Das Internet of Things kann mehr als Milch bestellen

Der Kühlschrank bestellt selbsttätig Milch. Mit dieser Vision nerven uns seit Jahren Hersteller, denen selbst kein vernünftiger Grund einfällt, wozu weiße Ware WiFi braucht. Amazon Dashes können das auch mit Waschpulver und Kondomen. Und das Garagentor geht jetzt auch per App auf oder bei Annäherung. Schön. Vielleicht auch bequem. Aber weder bahnbrechend noch übermäßig überraschend, sondern einfach gewöhnlicher technischer Fortschritt, der eher einen gut sortierten Bau- oder Elektromarkt als einen Technologiehype braucht. Diese Standardbeispiele sind sogar eher hinderlich, denn es geht darüber leicht verloren, wo das Internet of Things (IoT) für eine Stadt wie Berlin wirklich große Chancen bietet (und warum sich die Technologiestiftung damit beschäftigt).

  1. „20 Milliarden vernetzte Geräte in 2020“ (Gartner). Das sind bei einer Weltbevölkerung von etwas über 7 Milliarden nicht einmal 3 Geräte pro Person. Die Anzahl könnte also eher größer werden. Das heißt, dass mit Vernetzungstechnik, mit Geräten und vor allem mit Software, die daraus Anwendungen macht, eine Menge Geld zu verdienen ist. Das ist gut für Berlin, da Umsatz auch immer Investitionen, Steuern und Jobs bedeutet. Und noch besser ist, dass knapp die Hälfte aller reinrassigen deutschen IoT-Unternehmen in Berlin sitzt, von denen wiederum knapp 90% Startups und KMU sind. Über IoT in der Berliner Wirtschaft lesen Sie mehr in unserer Studie IoT in Berlin, die in ca. vier Wochen erscheint.
  2. Berlins Straßen und öffentliche Gebäude sind bekanntermaßen durch eingesparte Wartung an vielen Stellen recht abgerockt. IoT kann Wartungskosten wesentlich intelligenter einsparen als durch erhöhten Verschleiß: Wo die Straßenleuchte über das IoT selbst meldet, wenn sie nicht mehr leuchtet, muss kein Techniktrupp mehr zum Testen ausrücken.

    Mit billiger und verfügbarer werdender IoT rückt auch für Gebäude und Infrastrukturelemente in greifbarere Nähe, was man bei Industrieanlagen schon länger macht, nämlich predictive maintenance. Wo eine Vielzahl von Sensoren Betriebszustände überwacht und Unmengen von Daten produziert, werden Ausfälle vorhersagbar, bevor sie stattfinden. Man muss dann nicht mehr zur Sicherstellung der Zuverlässigkeit auf Verdacht und nach Kalender Bauteile auswechseln, bevor sie kaputt sind, sondern dann, wenn sie kurz vor dem Kaputtgehen sind. Bei Industrieanlagen ist einer der weltweiten Vorreiter bei diesem Thema übrigens das Berliner Fraunhofer Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration.
  3. Der emanzipatorische Gehalt von IT wird an der rasanten Verbreitung von interessensbezogenen Plattformen, von Social Media und noch mehr an der Wikipedia, an Wikileaks, Wikifolio, an online-Petitionsplattformen und zum Beispiel an der Berliner Spendensammelplattform betterplace begreifbar. Das IoT kann dies stärken, wenn man es entsprechend nutzt.

    Orientierung in der Vielfalt bieten bereits heute Anwendungen, deren Datenquellen nichts anderes als IoT sind, z.B. Fahrzeugdaten, aus denen visualisiert wird, wo Staus sind oder wo Züge und Busse wirklich sind. Auch die „Taxi B-XX-XX kommt in 2 Minuten“-SMS entsteht so. Wo Sensordaten des IoT dauerhaft öffentlich zugänglich sind - sei es als open data des Staates oder als von Bürgern selbst erhobene und zur Verfügung gestellte Daten - entstehen neue Möglichkeiten der Orientierung und Beteiligung. In der spanischen Stadt Santander beispielsweise experimentiert man mit Sensoren, die melden, welche Parklücken frei sind und speist mit den Daten nicht nur Apps, sondern auch ein Parkleitsystem – eine nützliche Orientierungshilfe. In Skopje messen Bürger mit Sensoren unter anderem den Lärmpegel in ihren Straßen und visualisieren, wo die Stadt zu laut ist. So können Bürger mit IoT-Daten Druck auf ihre Politiker machen.

Wie man IoT-Netze für Sensordaten nutzt und wie Bürger sich solche Netze sogar selber bauen können, dazu bieten wir am 5. Mai eine Veranstaltung an.