffentlichen Einrichtungen verpasst werde. Gerade bei politischen Entscheidungsprozessen, die von ihrer Natur her eher reaktiv als proaktiv sein können, ist der permanente Informationsaustausch mit unabhängigen ExpertInnen und den Unternehmen nötig.

Während auf der einen Seite der Diskussion die Internetanbieter stehen, muss bei den InternetbenutzerInnen auf Bildung und Aufklärung geachtet werden. Aktuelles Beispiel: Die App Pokémon Go wurde innerhalb von 19 Tagen knapp 75 Millionen Mal runtergeladen. Durch das Spiel, bei dem man – mit eingeschaltetem GPS und ständiger Verbindung zum Server – kleine Monster in der Stadt sucht und fängt, können über die SpielerInnen innerhalb weniger Tage komplette Bewegungs- und Verhaltensprofile erstellt werden.

Pokémon Go in Aktion

Das Spiel würde allerdings genauso gut ohne eine dauerhafte Serververbindung und Datenübertragungen an Dritte funktionieren. Die Verbraucherzentralen fanden mindestens 15 Klauseln und Datenschutzbestimmungen, die gegen geltende Gesetzgebung verstoßen. Die User dagegen interessieren diese Fragen kaum. Zwar kennen sich gerade SchülerInnen und Jugendliche im Umgang mit neuen Kommunikationsmitteln besser aus, hinterfragen genauso wie ältere Semester nicht immer die Prozesse im Hintergrund; Nur weil man weiß, wie ein App bedient wird, heißt noch lange nicht, dass man weiß, wie sie funktioniert. Digital Natives zeigen sich oft genauso naiv wie der Rest der User.

Der teilweise naive Umgang mit dem Internet zeigt sich auch in der Nutzung von Software und Apps. Vermehrt werden kostenlose Angebote kostenpflichtigen vorgezogen.

Eine gewisse Sorglosigkeit findet sich auch im Umgang mit Cloud-Diensten. Diese bieten einen komfortablen Zugriff auf Daten von überall her, allerdings nicht nur für den Besitzer, sondern auch dem Cloud-Dienstleister und im ungünstigsten Falle auch durch Dritte, die dort eigentlich nichts zu suchen haben.  Wer zusätzliche Sicherheit und Privatsphäre haben möchte, muss in den meisten Fällen zusätzlich zahlen. Das Prinzip des freien Zugangs zu und die Vielfalt von Angeboten heißt nicht automatisch, dass sich alle Leute dieses leisten können. Wird Datensicherheit damit in Zukunft ein Privileg, das erkauft werden muss?

Die Digitale Welt im Vorhinein verteufeln sollte allerdings nun auch nicht. Bei all der Kritik, Pokémon Go zum Beispiel bringt die Spieler dazu, lange Spaziergänge zu machen und sich mit Freunden und Fremden zu unterhalten. Es gibt zahlreiche Ansätze, über die digitale Weg Leute zu neuen Verhaltensmustern zu ermutigen: Von der Kundenkarte, die durch Rabattversprechen Kunden an Unternehmen binden sollen bis eben solchen Apps, die spielerisch zu Sport und Spiel mit Freunden auffordern.

Wichtig ist es, so war sich das Panel einig, dass die Medienkompetenz in jeder Altersklasse gefördert und für mehr Transparenz gesorgt werden muss. Das können Projekte wie der Data Run im Technik Museum sein, Kampagnen wie die Smarten Bürger oder klicksafe.de oder die Aktivitäten der mabb in diesem Bereich.

Aufklärung und Transparenz zum Datenschutz sollte nicht nur in der Bildung sondern auch in den Medien stärker vertreten sein. Es kann nicht nur allein die Aufgabe der Politik und eventueller Regulierer sein, für einen freien und unabhängigen Zugang für alle BürgerInnen zu sorgen. Die NutzerInnen müssen eine Wissensgrundlage haben, Apps, Angebote und Plattformen selbst zu hinterfragen und darüber zu entscheiden welche Daten sie wem überlassen.